Invasive Pflanzenarten – Eine Gefahr für das heimische Ökosystem
Der Wald gilt als Inbegriff der Beständigkeit. Hohe Stämme, ein geschlossenes Blätterdach und scheinbar ewige Kreisläufe prägen sein Bild. Doch hinter dieser Kulisse vollzieht sich vielerorts ein tiefgreifender Wandel.
In Brandenburg, beispielsweise in den Revieren Ludwigsfelde und Großbeeren im Forstamt Teltow-Fläming, sehen sich Försterinnen und Förster einer Herausforderung gegenüber, die leise begann und inzwischen ganze Bestände prägt. Invasive Pflanzenarten verändern die Zusammensetzung der Wälder.
Die spätblühende Traubenkirsche im Fokus
Sarah Louisa Schmidt und Lukas Rolle sind Hoheitsförster und beschäftigen sich täglich mit unseren Ökosystemen. Im Verlauf von Jahrmillionen hat sich der Wald zu einem makellosen Zusammenspiel zwischen sämtlichen Lebewesen entwickelt. Alle sind voneinander abhängig. Mit der Zeit betraten jedoch neue Baumarten die Szenerie. Dazu gehören die Roteiche, die Robinie und die spätblühende Traubenkirsche. Neben vielen weiteren Pflanzen haben all diese eine andere Heimat. Durch menschliche Aktivitäten gelangten sie nach Deutschland, entweder absichtlich eingeführt oder unabsichtlich verschleppt. Ohne natürliche Feinde kann vor allem die spätblühende Traubenkirsche zur Plage werden. Sie verdrängt unter anderem die heimische Eiche, den Ahorn, die Linde und die Buche. Sie wächst oft schneller und ist teilweise zäher. Für verschiedenste Tierarten kann das bedeuten, dass sie keine Nahrung mehr finden. Spezielle Insekten, die sich von Eichen ernähren, finden weniger Nahrung.
Die spätblühende Traubenkirsche enthält beispielsweise in ihren Samen, ihrer Rinde und ihren Blättern das cyanogene Glykosid Prunasin, welches im Magen zu Blausäure umgewandelt wird. Deshalb wird das strauchähnliche Gewächs von Wild meistens gemieden, während unsere einheimischen Arten gefressen werden. Wenig Licht und Wasser sind für die Pflanze ebenfalls unproblematisch, sodass ihr Wachstum häufig schneller voranschreitet als das ihrer Konkurrenten. Dadurch stellt die spätblühende Traubenkirsche alles andere in den Schatten und dominiert die natürliche Verjüngung des Waldes.

Enorme Kosten für wenig Ertrag
Die Forstwirtschaft sieht sich mancherorts mit vielen neuen Aufgaben konfrontiert. Da viele Abzweiger entstehen, aber kein richtiger Stamm wächst, ist das Holz für die Industrie in der Regel unbrauchbar. Die Waldbesitzer können dadurch finanzielle Einbußen erleiden, vor allem, da sich die Bekämpfung als nahezu unmöglich darstellt. Sarah Louisa Schmidt und Lukas Rolle beschreiben zahlreiche Versuche, die Ausbreitung einzudämmen – von Schafen, die die spätblühende Traubenkirsche fressen sollten, über konsequentes Abhacken bis hin zum Rausreißen. Doch ihr Gift, ihre Fähigkeit, neue Triebe zu bilden, und ihr schnelles Wachstum haben diesen Methoden Grenzen gesetzt. Nur mit einem hohen finanziellen Aufwand ist es möglich, die wuchernde Plage mit einem Bagger oder viel Werkzeug einzudämmen. Das Geschäft der Forstwirtschaft schreibt dann allerdings rote Zahlen, sodass diese Methode für die meisten Waldbesitzer, Länder und Kommunen auf Dauer nicht praktikabel ist. Selbst nach dem Herausziehen größerer Exemplare treiben die verbliebenen Wurzelreste wieder aus. Die Samen im Boden können jahrelang keimfähig bleiben. Wer einmal investiert, muss über viele Jahre hinweg nacharbeiten, um ein erneutes Überwuchern zu verhindern.

