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Im Auftrag des Lebens: Unterwegs mit einer Hebamme

Seit 35 Jahren geht ­Hebamme Katrin Schumann ihrer Berufung nach. Um den Anforderungen in den werdenden und frischgebackenen Familien gerecht werden zu können, bedarf es ein hohes Maß an gegenseitiger Wertschätzung. Vor allem aber möchte die Stahnsdorferin eines: Den Frauen helfen, das Vertrauen in den eigenen Körper und ihr naturgegebenes Können im Umgang mit dem Kind zu stärken.

Dienstag früh klingelt der Wecker bei Katrin Schuhmann bereits um sechs Uhr, wie immer geht sie ohne Frühstück nicht aus dem Haus. Tee und Haferflocken mit Blaubeeren auf Joghurt, das muss eine Weile reichen, denn die Tage der ­Hebamme sind oft lang, bunt und erfordern stets ein hohes fachliches Knowhow, Einfühlungsvermögen und den Blick für das große Ganze.

Bevor es losgeht, schaut Katrin zum ersten Mal in ihre E-Mails und in die Nachrichten auf ihrem Handy. Dann macht sie sich auf den Weg in die gynäkologische Praxis in Babelsberg. Hier berät sie im Halbstundentakt werdende Mütter und führt Schwangerenvorsorge durch. Während bei einer Patientin bereits ein CTG eine Viertelstunde lang die Muskelkontraktionen der Gebärmutter und Herztöne des Kindes aufzeichnet, untersucht Katrin bereits die nächste.

Ein voller Terminplan

Zwischen den Terminen beantwortet sie immer wieder Anrufe, ohne dabei jedoch hektisch zu werden. „Da muss ich schnell ran!“, sagt sie und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Das Telefonat dauert dann doch ein paar Minuten. Katrin hört geduldig zu, freut sich, wenn einer ihrer Tipps funktioniert und hat auch schon einen passenden Rat für das nächste Problem. Die Augenhöhe mit ihren Patientinnen verliert sie in den oft sehr persönlichen Gesprächen nie. Selbst, wenn sie in seltenen Fällen auch einmal eine klare Ansage machen muss. Gelegentlich betreut Katrin soziale Härtefälle, Frauen, die mit der Pflege von einem Baby überfordert sind und Hilfe von außen kaum oder gar nicht annehmen wollen. „Im Interesse der Kinder werde ich der Mutter deshalb ganz deutlich sagen, was ich für richtig und was ich für falsch halte.“

Rahmenbedingungen müssen sich verbessern

Zeitdruck merkt man Katrin nicht an, mit souveränen Handgriffen und ruhiger Stimme steht sie den Frauen zur Seite, ganz gleich, um welche Probleme es geht. „Früher hieß es‚ guter Hoffnung zu sein‘“, erklärt sie. Heute seien viele Schwangerschaften  von den Ängsten der Frauen überlagert. Sie sieht die originäre Tätigkeit einer Hebamme vor allem darin, die ureigene Kräfte der Frauen unter der Geburt zu wecken. „Leider wird das von den Krankenkassen nicht bezahlt.“ Von der Politik wünscht sie sich, dass die Fallpauschale für Hebammenhilfe bei einer spontanen Geburt nicht geringer ist als für einen Kaiserschnitt. Außerdem sei eine 1:1-Betreuung in den Kreißsälen nötig. „Und ich wünsche mir, dass jede Frau auch tatsächlich eine Hebamme findet, wenn sie das möchte.“

Die Zuversicht der Frauen stärken

„Ich hab noch nie so viel Papierkram in die Hand bekommen!“, moniert eine Patientin und schaut etwas irritiert. Katrins rote Tasche ist dermaßen vollgestopft mit Heftern und Aktenordner, dass der Reißverschluss nicht mehr schließt. Mittlerweile geht ein großer Teil ihrer Stunden für Dokumentation und Büroarbeit drauf. Katrin seufzt, es hilft ja nichts. Dann strafft sie sich und lädt mich in Potsdam beim Libanesen zur „besten Falafel der Stadt“ ein. Zehn Minuten Mittagspause, schon geht´s weiter zum nächsten Hausbesuch.

Die Themen ähneln sich und sind doch verschieden, so sehr wie es die unterschiedlichen Familien sind. „Die ersten Wochen mit einem Neugeborenen sind oft sehr viel anstrengender als die Geburt selbst, das sagt den Frauen vorher nur niemand.“ Tröstend nimmt Katrin eine Patientin in die Arme. Insbesondere den Umgang mit gutgemeinten, aber allzu oft verunsichernden Ratschlägen aus dem Familien- und Freundeskreis müssen viele frischgebackene Mütter erst lernen. „Es ist so schade!“, sagt Katrin. „Die Frauen geben 150 Prozent und bekommen trotzdem oft das Gefühl, dass es nicht rund läuft. Dabei machen sie es verdammt gut!“

Ohne familiären Rückhalt geht es nicht

Abends muss Katrin noch einmal für zwei Stunden an den Rechner: Büroarbeit, für die sie am Tag keine Zeit finden konnte. Ihr Beruf ist anstrengend und kostet Kraft, trotz aller Freude. Dreimal in der Woche nimmt sie sich daher Zeit für Sport, Zeit für körperlichen und mentalen Ausgleich. Außerdem hat sie sich mit Hilfe eines Youtube-Tutorials das Stricken beigebracht. „Mit einem guten Hörbuch im Hintergrund kann ich herrlich entspannen.“

Am Ende des langen Arbeitstages fällt mir auf, dass ich während der vielen Beratungen und Hausbesuche nicht einen einzigen Partner angetroffen habe. Ein Eindruck, den ­Katrin nicht unkommentiert stehen lassen möchte. Die Verunsicherung auf Seiten der Männer sei ebenfalls groß und der Druck, der auch auf den Vätern laste, nicht zu unterschätzen. Viele Partner nehmen mittlerweile ein paar Wochen Elternzeit und sind zuhause viel präsenter als früher. Sie haben verstanden, wie wertvoll die erste gemeinsame Zeit ist, die Partnerschaft verändert sich mit der Geburt eines ­Kindes stark.

Eine weitere Bewährungsprobe komme schließlich beim Wiedereinstieg der Mutter in den Job. „Hier gelingt vielen Paaren die gerechte Verteilung der Aufgaben schon sehr gut“, ist Katrins Erfahrung. Sie selbst hat durch ihren Mann stets enorme Unterstützung und viel Verständnis für ihre Tätigkeit erhalten, ohne die sie ihren Beruf nicht so selbstverständlich hätte leben können. „Dafür bin ich ihm sehr dankbar!“, sagt Katrin und lächelt glücklich. „Es geht eben nur ganz oder gar nicht.“

Text/ Fotos: Madlen Pilz

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