Ohne Frühstück. Ohne Diskussion. 80 Jahre DEFA-Filme: Neue Sonderausstellung im Filmmuseum Potsdam, 24.07.2026 bis 2.05.2027
Vor 80 Jahren wurde in Potsdam-Babelsberg die DEFA gegründet, die staatliche Filmgesellschaft der DDR, die zwischen 1946 und 1992 zahlreiche Dokumentar-, Animations- und rund 750 Spielfilme herstellte. Anlässlich dieses Jubiläums zeigt das Filmmuseum Potsdam die neue Sonderausstellung „Ohne Frühstück. Ohne Diskussion – 80 Jahre DEFA-Filme“.
Emanzipation. Rebellion und Rückzug. Wohnen, Spaß und gute Laune. Freiheit und Fernweh. Kunst. Sex und Liebe. Essen und Trinken. Frieden, Patriotismus und Heimatliebe. Kirche und Religion. Mode und Bekleidung. Diese Themen bewegen Menschen überall und zu jeder Zeit auf unterschiedliche Art. Wie gingen die Menschen in der DDR damit um? Und wie wurden diese Themen in den Filmen der DEFA dargestellt? Zeigten sie die Wirklichkeit? Politische Wunschbilder? Oder persönliche Träume?
Für diese Ausstellung wurde eine Auswahl an Spielfilmen getroffen. Es stehen Produktionen im Mittelpunkt, die ihre eigene Zeit beschreiben. Es soll um den DDR-Alltag gehen. Die so genannten Gegenwartsfilme holten die Menschen im Kinosaal viel direkter bei ihren eigenen Befindlichkeiten ab. Sie entstanden nicht durchgehend auf Anweisung der Staatsführung, sozusagen „von oben“. Sie wurden von Filmschaffenden gemacht, die selbst in der DDR lebten. Sie teilten viele Erfahrungen, Hoffnungen und Sorgen mit ihrem Publikum. Gleichzeitig arbeiteten sie, wie alle anderen, in einem Staat, der auf den Alltag, Kunst und Kultur einen starken Einfluss nahm.
Spielfilme fangen den Zeitgeist oft sehr nachdrücklich ein. Historische Stoffe, Märchen- und Abenteuerfilme sowie Science-Fiction-Filme wurden bei der Auswahl nicht berücksichtigt. Natürlich waren auch sie ein wichtiger Bestandteil der DEFA-Produktion und spiegelten ihre Entstehungszeit wider, allerdings weniger konkret.
Dokumentarfilmproduktionen der DEFA gehen in die Tausende. In ihnen spielte der Alltag der Menschen in der DDR eine große Rolle, sie konnten in der Ausstellung in ihrer Komplexität aber nicht abgebildet werden. In den Sammlungen werden dazu in erster Linie Fotos und Dokumente bewahrt. Requisiten und Kostüme aus Spielfilmen illustrieren die Idee der Ausstellung plastischer, rufen Erinnerungen wach, lassen Staunen oder machen Lachen.
Oft rücken die Gegenwartsfilme für Kinder und Jugendliche vor den populären Märchenfilmen in den Hintergrund. Aber auch sie haben Wichtiges mitzuteilen und sollten nicht vergessen werden. Alle Altersgruppen werden in der Ausstellung angesprochen, bis hin zu den Jüngsten. Jede Ausstellungsstation integriert jeweils einen Kinder-, bzw. Jugendfilm.
Es darf nicht vergessen werden, dass in den Kinos der DDR DEFA-Filme in Konkurrenz zu Produktionen aus dem Westen standen. Das war eine Herausforderung für die Filmschaffenden, denn sie wollten Geschichten aus ihrem Land erzählen und ihre Sicht auf die Gesellschaft zeigen. Manche Filme erreichten ein Millionenpublikum. Andere gerieten in Vergessenheit oder wurden verboten. Neben Klassikern wie „Solo Sunny“, „Die Beunruhigung“ und „Bis daß der Tod Euch scheidet“ holt die Ausstellung etliche Filme in die erste Reihe, die eine Wiederentdeckung verdienen.
Viele weitere Themen und Filme hätten einen Platz in dieser Ausstellung verdient. Aber vielleicht regt diese Auswahl dazu an, die Filme der DEFA kennen zu lernen, neu zu entdecken und das Leben früherer Generationen mit unserer Gegenwart in Beziehung zu setzen. Egal ob in der DDR geboren, später oder andernorts, entsteht für das Publikum hoffentlich ein Eindruck von diesem Land durch die vier Jahrzehnte seiner Existenz und ermöglicht einen Abgleich mit der eigenen Situation im Hier und Heute.