Es braucht also einen neuen Lösungsansatz. Der Landesbetrieb Forst Brandenburg verfolgt inzwischen einen zunehmend pragmatischen Ansatz. Da die Traubenkirsche mit zunehmendem Alter lichter wird, versucht man, schattentolerante Zielbaumarten unter ihrem Schirm einzubringen. Anstelle einer vollständigen Ausrottung setzt man auf Integration und einen langfristigen Waldumbau. Dies hat natürlich zunächst Nachteile, denn die Auswirkungen betreffen nicht nur einzelne Baumarten, sondern das gesamte Ökosystem. Viele Insekten sind hochspezialisiert. Sie sind auf bestimmte Baumarten angewiesen, sei es wegen der Blütezeit, bestimmter Blattstrukturen oder chemischer Inhaltsstoffe. Wenn die Zeit jedoch gekommen ist, spendet die spätblühende Traubenkirsche Licht für neue Arten. In der Hoffnung, dass sich der Wald auf natürliche Weise verjüngt, finden Ahorn, Buche, Eiche usw. ihren Weg zurück in den Wald. Integration ist, so paradox es klingen mag, die neue Methode unserer Förster. Allerdings finden auch immer wieder neue invasive Arten ihren Weg in unsere grüne Lunge – wie so oft ist das Problem menschengemacht.
Verheerende Folgen durch Gartenabfälle
Ein Teil des Problems entsteht nicht im Wald selbst, sondern an seinen Rändern. Immer wieder werden Gartenabfälle illegal im Wald entsorgt. Rasenschnitt, Strauchschnitt oder ausgediente Zierpflanzen scheinen auf den ersten Blick harmlos, doch sie können als Einfallstor für invasive Arten wirken. Mit dem Grünschnitt gelangen Samen und Wurzelstücke in den Wald. Besonders problematisch sind der Japanische Staudenknöterich und das indische Springkraut. Beide breiten sich aggressiv aus, bilden dichte Bestände und sind nur mit enormem Aufwand zu entfernen.
Förster erkennen ehemalige Ablagerungsstellen oft an den dort wachsenden Pflanzen, zum Beispiel an stickstoffliebenden Brennnesseln, Gartensträuchern oder wuchernden Zierpflanzen. Der Waldboden, der normalerweise ein fein abgestimmtes System ist, wird durch die Nährstoffeinträge verändert. Die Zusammensetzung der Vegetation verschiebt sich – oft dauerhaft. Aufgrund des Klimawandels kommt es immer häufiger zu längeren Trockenphasen, in denen die Waldbrandgefahr bis zur höchsten Stufe ansteigt. Das Ablagern von pflanzlichen Abfällen erhöht diese Gefahr zusätzlich. Beim Gärungsprozess kann es zur Überhitzung kommen, sodass die Berge an Grünschnitt sich selbst entzünden können. Ein Problem, mit dem auch unsere Hoheitsförster konfrontiert sind: Wenn einmal ein Müllberg entstanden ist, wird er von vielen als Einladung wahrgenommen, ebenfalls ihren Abfall zu entsorgen.

Die Jagd als potenzieller Schlüssel?
Eine der größten Herausforderungen für Sarah Louisa Schmidt und Lukas Rolle besteht darin, die Verjüngung des Waldes mit einheimischen Arten voranzutreiben. Durch den Mangel an Fressfeinden kommt es vielerorts zu einer Überpopulation von Schalenwild, das die Pflanzen verbeißt. In eingezäunten Bereichen zeigt sich: Ohne Wild ist das Potenzial der Vielfalt scheinbar grenzenlos und junge Eichen können gedeihen. In der Regel haben sie kaum eine Chance, da sie von Rehen verbissen werden. Übrig bleiben Arten, die gemieden werden, wie die spätblühende Traubenkirsche.
Jäger könnten eine Schlüsselrolle übernehmen, wenn mehr Menschen den Fokus auf die Entwicklung des Waldes legen würden. Lukas Rolle besitzt ebenfalls einen Jagdschein und sieht seine Aufgabe in der Förderung eines naturnahen Waldes. Allerdings betrachten viele die Jagd als Hobby und lassen eine Überpopulation zu, um dieser Tätigkeit leichter und regelmäßiger nachgehen zu können. Fest steht: Die Wilddichte muss auf ein waldverträgliches Maß sinken. Hier könnte die Rückkehr des Wolfs eine Schlüsselrolle spielen. Obwohl sie politisch häufig als kritisch angesehen werden, können die Raubtiere das Ökosystem im Wald regulieren, weshalb Förster ihre Rückkehr begrüßen. Denn Prädatoren tragen zur Anpassung gesunder Wildstände bei.
So unterstützen wir unser heimisches Ökosystem
Zunächst sollte man sich bewusst machen, dass Naturschutz und Forstwirtschaft trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten untrennbar miteinander verbunden sind. Während die Naturschützer einheimische Tier- und Pflanzenarten schützen möchten, ist ein Ziel der Forstwirtschaft neben dem Erhalt des Waldes die Holzproduktion für die Industrie. Deshalb wird die Roteiche teilweise eingepflanzt. Sie wächst schneller als unsere herkömmliche Eiche, kommt mit weniger Nährstoffen aus und dient zudem als Schutzschild bei Waldbränden. Diese invasive Art wird ökologisch von verschiedenen Seiten kritisch betrachtet.
Jeder kann etwas für unsere Umwelt tun. Es beginnt vor allem im eigenen Garten, indem man sich dafür entscheidet, einheimische Arten zu pflanzen und den Rasen länger wachsen zu lassen. So verwandelt sich ein toter englischer Rasen in ein tierfreundliches Paradies.
Die Natur folgt dennoch immer ihren eigenen Regeln: Der Brandenburger Wald ist ein Beispiel für viele Regionen Deutschlands. Er ist kein unberührtes Naturidyll, sondern ein von Menschen geprägtes System im ständigen Wandel. Invasive Arten wie die spätblühende Traubenkirsche verdeutlichen die engen Verflechtungen zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen.
Fotos: Adrian Rosin
