Mit KI und Fantasie ins Mittelalter – Stahnsdorfs spannende Vergangenheit
Vor der strohgedeckten Dorfkirche macht eine kleine Gruppe von Pilgern Rast, die auf dem nördlichen Jakobsweg, der alten Via Imperii, über Rom nach Jerusalem unterwegs ist und sich in Stanesdorp von den Mönchen segnen lässt. Auch wir begeben uns auf eine Reise – nämlich eine Zeitreise – und erkunden die Geschichte des Ortes vom Beginn des Mittelalters bis ins 15. Jahrhundert. Zu Hilfe kommen uns diesmal die KI, die unsere Stationen visualisiert, und unsere (an realen Ereignissen orientierte) Fantasie, die hilft, die ferne Zeit wiederauferstehen zu lassen.
Doch bevor wir die Pilger vor der Dorfkirche besuchen, reisen wir zurück in die Zeit nach dem Niedergang des römischen Imperiums, das unter anderem durch eine unbeherrschbare Migrationswelle (sog. „Völkerwanderung“) im 6. Jahrhundert endgültig entmachtet wurde. In den darauffolgenden Jahrhunderten ist der Bereich, den wir heute Brandenburg nennen, von slawischen Völkern besiedelt, die Ackerbau und Viehzucht betreiben und in den Wäldern und weitgehend unbesiedelten Moor- und Sumpfgebieten auf die Jagd gehen. Als „Heveller“ und „Sprewanen“ werden die Slawen aus unserer Region in die Geschichtsbücher eingehen. Germanische Stämme wie die Suebi, die früher dort gelebt hatten, waren zuvor nach Westen und Süden verdrängt worden. Die wenigen Zurückgebliebenen vermischten sich teilweise mit den Eroberern – meist jedoch blieben sie unter sich. Die Slawen errichten nun an strategisch wichtigen Punkten wehrhafte Burgen, von denen aus sie das Land beherrschen. Die mächtigsten Burgen befinden sich in Brandenburg an der Havel und in Köpenick, aber einige liegen auch südlich von Stanesdorp, das nach dem heiligen Stanislaus benannt ist, der von den christianisierten Slawen verehrt wird. Die Burgen dienen nicht nur als Festungen gegen nachdrängende Deutsche, sondern auch zur Abwehr feindlicher Slawenstämme. Wichtige Slawenburgen befinden sich in Brandenburg, Spandau, Köpenick, Drewitz und Trebbin. Mehrere Jahrhunderte lang können sich die Slawen im eroberten Gebiet halten und profitieren von einer klimatisch warmen Periode, die zu reichen Ernten führt, bis im 12. Jahrhundert deutsche Fürsten wieder tief ins slawische Gebiet vordringen. Während die beiden Völker recht friedlich koexistieren, bekriegen sich die Fürsten untereinander. Die Askanier unter Albrecht dem Bären setzen sich durch, zerstören die Köpenicker Burg des Slawenfürsten Jaxa, verdrängen die Slawen gen Osten und stellen ab jetzt den Markgrafen von Brandenburg, der auch das Gebiet des Teltows beherrscht. Beim eigenen Festungsbau lässt er sich von den Templer-Kreuzrittern unterstützen, muss aber auch einige Gebiete (z. B. an der Nuthe) an die Kirche abtreten. Deren Bischöfe gieren nach mehr Landbesitz, und so kommt es immer wieder zu Gefechten, die im verlustreichen Teltower Krieg gipfeln. Erst 1249 endet dieser mit einem Sieg der Askanier und der Vereinbarung, in Zukunft Gebiete nur noch gegen angemessene Bezahlung abzutreten. Bei einem solchen Gebietsverkauf entsteht auch die Urkunde, in der Stanesdorp im Jahr 1264 zum ersten Mal erwähnt wird, als ein „Magister Petrus de Stanesdorp“ von Markgraf Otto III. bei der Beurkundung eines Kaufes des Domkapitels zu Brandenburg als Zeuge benannt wird.

Rund drei Jahrzehnte später verkauft Markgraf Otto IV. die beiden Ortsteile „Germanicum und Slavicum Stanesdorp“ an Bischof Volrad zu Brandenburg, der bereits im Besitz des „Tafelgutes“ Teltow ist. Die Bauern, die im slawischen und im deutschen Teil wohnen, müssen Abgaben an den Bischof zahlen – ausgenommen der Pfarrer und der Lehnschulze, der die Abgaben eintreibt und gemeinsam mit dem Pfarrer dafür sorgt, dass Bauern und Kossäten (niederes Landvolk ohne eigenen Besitz) nicht gegen die Obrigkeit aufbegehren. Die damals noch turmlose, reetgedeckte Dorfkirche symbolisiert die kirchliche Macht und ist eine beliebte Zwischenstation für Pilger auf dem Weg nach Jerusalem.

