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Warten auf den Bus

Vermeintlich weit ab vom hektischen Großstadtrummel, in der gefühlten Pampa an der Bushaltestelle schleicht die Zeit dahin, kann man seine Gedanken ungestört schweifen lassen. Kein Bus weit und breit.
Eine Szenerie, in der rbb-Serie „Warten auf’n Bus“ amüsant, wird ab Juni in vielen Gemeinden von Potsdam-Mittelmark zur Realität. Dann werden viele Busse nur noch im 30–Minunten Takt, stündlich oder gar nicht mehr fahren. Der Kreistag hat dies, weitgehend unbemerkt von vielen Nutzern des ÖPNV in der Region, längst beschlossen.

Sitzt man jetzt im falschen Film? Realsatire? Wer will schon nachts oder am Wochenende noch woanders hin oder für den Einkauf mal eben den Bus benutzen? So mancher Fahrgast wird sich verwundert die Augen reiben.

Regiobus setzt mit der Taktverlängerung um, was durch die finanziellen Kürzungen des Kreistages nötig ist. Denn Personal, Energie, Fahrzeuge, Ersatzteile: Alles ist deutlich teurer geworden. Nach internen Verkehrszählungen sind die Busse in Randzeiten bei den genannten Linien zu wenig ausgelastet, können also eingespart werden – so die Logik.

Gleichzeitig sind die gesellschaftlichen Erwartungen an den ÖPNV in den letzten Jahren deutlich gestiegen: nachhaltiger, flächendeckender, verlässlicher soll er sein. Dennoch sind staatliche Förderprogramme, etwa für emissionsfreie Busse, aufgrund der Schuldenbremse gestoppt worden. Regiobus kaufte im letzten Jahr elf Gelenkbusse mit Dieselantrieb, obwohl die EU-Verpflichtung besteht, den Fuhrpark innerhalb der nächsten fünf Jahre umzurüsten. Da treffen hohe Erwartungen auf schwache Strukturen. ­­Martin Grießner, der Geschäftsführer von Regiobus verfolgt dennoch weiterhin das Ziel, „bei allen Änderungen ein attraktives ÖPNV-Netz im Landkreis anzubieten, die ländlichen Gebiete mit der Metropolenregion zu verbinden. Wir hoffen, dass unsere Fahrgäste das geänderte Angebot annehmen und auch weiterhin gern und vielleicht sogar noch öfter mit uns unterwegs sind“, ließ er in einer Pressemitteilung zum Fahrplanwechsel verlauten.

Zum 01. Juni wird der Busverkehr im Landkreis PM neu organisiert.

