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Die Parforceheide und ihre Umbrüche

Friedrich Wilhelm I., seit 1713 König in Preußen, residierte in Berlin und Potsdam. Der auch als „Soldatenkönig“ bezeichnete Monarch war für seine Sparsamkeit bekannt – wenn es nicht ums Militär ging. So ließ er von 1730 bis 1732 weit vor den Toren Potsdams und Berlins das kleine Jagdschloss Stern im Stil eines holländischen Bürgerhauses mit Nebengebäuden errichten, um seiner großen Leidenschaft, der Parforcejagd, nachzugehen. Der Stahnsdorfer Heimatverein e. V. lädt am 14. Mai zu einer geführten Wanderung durch die Parforceheide ein.

Bei dieser ursprünglich aus Frankreich stammenden Jagdmethode wurde ein ausgewählter Hirsch von einer Gruppe von Reitern mit einer Hundemeute bis zur Erschöpfung gehetzt und am Ende vom Jagdherrn mit einem kurzen Schwert, dem sogenannten Hirschfänger, erlegt. Zur leichteren Orientierung wurden sternförmig Schneisen in den Wald geschlagen, auf denen die Jagdgesellschaft wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren konnte. Zugleich ermöglichte dieses Wegesystem, das Jagdgebiet einzugrenzen, indem die quer zu den Schneisen verlaufenden Wildwechsel durch Lappen oder Holzgestelle versperrt wurden. Man nennt das System der Schneisen auch Gestelle. Der ab 1726 von Friedrich Wilhelm I. angelegte „Potsdamer Parforcegarten“ war mit einem Palisadenzaun eingefriedet und erstreckte sich von der Bäke bis nach Philippstal und im Osten bis Kleinmachnow. Obwohl diese Jagdmethode in Deutschland schon im vorigen Jahrhundert verboten war, hat sich der Name „Parforceheide” für diese Region bis heute erhalten. Das eingezäunte Jagdgebiet hatte eine Fläche von rund einhundert Quadratkilometern.

Das Jagdschloss Stern, das ausschließlich für Jagdaufenthalte konzipiert wurde, stand bei seiner Erbauung im Mittelpunkt eines weitläufigen Geländes, das seit 1726 durch die Anlage eines sternförmigen Schneisensystems für Parforcejagden erschlossen wurde.

Verkehrswege durchtrennen die Parforceheide

In den letzten fast 300 Jahren hat die Parforceheide so viele Umbrüche erlebt wie kaum eine andere Region. Die Gründe dafür waren vielfältig. Mit dem Wachstum der Städte und der Dorfbevölkerung wurde aus dem Wald immer mehr Ackerland. Sümpfe wurden trockengelegt. 1838 wurde durch die
Parforceheide die Stammbahn von Berlin nach Potsdam als zweite Bahnstrecke in Deutschland in Betrieb genommen. 1906 wurde der Teltowkanal als Verbindung zwischen der Havel und der Dahme fertiggestellt, der die Parforceheide durchtrennt. Der alte Flusslauf der Bäke und verschiedene Seen verschwanden fast völlig. Mit der Anlage des Südwestkirchhofs von Berlin, des Wilmersdorfer Waldfriedhofs und des Wilmersdorfer Waldfriedhofs Güterfelde sowie der 1913 in Betrieb genommenen Friedhofsbahn nach
Stahnsdorf reduzierte sich das Gebiet der Parforceheide weiter. Pläne zur Anlage eines jüdischen Friedhofs in Dreilinden wurden aufgegeben. Auf Anordnung von Kaiser Wilhelm II. wurden im Jahr 1915 insgesamt 10.000 Hektar Wald im Berliner Umland – darunter die Parforceheide – aus Gründen der öffentlichen Gesundheitspflege zu unantastbarem Dauerwald erklärt. Im Jahr 1937 wurden das Gebiet um das Jagdschloss Stern sowie die Große und die Kleine Rohrlake zu Landschaftsschutzgebieten erklärt.

