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Gründerinnen mit Vision

Für sein Hundefutter auf Insektenbasis hat das Teltower Start-up-Unternehmen Ento Native die Auszeichnung „Top 100 Innovator“ des Mittelstands erhalten. Das Unternehmen will dazu beitragen, den generellen Fleischkonsum zu reduzieren.

Als die Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen im Jahr 2014 Wissenschaftler aus aller Welt dazu ermunterte, das Potenzial von Insektenprotein für die Ernährung der Menschheit zu prüfen, forscht die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Ina Henkel gerade an der Uni Potsdam über International Nutrition (Internationale Ernährung, Anm. der Red.). Eine Dienstreise führt sie nach Thailand, wo auf den Foodmärkten Insekten so selbstverständlich angeboten werden wie bei uns Bratwurst und Pommes. Auf dieser Dienstreise wurde eine Idee geboren, die jetzt mit der Auszeichnung „Top 100 Innovator“ geadelt wurde: Hundefutter auf Insektenbasis. Die Preisverleihung fand am 24. Juni in Frankfurt am Main statt.

Doch von vorne: Wie viele Menschen ihrer Generation sorgen sich die drei jungen Frauen Dr. Ina Henkel, Katrin Figueroa und Sabrina Jaap um die Zukunft des Planeten. Klimawandel, Umweltschutz, Erderwärmung, Welternährung sind wichtige Themen für sie. Sie sind überzeugt, dass die Massentierhaltung die Probleme verschärft. Sie verbraucht enorm viel Wasser, stößt Unmengen CO2 aus und bindet riesige landwirtschaftliche Flächen für die Futtermittelproduktion – von den fragwürdigen Lebensbedingungen der Tiere und der Bildung von Antibiotika-Resistenzen ganz abgesehen. Wissenschaftler appellieren schon lange dazu, weniger Fleisch zu essen. Insekten hingegen haben deutlich weniger negative Auswirkungen auf Klima und Umwelt, sind aber ebenso gute Proteinlieferanten wie das Fleisch von Säugetieren, Vögeln oder Fischen. Nicht umsonst empfiehlt sie die FAO als hochwertige Nahrungsquelle.

Die drei Freundinnen sind sich sicher, dass Insekten einen Teil dazu beitragen können, den Klimawandel aufzuhalten. Doch 2015 sind Sechsbeiner in Europa für den menschlichen Verzehr nicht zugelassen. „Damals war noch unklar, ob Insekten für den Humanmarkt in Europa überhaupt zugelassen werden“, erinnert sich Henkel. Doch die Gründerinnen wollen nicht warten und haben eine zündende Idee: der Heimtiermarkt als Fokus ihrer wirtschaftlichen Aktivität. 2017 gründen sie die Ento Native GmbH als Ausgründung der Universität Potsdam. „Uns war wichtig, schnell eine Anwendung für unsere Idee zu finden und damit schnell in den Markt  zu gehen“, berichtet Henkel. Das Potenzial ist riesig, denn Hunde verzehren viel Fleisch. „Ein 15 bis 20 Kilo schwerer Durchschnittshund hat einen Pfotenabdruck von einer Tonne CO2 pro Jahr. Zwischen 50 und 80 Prozent davon sind durch das Futter verursacht. Das ist also eine Stellschraube, mit deren Hilfe man als Hundehalter Verantwortung übernehmen und nachhaltig sein kann.“

Umweltfreundliche Verpackungen für ökologisch bewusste Zielgruppen.
Bild: Ento Native GmbH

Bei elf Millionen Hunden in Deutschland wird schnell klar: Hier lässt sich viel bewirken. „Dafür kämpfen wir jeden Tag. Warum machen wir das?“, fragt Henkel und erklärt ihre Motivation mit Verve: „Wir haben jetzt noch ein Zeitfenster von knapp zehn Jahren, in dem wir als Menschheit entscheiden, was in den nächsten 10.000 Jahren passiert. Wenn wir es nicht schaffen, wirklich nachhaltig zu agieren, dann wird mir übel, wenn ich an die nächsten Generationen denke“, sagt sie überzeugt. „Man muss jetzt in die Umsetzung kommen und jetzt an diesem Rädchen drehen.“

Seit 2017 entwickelt das Start-up unter dem Markennamen „Tenetrio“ Trocken- und Nassfutter sowie Hundeleckerli auf Basis von Mehlwurmprotein. Daneben kommt Getreide und Gemüse ins Futter, denn reines Insektenprotein wäre für die Ernährung des Hundes nicht ausgewogen. Als Ausgründung der Uni Potsdam bringen die Unternehmerinnen wissenschaftliches Know-how für die Entwicklung ihrer Produkte mit. Ihre erste Zucht von Mehlwürmern – so nennt man die Larven des Mehlkäfers – bauen sie in Rehbrücke auf. Mehlwurm-Farmen erzeugen nicht nur erheblich weniger CO2 als Schweine- oder Rinderzuchtanlagen, sie benötigen auch nur einen Bruchteil an Wasser und Platz für die Produktion der Futtermittel. „Wir sind überzeugt davon, dass Insekten sich auch in Europa als Proteinquelle durchsetzen werden, weil unser Fleischkonsum für die Erde nicht zu stemmen ist. Zu groß sind die Umweltbelastungen, zu gering die Effizienz bei der Fleischproduktion“, meint Henkel.

Inzwischen produzieren die Gründerinnen ihre Mehlwürmer nicht mehr selbst, sondern kaufen das Insektenprotein wie andere Zutaten auch hinzu. Sie arbeiten dabei mit europäischen Züchtern zusammen, die ihre hohen Ansprüche an das Tierwohl erfüllen. Ihre eigene Erfahrung aus der Zucht kommt ihnen dabei zugute.

Den Innovationspreis „Top 100 Innovator“ erhalten Henkel, Figueroa und Jaap nicht nur für ihre insektenbasierten Produkte, sondern für ihre gesamte Unternehmensphilosophie. Diese orientiert sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und umfasst ökologische, ökonomische und soziale Aspekte. Ein Beispiel dafür ist die Kooperation im Bereich Verpackung und Versand mit den Berliner Mosaik-Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Transparenz bei der Deklaration der Inhaltstoffe und Verzicht auf Farbstoffe, Zuckerzusätze und Geschmacksverstärker sind für sie selbstverständlich.

So zieht sich Nachhaltigkeit durch die gesamte Unternehmenskultur. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, so das erklärte Ziel, geht mit dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und sozialer Verantwortung einher. Zunächst konzentrieren sich die Gründerinnen auf die europaweite Expansion. Auch die Ausweitung auf Futter für andere Tierarten ist geplant. Langfristig sind auch Lebensmittel für Menschen denkbar, um so noch mehr Energie und Ressourcen einzusparen. Möglich ist dies, seitdem die Novel Food-Verordnung 2018 die Larven des Mehlkäfers Tenebrio Molitor als Lebensmittel für den menschlichen Verzehr zugelassen hat. ros

Titelbild: Leo Seidel