Adieu et merci beaucoup, TXL!

Von Volkert Neef

Am vergangenen Sonntag donnerte der letzte Flug über die Startbahn des Flughafens Berlin-Tegel – nach 72 Jahren Flugbetrieb herrscht im Nordwesten der Hauptstadt ungewohnte Ruhe. Das Ende des Flugverkehr ist auch eine Zäsur in der deutsch-französischen Geschichte.

Als am späten Nachmittag des 8. November der Airbus der Air France mit der Flugnummer AF 1235 auf dem Flughafen Charles De Gaulle in Paris auf der Landebahn aufgesetzt hatte, war das für Besatzung und Passagiere ein ganz besonderer Moment: Um 15.39 Uhr war der Sonderflug von der Startbahn 08 L in Tegel gestartet – damit war diese Maschine war die letzte, die am Flughafen Berlin-Tegel an den Start gegangen ist. Am 2. Januar 1960 nahm die Air France den regulären Flugbetrieb dorthin, und der Flughafen erhielt das IATA-Kürzel TXL. Im Zuge der Wiedervereinigung durften ab 1990 auch deutsche Flugunternehmen, allen voran die Lufthansa, den Flugbetrieb ins ehenals geteilte Berlin wieder aufnehmen.

Flug AF 1235 macht sich im Hintergrund für den letzten Start einer Maschine auf dem Flughafen Tegel bereit.

Auf einer Fläche von 461 Hektar und in 5 Terminals waren auf dem Flughafen rund 6.900 Mitarbeiter tätig und betreuten 2018 etwa 22 Millionen Fluggäste. Letztmalig beaufsichtigten sie eine reguläre Maschine am 7. November: Die Lufthansa flog mit der Flugnummer LH 1955 nach München. Veränderungen gibt es auch im Öffentlichen Personnennahverkehr. Der Bus TXL der BVG ist eingestellt worden, ebenso die Linie 128. Der Bus 109 fährt weiterhin nach Tegel, aber seit dem 08.11. heißt die Endstation nicht mehr „Flughafen Tegel“, sondern „Tegel Urban Tech Republic.“

Über das Ende des Flughafens Tegel sprachen wir im Deutschen Bundestag mit dem direkt gewählten Reinickendorfer Bundestagsabgeordneten Frank Steffel (CDU). Dieser erklärte: „TXL ist die Kurzform für Freiheit. Vor 72 Jahren half eine kurzfristig aufgeschüttete Fläche in Tegel bei der Landung der Überlebens-Flieger im Zuge der Berliner Luftbrücke. TXL steht aber auch für die Freiheit, die über den Wolken wohl grenzenlos ist. Es steht für die Freiheit der Menschen in dieser Stadt. 60 Jahre lang war dieser Flughafen im Norden Berlins mehr als ein Lebensgefühl. TXL – das steht für das Hin und Weg ohne endlose Wege zum Gate. Berlin war dank TXL mit der Welt direkt verbunden: USA, China, die Emirate. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten ist der Flughafen Tegel über sich hinausgewachsen. Dreimal so viele Passagiere wie ursprünglich geplant: eine großartige Leistung. TXL – das ist eine Erfolgsgeschichte. Wir werden unsere Erinnerungen an diesen Flughafen bewahren und sagen zum Abschied: Take off – for the last time!“

Ungewohnte Ruhe nach der Schließung.

Mit dem Ende des Flugbetriebs in Tegel wurde das Areal symbolisch an die Stadt übergeben. Nach dem gültigen Planfeststellungsbeschluss zum Flughafen Berlin Brandenburg (BER) muss der Flughafen Berlin-Tegel ab der vollständigen Inbetriebnahme des BER noch sechs Monate betriebsbereit gehalten werden. In dieser Zeit werden allerdings keine Flüge mehr in Tegel stattfinden. Nach Ablauf dieser sechs Monate soll auf dem ehemaligen Flughafengelände ein neues Stadtquartier entstehen.

