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„Selbstüberschätzung ist einer der größten Risikofaktoren“

Von Volkert Neef

Der DEKRA-Verkehrssicherheitsreport 2022 rückt das Thema „Mobilität junger Menschen“ in den Vordergrund. Besonders alarmierend: Insbesondere junge Männer scheinen die Risiken kaum abzuwägen – mit schlimmen Folgen.

Brandenburg konnte im vergangenen Jahr zwar einen Rückgang der Zahl der Verkehrstoten von 140 auf 127 vermelden, doch neben den Senioren bereitet der Sachverständigenorganisation DEKRA vor allem die Personengruppe der Verkehrsteilnehmer im Alter von 15 bis 24 Jahren Sorgen. Bei einem Anteil junger Menschen an den Verkehrstoten im Jahr 2021 von 10 % sind von den 13 Verkehrstoten in Brandenburg alle männlich gewesen. Auch bei den Schwerverletzten habe der Anteil junger Männer 66 % betragen.

Die Redaktion hat sich mit den DEKRA-Niederlassungsleitern aus Potsdam und Oranienburg, Dirk Benndorf und Jens-Peter Schultze, über Ursachen und mögliche Handlungsoptionen ausgetauscht, zumal der diesjährige DEKRA-Verkehrssicherheitsreport dem Thema „Mobilität junger Menschen“ gewidmet ist.

Redaktion: Warum hat sich DEKRA in diesem Jahr für dieses Thema entschieden?

Dirk Benndorf: Seit Jahren kommen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) pro Jahr weltweit mehr junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren bei Verkehrsunfällen ums Leben als durch HIV/AIDS, Malaria oder Tuberkulose. Junge Menschen – darunter mehrheitlich junge Männer – verunglücken dabei hauptsächlich als Pkw-Insassen oder Aufsassen von Krafträdern.

Jens-Peter Schultze: International liegt der Anteil getöteter junger Männer bei 80 %. Das ist doch Grund genug. Für alle Beteiligten sollte dies der unmissverständliche Auftrag sein, mit allen infrage kommenden Maßnahmen gegenzusteuern.

Redaktion: Woran denken Sie?

Dirk Benndorf: Der aktuelle Verkehrssicherheitsreport zeigt auf, wo es anzusetzen gilt, um alle sich bietenden Optimierungspotenziale effizient zu nutzen. Handlungsfelder gibt es zur Genüge – allen voran in den Bereichen Mensch und Technik. So zählen zu den ganz großen Risikofaktoren bei Fahranfängern insbesondere mangelnde Fahrerfahrung, Selbstüberschätzung, unzureichende Fahrzeugbeherrschung, eingeschränkte Gefahrenwahrnehmung, Ablenkung vom Verkehrsgeschehen durch zum Beispiel die Nutzung digitaler Medien sowie Fahren unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. All das sind Problembereiche, die nicht zuletzt auch im Rahmen der Fahrausbildung noch stärker in den Fokus rücken sollten, als dies bislang schon der Fall ist.

Jens-Peter Schultze: Vermittelt werden müssen neben dem Fahrzeughandling und der Regelkunde vor allem auch übergeordnete Kompetenzen wie sicherheitsrelevante Einstellungen, Selbstkontrolle, Selbstbeobachtung und die Akzeptanz von Verkehrsregeln. Ein Problem liegt außerdem darin, dass manche Führerscheinneulinge das Bestehen der Fahrprüfung so interpretieren, bereits gute Fahrer zu sein und nichts mehr lernen zu müssen. Jedoch ist meist das Gegenteil der Fall. Wie beim Erlernen einer neuen Sportart müssen sich Regelwissen, Trainingspraxis und situationsgerechte Beobachtungs- und Bewegungsabläufe miteinander verbinden – durch kontinuierliche Übung im realen Straßenverkehr, auch nach der Fahrprüfung.

Redaktion: Gibt es noch weitere Handlungsoptionen?

Jens-Peter Schultze: Angesichts der Tatsache, dass viele junge Fahrerinnen und Fahrer vor allem aus finanziellen Gründen sehr häufig mit älteren Fahrzeugen unterwegs sind, bleibt die periodische Fahrzeugüberwachung somit ein ganz zentrales Element für die Verkehrssicherheit.

Dirk Benndorf: Die Folge von Alterung, Verschleiß, oftmals fehlendem Bewusstsein für technische Mängel sowie Sparen bei Reparatur und Wartung ist: Ältere Pkw weisen in der Regel wesentlich häufiger erhebliche Mängel auf und stellen damit ein größeres Unfallrisiko dar als jüngere Fahrzeuge.

Bild: DEKRA

HINWEIS: Der DEKRA-Verkehrssicherheitsreport 2022 „Mobilität junger Menschen“ steht online unter www.dekra-roadsafety.com zum Download zur Verfügung. Dort finden sich auch sämtliche Vorgänger-Reports inklusive weitergehender Inhalte, etwa in Form von Bewegtbildern oder interaktiven Grafiken.

Die DEKRA-Forderungen für mehr Verkehrssicherheit mit Blick auf junge Menschen:

  • Besonders gefährliche Verhaltensweisen wie Alkohol und Drogen am Steuer, Ablenkung etwa durch das Smartphone oder übermäßige Geschwindigkeitsüberschreitungen müssen konsequent kontrolliert und geahndet werden.
  • Für Fahranfänger sollte überall ein absolutes Alkoholverbot am Steuer gelten. Die Erfahrungen in verschiedenen Ländern, unter anderem in Deutschland, belegen die Wirksamkeit.
  • Der Verbreitungs- und Nutzungsgrad etwa von telematikgestützten Feedback-Systemen sollte erhöht werden.
  • Junge männliche Fahranfänger stellen ein weit überdurchschnittliches Risiko für sich und andere dar. Diese Gruppe muss bei der Verkehrssicherheitsarbeit besonders in den Fokus gerückt werden – auch schon vor Beginn der Fahrausbildung.
  • Der mehrstufige Erwerb der Fahrerlaubnis hat sich vielerorts bewährt und sollte daher in weiteren Ländern eingeführt werden.
  • Nur eine von Fahrschulen unabhängige, transparente, standardisierte und qualitativ hochwertige theoretische und praktische Prüfung zum Erwerb der Fahrerlaubnis gewährleistet den nötigen Qualitätsstandard bei der Fahrausbildung.
  • Bereits während der Fahrausbildung sollte der Umgang mit Fahrerassistenzsystemen und automatisierten Fahrfunktionen vermittelt, aber auch die Grenzen dieser Systeme deutlich gemacht werden. Im Idealfall sollte der sichere Umgang mit diesen Systemen auch Teil der Fahrerlaubnisprüfung werden.
  • Die praktische Fahrausbildung sollte im Hinblick auf Straßencharakteristik (innerorts, schmale Landstraßen, Autobahn) und Lichtverhältnisse (Nachtfahrten) in allen Ländern möglichst umfassend gestaltet werden.
  • Angesichts der Tatsache, dass viele junge Menschen auf Landstraßen tödlich verunglücken, muss beim Neubau oder bei entsprechenden straßenbaulichen Veränderungen das oberste Ziel die selbsterklärende Straße mit fehlerverzeihender Seitenraumgestaltung sein.
  • Die Funktionsfähigkeit mechanischer und elektronischer Komponenten von Systemen der Fahrzeugsicherheit muss über das gesamte Fahrzeugleben hinweg gewährleistet sein. Die Inhalte der periodischen Überwachung von Kraftfahrzeugen sind entsprechend regelmäßig anzupassen.

Symbolbild Artikel: Pixabay.com