Parforceheide Autobahnbrücke Albrechts Teerofen

Ab 1938 führt die AVUS-Verlängerung mitten durch die Parforceheide. Im Jahr 1940 begann der Weiterbau der S-Bahn-Trasse zwischen den Bahnhöfen Stahnsdorf und Lichterfelde Süd mit einem Abzweig an der Stahnsdorfer Bergstraße über Kienwerder nach Rehbrücke. In Stahnsdorf sind der Bahnschacht und die Freihaltetrasse immer noch erkennbar. Der Abzweig nach Rehbrücke ist als aufgeschütteter Damm neben der Abfahrt Potsdam-Babelsberg der A 115 zu sehen. Nachdem der Weiterbau der S-Bahn von Stahnsdorf nach Lichterfelde Süd 1942 eingestellt wurde, nutzte die SS die Bauarbeiterunterkünfte in der Nähe des Bahnhofs Stahnsdorf u. a. als Lager, später dienten sie als Militärübungsplatz.

Militärische Nutzung der Parforceheide

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden auch die Planungen für einen Militärübungsplatz zwischen dem Teltowkanal und der Alten Potsdamer Landstraße eingestellt. Auf dem Gelände des Landgutes Eule, einer ehemaligen Wildhüterunterkunft zwischen Albrechts Teerofen und Kohlhasenbrück auf einer kleinen Anhöhe oberhalb des Teltowkanals, forschte man allerdings auch nach dem Ersten Weltkrieg in einem gut versteckten, nicht mehr erhaltenen Gebäudekomplex sicher auch an geheimen Projekten weiter. Aus der 1898 errichteten Zentralstelle für wissenschaftlich-technische Untersuchungen, an der unter anderem an der Entwicklung von Sprengstoffen geforscht wurde, entstand das Institut für Metallforschung. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehen die technische Ausrüstung, das Inventar des Bosch-Werks sowie die Gleise der Stammbahn als Reparationen in die Sowjetunion. Die meisten Gebäude werden gesprengt oder dem Verfall preisgegeben. Nach dem Mauerbau werden noch verbliebene Mieter auf DDR-Seite nach Potsdam umgesiedelt und die restlichen Gebäude abgetragen. Das auf Westberliner Seite erhaltene Landhaus wird später vom Senat verkauft und heute als Wohnhaus und für Zimmervermietung genutzt.

Im Dezember 2025 veröffentlichte der Stahnsdorfer Heimatverein e. V. eine umfangreiche, reich bebilderte Broschüre über die Parforceheide.

Zur Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg wurden Mitte der 1930er Jahre in Stahnsdorf drei Kasernenkomplexe, die Feste Funkstelle der Wehrmacht am Ruhlsdorfer Weg sowie mehrere Übungsplätze in der Parforceheide errichtet. Das Güterfelder Schloss wurde von der NSDAP vereinnahmt. Dort residierte die SA-Standarte „Feldherrnhalle“. Anfang der 1940er Jahre errichtet die Wehrmacht am Rande von Albrechts Teerofen eine Flakstellung, um vor allem Bombenangriffe auf das Bosch-Werk am anderen Ufer des Teltowkanals zu verhindern.