Engelbert Lütke Daldrup, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, kommentierte die Schließung: „Heute, am 8. November 2020, endete ein besonderes Kapitel in der Verkehrsgeschichte der Hauptstadtregion. Von den Anfängen der Fliegerei bis zum Massentourismus per Flugzeug: alles hat in Tegel stattgefunden. Möglich gemacht haben das die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Flughafengesellschaft und ihrer Partner am Flughafen. Sie haben Außergewöhnliches geleistet und den Flughafen unvergesslich gemacht. Die Architekturikone war für die Berliner jahrzehntelang das Tor zur Welt. Deshalb gab es keinen passenderen Abschied für Tegel als einen Flug der Air France.“

Stefan Gumuseli, Deutschland-Direktor der Air France KLM, blickte dankbar auf die vergangenen Jahrzehnte zurück: „Wir freuen uns sehr, dass wir heute mit Flug AF 1235 nach Paris-Charles de Gaulle die Ehre haben, den Flughafen Berlin-Tegel als letzte Airline zu verabschieden. 60 Jahre lang waren wir eng mit ihm verbunden und sagen #DankeTXL! Mit den Flügen zum neuen Airport BER endet nun unsere Zeit in Tegel, aber die Geschichte der Air France in Berlin geht weiter.“

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller kommentierte: „Dies ist kein einfacher Abschied. Das Herz vieler Menschen in Berlin hängt an Tegel. Kein Wunder, denn dieser Flughafen war enorm wichtig für unsere Stadt und er hatte eben auch eine symbolische Bedeutung über den reinen Flugverkehr hinaus. Doch für den Flughafen Tegel bedeutet dies gleichzeitig einen wichtigen Neubeginn. Dieser Standort hat eine bewegte und erfolgreiche Vergangenheit. Aber er hat auch eine große Zukunft. Tegel wird in den kommenden Jahren einer der spannendsten Orte unserer Stadt. Dafür sorgt das Projekt ,Berlin TXL – The Urban Tech Republic´.“ Auf dem Areal des Flughafens Tegel entsteht ein Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien. Ein Hotspot für Innovationen, der Potenzial für bis zu 20.000 Arbeitsplätze bietet und sich als einer der Zukunftsorte Berlins positionieren wird, mit Flächen für Industrie, Gewerbe, Messen und Kongresse sowie für Wissenschaft und Forschung.“

Anne-Marie Descôtes, Frankreichs Botschafterin in der Bundesrepublik Deutschland verwies auf die Bedeutung des Flughafens für die deutsch-französischen Beziehungen: „Der Flughafen Tegel ist Teil der gemeinsamen Geschichte, welche die Stadt Berlin und Frankreich verbindet. Dass der letzte Flug, der heute um 15 Uhr in Tegel starten wird, nach Paris geht, verdeutlicht diese innige Verbundenheit.“

Ein Flughafen mit langer Geschichte

Die Geschichte der Luftfahrt in Tegel geht weit zurück: Bereits 1896 fanden dort erste Versuche in der Luftschifffahrt statt. Im Zuge der Berlin-Blockade wurde der in der ehemaligen französischen Besatzungszone gelegene Flughafen 1948 im Rekordtempo zur Unterstützung der US-amerikanischen Luftbrücke ausgebaut. Die neu gebaute Start- und Landebahn war mit 2.428 Metern zum damaligen Zeitpunkt die längste in Europa.

Bis 1990 durften in Tegel aufgrund der Bestimmungen des Viermächte-Abkommens über Berlin nur Fluggesellschaften der Besatzungsmächte USA, Großbritannien und Frankreich landen. Insgesamt fanden zwischen 1948 und 2020 ungefähr 6,5 Millionen Starts und Landungen statt.

Das sechseckige Flughafengebäude, zuletzt als Terminal A in Betrieb und eines der Wahrzeichen Berlins, wurde 1974 eröffnet und war für rund 6 Millionen Fluggäste ausgelegt. 2007 kam das Terminal C hinzu. Vor allem ab den 2000er Jahren verzeichnete der Flughafen Tegel stetig wachsende Passagierzahlen, zuletzt wurden 2019 etwa 24,24 Millionen Fluggäste abgefertigt. Im Juni 2019 lagen die Spitzenwerte der Fluggäste bei über 90.000 Personen an einem Tag. Wenige Monate später, im April des Krisenjahrs 2020, sank dieser Wert zeitweise auf 250 Personen.