Mit der Ausstellungsgestaltung sollen neue Perspektiven auf die Filme der DEFA und ihre Vielschichtigkeit verdeutlicht werden, die zugleich eine kritische und offene Begegnung begünstigen. Deshalb fiel bewusst die Entscheidung für eine Farbigkeit der einzelnen Stationen, die auf eine symbolische oder klischeehafte Charakterisierung verzichten. Die Architektur hat auf den ersten Blick eine übersichtliche Struktur, im Detail ergeben sich im Verlauf des Themen-Rundgangs aber verwinkelte, überraschende Zugänge auf die Filme und Objekte. Die geringe Höhe der Ausstellungswände unterstützt dabei eine humane Dimensionierung und Freundlichkeit.
Die zurückhaltende Ausstellungsarchitektur soll in erster Linie die Exponate sprechen lassen. Die meisten stammen aus den Sammlungen des Filmmuseums, einige Leihgaben aus Privatbesitz bereichern die Erzählung. Im Kostümfundus Babelsberg und im Requisitenfundus des Studios konnten einige Originale aus den vorgestellten Produktionen identifiziert werden, darunter echte Highlights, wie das mit Schmuck besetzte Kleid von Jenny Jugo aus dem Film „Träum`nicht, Annette!“, Morgenmantel und Lederjacke von Renate Krößner aus „Solo Sunny“, das Showkleid von Katrin Sass aus „Zum Teufel mit Harbolla“ oder die Schreibmaschine aus dem Film „Einer trage des anderen Last“.
Die Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit der DEFA-Stiftung und dem Förderverein des Filmmuseums Potsdam. Für das Ausstellungsdesign zeichnet die Firma Kuschel und Klein Ausstellungsdesign Berlin verantwortlich. Die Firma Felder KölnBerlin hat das Grafikdesign entwickelt. Die Licht- und Medientechnik verantwortet die Firma Trollwerk Potsdam. Für die Förderung der Herstellung der Ausstellung gilt ein besonderer Dank der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam, dem Medienboard Berlin-Brandenburg und der Landeshauptstadt Potsdam.
Die Ausstellungsmacher danken den Partner*innen Progress Filmverleih, dem Kostümfundus Babelsberg, dem Requisitenfundes Studio Babelsberg sowie vielen privaten Leihgebern und Gesprächspartnern. Die Ausstellung wird präsentiert von Antenne Brandenburg. Die Sonderausstellung wird von der Foyerausstellung „Diene Ehrlich Friedlichem Aufbau“ und einer umfassenden Film- und Veranstaltungsreihe begleitet.
Als weiteres Angebot produziert das Filmmuseum Potsdam in Kooperation mit MD Productions GmbH und der DEFA-Stiftung den Podcast „Ohne Frühstück. Ohne Diskussion. 80 Jahre DEFA-Filme“, der Ausstellungen und Begleitprogramm im digitalen Raum erweitert und vertieft. Im Mittelpunkt stehen Gespräche mit Gästen, die ihre Sicht auf die DEFA und ihre Filme teilen, darunter Filmschaffende, Schüler und Wissenschaftler. Durch vielfältige, zeitgenössische Perspektiven auf das DEFA-Filmerbe wird sichtbar, wie unterschiedlich und lebendig diese Filme heute gesehen, erinnert und diskutiert werden.
Die erste Folge mit Laila Stieler und Andreas Dresen ging zum 22.7.2026, 10 Uhr online. Die beiden gelten als eins der erfolgreichsten Drehbuch-Regie-Duos im deutschen Kino und unterhalten sich über die Bedeutung der DEFA für ihr Schaffen. Geplant sind fünf weitere Folgen, die im Zusammenhang mit Veranstaltungen im Begleitprogramm zur Ausstellung auf den gängigen Plattformen veröffentlicht werden. Für die Konzeption sind verantwortlich Ulrike Kuschel (Filmmuseum Potsdam) und Michèle Dutt (MD Productions GmbH). MD Productions mit Sitz in Karlsruhe und Potsdam ist seit vielen Jahren im Bereich der Film- und Dokumentarsynchronisation sowie der Erstellung barrierefreier Fassungen für Film und Fernsehen tätig und verfügt durch die enge Zusammenarbeit mit der DEFA-Stiftung über eine ausgewiesene Expertise im Bereich des DEFA-Films.
Fotos: Manfred Thomas
