Abstecher ins Mittelalter: Jüterbog

60,2 Kilometer sind es vom Rathaus Teltow bis zum Rathaus Jüterbog. Mit dem Regio ist man in noch nicht einmal einer Stunde in der über 1.000 Jahre alten Stadt im Fläming. Eine kleine Zeitreise ins Mittelalter, denn bei diesem Ausflug taucht man ein in jede Menge Geschichte und Geschichten. Jüterbog ist ein Streifzug durch die Vergangenheit, auf dem man auf stumme Zeitzeugen der Reformation trifft. Etwa in der Nikolaikirche, in der Thomas Müntzer kurzfristig predigte.

Nikolaikirche, Foto: TMB/Böttcher+Tiensch

Dort steht der legendäre Tetzelkasten, eine große Truhe, in der die Erlöse des Ablasshandels gesammelt wurden. Wer sich seiner Sünden entledigen und nicht in der Hölle schmoren wollte, musste mit seinen hart erarbeiteten Gulden Ablassbriefe kaufen. Schnöder Mammon statt echte Buße wurde zum florierenden Geschäftsmodell des Ablasspredigers Johann Tetzel. Für Luther war der Sündenfreikauf ein Frevel und Anlass zum Thesenanschlag im rund 40 Kilometer entfernten Wittenberg.

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In dem eindrucksvollen gotischen Sakralbau verbergen sich weitere einzigartige mittelalterliche Kunstschätze: der Fegefeuer-Altar von Cranach, eine Sammlung wertvoller Holzplastiken aus dem Mittelalter und seltene Ausmalungen. Und noch eine Besonderheit hat die Kirche St. Nikolai: zwei unterschiedliche Turmspitzen.

Warum diese so verschieden sind, wird in der Kirche erklärt. Das Treppensteigen bis zur Turmhöhe wird mit einem unbeschreiblichen Rundblick über die Stadt belohnt.

Blick von der Nikolaikirche, Foto: TMB/ Steffen Lehmann

Stadttore und Fachwerkhäuser

Östlich der Nikolaikirche steht einer der sechs erhaltenen und restaurierten Wehrtürme, der „Eierturm“. Einige Meter weiter das Neumarkttor, das den östlichen Zugang nach Jüterbog ermöglichte.

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Neben dem Neumarkttor sind noch zwei weitere Stadttore aus dem Mittelalter erhalten geblieben: das Zinnaer Tor – dessen Innentor bis heute erhalten geblieben ist – und das imposante Dammtor, das am besten bewahrte und schönste der drei Stadttore. Die Holzfigur am Fuße des Südturms erinnert an Tetzel und seine Ablassbriefe. An jedem Stadttor hängt eine Holzkeule, Symbol für die peinliche und Halsgerichtsbarkeit. Im Mittelalter durfte in Jüterbog hochoffiziell gefoltert und die Todesstrafe verhängt werden. Später wurde die Keule durch eine Spruchtafel ergänzt, die undankbare Kinder warnen und Eltern mahnen sollte. Südlich hinter dem Dammtor liegt der Heilig-Geist-Platz mit der über 130 Jahre alten Luthereiche und dem Schneideweinstein, der an den lutherischen Prediger Thomas Schneidewein erinnert.

Die Nikolaikirchstraße beeindruckt mit Fachwerkhäusern aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Über sie gelangt man geradewegs zum Markt, seit jeher Zentrum der Stadt. Günstig an zwei Fernhandelsstraßen gelegen, fanden hier bereits ab 1285 Wochenmärkte statt und spülten viel Geld in die Stadtkasse. Mitten auf dem Marktplatz steht das zweitälteste und vielleicht schönste Rathaus Brandenburgs.

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Seine Geschichte geht bis ins Jahr 1285 zurück. Heute ist das „Fürstenzimmer“ mit einem Fresko aus der Zeit um 1530 das Dienstzimmer des Bürgermeisters. Rund um den Markt mit seinen denkmalgeschützten Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert laden Cafés und Geschäfte zum Verweilen ein.

Die Kleine Kirchgasse führt zu einem spätgotischen Backsteinbau, dem Abtshof. Ab etwa 1480 diente er dem Kloster Zinna als Stadtresidenz. Entlang der wuchtigen ehemaligen Stadtmauer geht es zur Gasse Wursthof, in der einst die Fleischhauer ihr Gewerbe ausübten.

Spannende Zeitreise für Kinder

Vom Wursthof aus gelangt man über die Klostergasse zum Mönchenkloster mit seiner von 1480 bis 1510 erbauten Mönchenkirche. Im Kellergewölbe des Klosters können Kinder auf Tuchfühlung mit dem Mittelalter gehen. In zur Epoche passenden Kostümen schlüpfen sie in die Rolle einer Person aus dem Mittelalter, entdecken an 16 Stationen handwerkliche Fertigkeiten, kaufmännisches Wissen und alltägliche Gegebenheiten dieser spannenden Ära.

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Ein Highlight für Besucher Jüterbogs sind die Überbleibsel der ehemaligen Stadtmauer und der schiefe Wehrturm. Seine Tür zeigt die ursprüngliche Höhe des Walls. Vorbei am 1699 erbauten Gebäude des Landratsamtes, erreicht man die Liebfrauenkirche und den ältesten besiedelten Teil der Stadt. Wer auf Gänsehaut steht, besucht den Friedhof der Kirche und versucht, der Legende um die weiße Frau auf den Grund zu gehen.

Spitzbuben und Ampelmännchen

In der Pferdestraße fanden einst die Pferdemärkte Jüterbogs statt. Heute ist sie Einkaufsstraße mit einem ganz besonderen Geschäft: die „Große Kekswelt“. In der Backstube von Daniela Große werden nach traditionellen, überlieferten Rezepten Jüterboger Spitzbuben, Böckchen, Klemmkuchen oder die beliebten Baumstrietzel gebacken.

Jüterbogs historischer Stadtkern lässt sich auf eigene Faust, mit einem Guide oder dem Segway erkunden. Historie und Genuss verbindet die Schlemmertour. Bei diesem kulinarischen Stadtrundgang werden interessante Geschichten über Jüterbog erzählt und regionale Spezialitäten verköstigt. Wie immer man die außerordentlich gut erhaltene mittelalterliche Stadtstruktur auch erleben möchte, einen Besuch ist sie zu jeder Jahreszeit wert.

Vor den alten Stadtmauern Jüterborgs liegt das 1170 gegründete Zisterzienserkloster Zinna mit Klosterkirche und Museum. Im ehemaligen Siechenhaus wird die Kräuteressenz für den „Zinnaer Klosterbruder“ hergestellt. Der legendäre süße Kräuterlikör darf nach dem Erwerb einer Eintrittskarte vor Ort verkostet werden.

Text: pst