Die Parforceheide wird Grenzgebiet

Seit der Bildung von Groß-Berlin 1920 gehört ein beträchtlicher Teil der Parforce-
heide nicht mehr zum Kreis Teltow. Mit den neuen Grenzen von Berlin entstehen in der Heide die Exklaven Steinstücken und Wüstemark, die zu Berlin gehören. Nach dem Zweiten Weltkrieg ergaben sich daraus vielfältige Probleme, da die Einteilung der alliierten Sektoren im Wesentlichen entlang der ehemaligen Stadtgrenze erfolgte. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz und der zunehmenden Konfrontation zwischen Ost und West wurde auch die Parforceheide geteilt. Die Transitwege nach West-Berlin auf dem Land, der Schiene, dem Wasser und in der Luft führen durch die Parforceheide. Sowjetische und US-amerikanische Truppen stehen sich in einer Region mit kompliziertem Grenzverlauf unmittelbar gegenüber. An der Grenze und auf den Transitstrecken gibt es Fluchtversuche, Schikanen und Provokationen. An der Autobahnbrücke bei Albrechts Teerofen befindet sich zunächst der wichtigste Grenzübergang, zu dem die amerikanischen Posten anfangs nur über die Autobahn in der sowjetischen Zone gelangen können. Schnell wird deshalb der alte Treidelweg entlang des Teltowkanals von Kohlhasenbrück nach Albrechts Teerofen ausgebaut. Da die alte Autobahntrasse dreimal die Grenze kreuzt, wurde bis Anfang der 1970er Jahre eine neue Streckenführung am Rande der Ortslage Stahnsdorf vertraglich vereinbart, eine neue Autobahnbrücke über den Teltowkanal errichtet und der Grenzübergang Kleinmachnow eröffnet, der heutige Europarc Dreilinden. Im Grenzgebiet, neben der Autobahn, entstanden am Rande von Stahnsdorf ein Beobachtungspunkt und ein Materiallager des Ministeriums für Staatssicherheit. Aus dem alten DDR–Grenzübergang wurden später die Autobahn-parkplätze Parforceheide und Am Stern. Nach dem Mauerbau im Jahr 1961 war Steinstücken von West-Berlin aus nur nach Kontrollen durch die DDR oder mit dem Hubschrauber erreichbar. Nach langwierigen Verhandlungen wurde 1972 die Zugangsstraße von Zehlendorf nach Steinstücken freigegeben und die Exklave an das Nahverkehrsnetz Westberlins angeschlossen. Mitten durch Steinstücken führte die Trasse der Reichsbahn, die sich im Besitz der DDR befand. Die Einwohner von Steinstücken waren in besonderer Weise mit den Problemen konfrontiert, die alle Menschen in dieser Region aufgrund der politisch begründeten Teilung der Parforceheide und ganz Deutschlands hatten.

Das Jagdschloss wurde im Stil eines holländischen Bürgerhauses errichtet.

Die Neubauten im Umfeld der Parforceheide

Seit Anfang der 1970er Jahre entstehen am westlichen Rand der Potsdamer Parforceheide große städtische Wohnsiedlungen: das Wohngebiet Am Stern, der Schlaatz, die Gluckstraße, das Wohngebiet Drewitz, das Kirchsteigfeld und das Einkaufszentrum Stern-Center. Die Hochhäuser bedrängen die traditionelle Bebauung regelrecht. Dabei werden historisch gewachsene Ortsverbindungen bewusst durchtrennt und ab 1972 durch die Nuthe-Schnellstraße ersetzt, die nach der Wende direkt an die heutige A 115 angebunden wird. Mit der politischen Wende in der DDR wird die gesamte Parforceheide wieder für alle Bürger zugänglich. Viele Menschen entdecken ihre unmittelbare Heimat neu. Mit der Überwindung der staatlichen Teilung Deutschlands setzt ein enormer Zuzug in diese Region ein. Berliner und Bürger aus den alten Bundesländern
kamen nicht nur als Besucher, sie kauften Grundstücke, zogen in neue Wohnsiedlungen oder forderten als Alteigentümer oder deren Erben ehemaligen Besitz ein.

Die Urbanisierung ist auch in unserer Region kaum aufzuhalten mit allen Folgen für die Parforceheide. Seit 2012 wird, nach vielen zum Teil heftigen Diskussionen, die L 40 als Ortsumgehung für Güterfelde und Stahnsdorf autobahnähnlich ausgebaut. Ausgleichsflächen wurden aufgeforstet. Unsere Region kann nun von allen Einwohnern und Besuchern entdeckt und zur Erholung genutzt werden. Es gibt keine Grenzen und keine Militärstandorte mehr. Bauwerke wurden abgetragen, umgenutzt oder sind zunehmend verfallen. Allerdings wurden nicht alle alten, durchaus sinnvollen Verkehrsverbindungen wiederhergestellt. Entdecken Sie mit uns die Naturschönheiten dieser Region sowie die sichtbaren und versteckten Spuren zahlreicher Umbrüche. Der Stahnsdorfer Heimatverein e. V. lädt am 14. Mai zu einer geführten Wanderung durch die Parforceheide ein.

Text und Fotos: Dr. Hans-Joachim Koch Stahnsdorfer Heimatverein e. V.