In TKS waren viele Nutzer des ÖPNV erleichtert, als der Takt und die Netzverbindungen 2009 endlich erhöht wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Bus für viele Menschen keine Option für eine schnelle Verbindung zur Arbeit, sei es nach Berlin oder Potsdam. Seitdem ist die Nutzung des ÖPNV nicht nur in TKS deutlich gestiegen. Dennoch zeigt eine vom Landesamt erstellte Statistik zur Mobilitätsentwicklung in TKS für 2023 ein leicht verändertes Nutzungsverhalten. Spitzenreiter ist weiterhin der privat genutzte Pkw mit 49 Prozent. Um 5 Prozent zugelegt haben seit 2013 sowohl der Radverkehr (18 Prozent) und Fußverkehr (23 Prozent). Der ÖPNV ist laut dieser Statistik in der Nutzung auf 10 Prozent zurückgefallen. Ist das der Grund für die jetzige Rolle rückwärts im Nahverkehr? Auch der Kreis Potsdam-Mittelmark bekennt sich zu mehr Klimaschutz und setzt in seinem Nahverkehrskonzept auf umweltfreundlichere Varianten. Der Ende Januar verabschiedete Haushaltsetat für 2026 ist gekennzeichnet vom Sparzwang. Dennoch ist es eine politische Entscheidung, wenn die geplanten Investitionen neben Schulen und Gebäuden vor allem in die Sanierung der Straßen fließen und das Angebot des ÖPNV zurückgefahren wird. Ein Antrag der Fraktion DIE LINKE/Piraten/Tierschutz PM für eine Erhöhung der Mittel, um das bisherige Angebot weiter aufrechtzuerhalten, wurde mehrheitlich abgelehnt. Der Landrat Marko Köhler sieht in der jetzigen Anpassung des Fahrplans an die vorhandenen Finanzmittel „lediglich eine Optimierung“. Andernfalls müsse an anderer Stelle, etwa der Kreisumlage, gespart werden (Sitzungsprotokoll des Kreistages). In der zugehörigen Beschlussvorlage heißt es: „Unser Ziel ist es dabei, die Grundversorgung, insbesondere für Schülerverkehre und Pendler, sicherzustellen und den Zugang zu wichtigen Verkehrsangeboten aufrechtzuerhalten.“ Die Bürgermeister von ­Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow hatten sich im Vorfeld der Mittelkürzungen in einem offenen Brief an den Landrat gewandt und ihr Unverständnis geäußert. Die Region ist geprägt vom Pendlerverkehr. Weder Kleinmachnow noch Stahnsdorf sind bislang an das Schienennetz angeschlossen. Wenn Busse nur noch halbstündlich oder stündlich fahren und Linien komplett wegfallen, sind die Auswirkungen klar absehbar. Wer kann, steigt auf das Auto um und ist für den ÖPNV verloren. Die Straßen nach Berlin und Potsdam sind in Stoßzeiten künftig noch mehr verstopft als ohnehin schon. Menschen mit wenig Geld, Ältere und Jugendliche haben das Nachsehen.

In Stahnsdorf wird nicht nur die dadurch steigende Verkehrsbelastung kritisch gesehen. Güterfelde, Schenkenhorst und Sputendorf werden mit dieser geplanten Taktreduzierung am Wochenende und an Feiertagen „abgekoppelt“, so die Einschätzung von Stephan Reitzig, dem Pressesprecher von Stahnsdorf. „Bei der Linie 626, die Stahnsdorfs Gewerbegebiete mit dem S-Bahnhof Teltow Stadt und dem Busbahnhof Waldschänke verbindet, wird der hart erkämpfte 30-Minuten-Takt ab Sommer 2026 wieder auf den ursprünglich im TKS-Busnetz angebotenen Stundentakt zurückgefahren, am Wochenende und an Feiertagen sogar auf einen Zwei-Stunden-Takt.“ Kai Schultka, Gemeindevertreter Bündnisgrüne/Linke in Stahnsdorf, kritisiert u. a. die fehlende Anbindung an Berlin und Potsdam in den späten Abendstunden. So könne man das dortige kulturelle Angebot nicht wahrnehmen, man komme durch den gestrichenen Nachtbus in der Woche allenfalls noch mit der S-Bahn zurück bis Teltow. Eine von ihm gestartete Petition gegen die Kürzungen im Nahverkehr wurde von knapp 4.000 Menschen unterschrieben.

Der Eigenanteil des Landkreises an den Kosten des ÖPNV hat sich in den letzten Jahren verdoppelt – von 10,3 Mio. Euro (2015) auf 24,0 Mio. Euro (2024).

Kleinmachnows Bürgermeister Bodo Krause sieht in den geplanten Kürzungen im ÖPNV eine spürbare Einschränkung für viele Bürgerinnen und Bürger, die auf den Bus angewiesen sind. Weniger Verbindungen erschwerten Wege im Alltag ebenso wie die Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen – etwa im Gewerbepark Dreilinden, der auf eine verlässliche Anbindung an den S-Bahnhof Wannsee angewiesen ist. Krause spricht sich dafür aus, bei der Weiterentwicklung des Nahverkehrs auch innovative Ansätze mitzudenken. Auf kurzen, klar begrenzten Strecken, etwa zwischen dem Gewerbegebiet Dreilinden und dem S-Bahnhof Wannsee, könnten autonome Shuttle-Angebote perspektivisch eine Ergänzung sein – gerade vor dem Hintergrund steigender Betriebs- und Personalkosten.