Das deutsche und das slawische Stanesdorp führen eine friedliche Koexistenz, wobei die Slawen als Bauern, Fischer und geschickte Händler vom bereits zu Römerzeiten eifrig genutzten Handelsweg über die Furt im Bäketal profitieren.
Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1347. Nach einem gigantischen Vulkanausbruch auf Island hatte sich der Himmel für zwei Jahre verdunkelt, die Temperaturen waren dramatisch gesunken. Dadurch gibt es jetzt in Europa massive Ernteausfälle, auch unsere Region ist betroffen. Hilfe naht durch venezianische Handelsschiffe, die Getreide aus der Ukraine nach Italien bringen – und damit auch Flöhe als die Wirte des Pesterregers. Schnell verbreitet sich die Seuche durch aus Rom rückkehrende Pilger bis nach Stahnsdorf, wo ihr rund die Hälfte der Ortsansässigen zum Opfer fallen – hauptsächlich arme Leibeigene, die aufgrund der Kälte und der schlechteren Ernährung ein geschwächtes Immunsystem haben. Die Pest rafft in Brandenburg, das nach dem Aussterben der Askanier häufige Herrschaftswechsel erlebt, insgesamt rund ein Drittel der Bevölkerung dahin.

Ein Zeitsprung: Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1460. Die Nachkommen von Magister Petrus, der das einzige Familienmitglied blieb, das eine akademische Bildung genoss, haben den Hof weiterbetrieben und den Ort verwaltet, zunächst im bischöflichen Auftrag, zwischendurch für die Familie von Torgow, dann wieder für den Bischof und seit 1435 für die Familie von Hake zu Machnow. Magnus von Stahnsdorf, der Sohn des Hofbesitzers und amtierenden Lehnschulzen (der auch das Braurecht und Eigentum am Dorfkrug besitzt), ist gerade als einer der wenigen Glücklichen gesund von einer Pilgerreise nach Rom zurückgekehrt.

Im benachbarten slawischen Ortsteil, in dem er die Abgaben im väterlichen Auftrag eintreibt, hat er die schöne Lidija kennengelernt und mit ihr ein heimliches Verhältnis begonnen. Sie wohnt in einem typisch slawischen, reetgedeckten Haus im Bäketal, nordwestlich der deutschen Siedlung. Ihre Sprache ist Niedersorbisch, aber Magnus hat ihr schon einige deutsche Wörter beigebracht, obwohl: Liebe braucht eigentlich wenig Worte. Gerade ist er wieder einmal zu einem Besuch bei Lidija eingetroffen, da ist plötzlich lautes Gebrüll zu hören. Der Vater hat das heimliche Techtelmechtel entdeckt und ist mit einigen Bauern und Knechten angetreten, um es ein für alle Mal zu beenden – doch nicht genug: mit Gewalt werden die Slawen aus ihrem Dorf vertrieben, ihre Siedlung wird niedergebrannt, und Magnus muss zur Buße ins Kloster eintreten – So oder ähnlich könnte das Ende von Wendisch (Slawisch) Stahnsdorf besiegelt worden sein, denn um 1480 taucht es in den Annalen nicht mehr auf. Die Siedlung verwandelt sich in eine Wüste, denn aufgrund des nach einer Warmperiode wieder kälter gewordenen Klimas lohnt sich die Beackerung des dort vorherrschenden Sandbodens nicht mehr. Bis heute konnten keine spezifisch slawischen Siedlungsreste mehr gefunden werden. Der nunmehr rein deutsch besiedelte Ort um den heutigen Dorfplatz herum heißt jetzt Stanstorp.

Wir reisen weiter ins Jahr 1539. Im benachbarten Teltow treffen sich zehn Junker aus der Umgebung und unterzeichnen eine Erklärung, dass sie nunmehr zum evangelischen Glauben übertreten. Das kommt den Stahnsdorfer Bauern sehr gelegen, denn seit langer Zeit schon fühlen sie sich vom herrschenden katholischen Klerus ausgebeutet und unterdrückt. Mit immer höheren Ablasszahlungen hatten ihnen Priester und wandernde Mönche „den einzigen Weg in den Himmel“ versprochen, wenn sie nur genug zahlten. Mittlerweile waren die Geldforderungen so hoch, dass die Bauern nicht mehr mithalten konnten. Außerdem hatte sich die Lehre Martin Luthers aus Wittenberg über ganz Brandenburg und bis nach Stahnsdorf verbreitet, sodass man hier den Heilsversprechen der katholischen Kirche keinen Glauben mehr schenkte.

Heute nun macht sich der Ärger endlich Luft: Mit Unterstützung des Gutsbesitzers, Herrn von Hake, machen sich die wackeren Stahnsdorfer auf zur Dorfkirche und vertreiben die letzten Ablassprediger mit Schimpf und Schande aus dem Ort. In Zukunft wird in der Kirche nur noch das reine Wort Gottes zu hören sein, verkündet von einem Geistlichen wie Pfarrer Tornow aus Teltow und Pfarrer Pfeil in Stahnsdorf, die nach einigem Zögern der neuen Glaubensrichtung beigetreten waren. Die Stahnsdorfer freut es, die Bibeltexte und Liturgie nun endlich in deutscher Sprache hören zu können. Spätestens mit dieser befreienden Veränderung ist das Mittelalter endgültig überwunden.
Fotos: Foto: Mario Kacner (KI-generiert und bearbeitet)