Tatsächlich sind autonom fahrende Shuttle-Busse in den USA und China gang und gäbe. Auch in Bonn, Mannheim und München laufen bereits funktionierende Pilotprojekte, die durch Fördergelder der Bundesregierung unterstützt werden. Ziel ist es, „die Mobilität von morgen für alle zugänglich, sicher und nachhaltig zu gestalten“. In Brieselang (Havelland) fährt bereits ergänzend zum Linienverkehr, organisiert von Ehrenamtlichen, ein ­Bürgerbus mit acht Sitzplätzen. Das Angebot wurde so dankbar angenommen, dass 2024 ein weiterer Bus angeschafft wurde. In vier weiteren Gemeinden Brandenburgs wird das System von Bürgerbussen seit Jahren praktiziert. Die Kosten teilen sich der Landkreis Havelland und die Gemeinden, bezuschusst von der Landesregierung.

Der ÖPNV gehört grundsätzlich zur Basisinfrastruktur für gleichwertige Lebensverhältnisse. In Berlin sichern eine enge Taktung und verschiedenste Verkehrsmittel eine weitgehend autounabhängige Mobilität. Im ländlichen Raum ist dies eine Herausforderung. Hervorzuheben ist, dass die Region TKS im Vergleich zu anderen Orten im Landkreis Potsdam-Mittelmark vergleichsweise gut angebunden ist.

„Es bedarf eines anderen Blickes für ein vielfältiges Mobilitätsangebot so die Einschätzung von Andre Freymuth, Bürgermeister von Teltow. Mögliche Car-Sharing-Angebote ersetzen zwar nicht den Linienbus, seien aber ein kleiner Baustein für eine bessere Anbindung.

Das bestehende Angebot der Linienbusse in Potsdam-Mittelmark geht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Wohnen auf dem Land und dennoch stadtnah. Allerdings fährt nur stündlich ein Bus in die Stadt und zurück. Der letzte sogar bereits um 22:00 Uhr. Der eigene Pkw fährt, wann und wohin man möchte, und steht direkt vor der Tür. Für Autofahrer ist die Sache klar. Doch wie kann der Bus so attraktiv gestaltet werden, dass die Menschen ihr eigenes Auto stehen lassen?

Ohne veränderte gesellschaftliche und politische Weichenstellungen für eine andere, umweltfreundliche Mobilität, wird sich an diesem Dilemma wenig ändern. Die Busse werden weitere Fahrgäste verlieren und heiße Luft durch die Gegend fahren.

Was bedeuten diese Sparpläne konkret für Fahrgäste in TKS?

Taktreduktion Streckenabschnitt Teltow Bahnhof – Sigridshorst
Mo – Fr auf Stundentakt
(statt in der Hauptverkehrszeit
(HVZ): 20‘-Takt)
(außerhalb des Schülerverkehrs)

Taktreduktion Linie 626
Mo – Fr auf Stundentakt
(statt 20‘/40‘-Takt)
(außerhalb des Schülerverkehrs)

Taktreduktion Linie 627
Mo – Fr Abschnitt Stahnsdorf,
Waldschänke – Annastraße
auf Stundentakt (statt HVZ: 20‘-Takt)

Taktreduktion Linie 184 Samstag
auf Stundentakt (statt 20‘-Takt)

Taktreduktion Linien 620, 622, 623 Samstagabend sowie Sonn- und
Feiertag ganztägig auf Stundentakt (statt 30‘-Takt)

Taktreduktion Linien 626, 627, 629 am Wochenende und an Feiertagen auf 2-Stunden-Takt (statt 60‘-Takt)

Einstellung Linie 629
S Teltow Stadt – Postviertel
am Wochenende und an
Feiertagen

Einstellung Nachtverkehr
So/Mo – Do/Fr in TKS
(Linien N12, N13)

Fotos: Redaktion / Ute Bönnen