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Ein Vorzeigeprojekt für 2030

Das alte Stahnsdorfer Klärwerk ist marode. Nun entsteht hier im Auftrag der Berliner Wasserwerke Deutschlands modernste Kläranlage.

Die Industrialisierung und der damit verbundene Bevölkerungszuwachs machten es Ende des 19. Jahrhunderts nötig, sich für die gestiegenen ­Berliner und Potsdamer Abwassermengen eine Lösung auszudenken. So errichtete man bereits 1906 in Stahnsdorf die erste Versuchsanlage für eine biologische Abwasserklärung. Dabei wurde eine Technik eingesetzt, die heutigen Methoden gar nicht unähnlich ist: Das Abwasser wurde zunächst mechanisch von gröberen Verunreinigungen getrennt und floss dann durch Kokskästen, die mit einem Biofilm besiedelt waren, der das Abwasser – wenn auch noch recht unvollkommen – filterte, bevor es auf Rieselfeldern versickerte. 1920 beschloss der Berliner Magistrat dann den Bau einer größeren und effektiveren Anlage, wenngleich auch diese zunächst als Versuchsanlage geplant war, weil die Technik noch unausgereift war. Diesmal wurden mehrere Becken gebaut, in denen die Reinigung durch Mikroorganismen erfolgen konnte, zusätzlich wurde Luft eingeblasen, und es gab sogar Becken, in denen sich die Bakterien nach getaner Arbeit „erholen“ sollten. 1931 erfolgte die Einweihung des Stahnsdorfer Klärwerks, das man so großzügig geplant hatte, dass es auf dem Gelände auch Wohnungen für die Beschäftigten gab. Noch heute dienen sie diesem Zweck.

Moderne Anlagen, die den Krieg überdauerten

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Das Stahnsdorfer Klärwerk gehörte schon damals zu den modernsten Anlagen in Europa. Während des Krieges durch versehentliche Bombenabwürfe beschädigt, wurden die historischen Gebäude und Anlagen in den 50er und 60er Jahren allmählich wiederaufgebaut. Sie waren in der Folge eine wichtige Devisenquelle für die DDR, denn das Klärwerk verarbeitete in erster Linie Westberliner Abwässer. Bis zu 120.000 Kubikmeter Abwasser wurden damals täglich geklärt, zusätzlich kam ein Teil direkt auf die Rieselfelder. Aktuell sind es hier maximal 45.000 Kubikmeter pro Tag, und im Berliner Großraum sorgen mittlerweile sechs Klärwerke für die ordnungsgemäße Entsorgung. Das größte Klärwerk mit einer Leistung von 240.000 Kubikmeter pro Tag befindet sich in Ruhleben, wo ein Teil des entwässerten Schlamms und der ausgefilterten Stoffe gleich im dortigen Kraftwerk verbrannt wird. In Waßmannsdorf, auf dem Gelände des dortigen Klärwerks, entsteht momentan die zweite Klärschlammverwertungsanlage im Berliner Großraum. Von hier soll nach der Inbetriebnahme Schönefeld mit Fernwärme versorgt werden. Das Stahnsdorfer Klärwerk ist noch immer Teil der Berliner Wasserwerke und verarbeitet Abwasser aus den südlichen Bezirken, Potsdam und den umliegenden Gemeinden. Es untersteht jetzt dem Waßmannsdorfer Klärwerk, dessen Leiter ­Michael Kempf und Pressesprecher ­Stephan Natz uns bei der Besichtigung der Anlage mit der Technik vertraut machten.

Im alten, denkmalgeschützten Maschinenhaus findet man noch alte Anlagen, die das Herz von Liebhabern historischer Technik höher schlagen lassen: Dort ­stehen beispielsweise einen Gaskessel und -verdichter von 1928 und ein massives Schaltpult von AEG. In der Halle ­haben früher Gasmaschinen auch Strom erzeugt, jetzt stehen Verdichter russischer Bauart im Keller, und die mittlerweile in die Jahre gekommenen Anlagen müssen dauernd mit Ersatzteilen und modernen Ergänzungen versorgt werden, um den täglichen Anforderungen zu genügen.

Und der Geruch?

Mit Klärwerken sind unweigerlich üble Gerüche assoziiert, doch die schlagen uns nur im Bereich der ersten Reinigungsanlagen entgegen. Hier werden die Abwässer von Feinrechen durchkämmt, belüftet und in mehreren Becken vorgeklärt; auch sinken hier Sand und Feinstaub zu Boden, die besonders bei Regen eingeschwemmt werden. Im Anschluss an diese mechanische Reinigungsstufe folgen die so genannten Denitrifikations- und Belebungsbecken. Rund 200 verschiedene Spezies von Mikroorganismen verrichten hier ihr Werk. „Das sind unsere besten Mitarbeiter“, erklärt Pressesprecher Stephan Natz mit einem Augenzwinkern. „Die können sogar Medikamente zersetzen“. Die braune Brühe mit ihren schwimmenden Fett- und Eiweißklumpen sieht zwar äußerst unappetitlich aus, riecht aber wider Erwarten überhaupt nicht unangenehm. „Das liegt auch daran, dass hier nur haushaltsähnliche Abwässer reindürfen, industrielle Abwässer wie die von Tesla werden meist in eigenen Kreislaufanlagen behandelt“, erläutert Klärwerkleiter Michael Kempf. Wie um die Geruchsneutralität zu unterstreichen, veranstalten die Wasserbetriebe dort sogar Grillpartys.

Danach kommt das Abwasser in unter-irdische Faulkammern, wo der schadstoffhaltige Klärschlamm entwässert wird. Die Faulgase, von denen nichts ins Freie dringt, betreiben das Blockheizkraftwerk der Anlage. Der Schlamm, in dem sich auch ausgefiltertes Mikroplastik befindet, wird momentan noch mit Lkw zur Verbrennung in Braunkohlekraftwerke transportiert. Zukünftig sollen aus dem Klärschlamm noch Stoffe wie Phosphor und Nitrate recycelt werden, aber das werden erst nachgerüstete Anlagen bewältigen können.

Absetzbecken bilden die letzte Reinigungsstufe. Dort sinkt der Schlamm zu Boden, und weil das Wasser so schön warm ist und noch einige Nährstoffe enthält, tummeln sich dort unzählige Enten. Das gereinigte Wasser gelangt dann über Rohre in den Teltowkanal. „Weil es noch Nährstoffe enthält, rund 0,8 Milligramm pro Liter, zukünftig nur noch 0,05 mg/l, ist es zur Einleitung in die umliegenden Teiche und Seen, die unter Wassermangel leiden, leider nicht geeignet“ bedauert Klärwerksleiter Kempf. Statt dessen wird es zukünftig einen Beitrag zur Gewinnung von emmissionsfreier Heizenergie leisten, wie Natz hervorhebt: „Über Wärmepumpen wird die Abwärme ab 2024 zur neu gebauten Lindenhof-Grundchule umgeleitet.“ So lasse sich das warme Wasser ökologisch und ökonomisch sinnvoll einsetzen.

Teure und nachhaltige Zukunftsinvestitionen

Nun haben die Becken des Stahnsdorfer Klärwerks, an denen der Betonkrebs nagt, allmählich ihre Grenznutzungsdauer erreicht. Da mittlerweile auch die Anzahl der Bevölkerung und Wirtschaftsunternehmen im Entsorgungsgebiet, aber auch die umwelttechnischen Anforderungen gestiegen sind, muss ein neues Klärwerk her. 2030 soll ein Neubau mit doppelter Größe und sieben statt bisher drei Reinigungsstufen entstehen, und zwar genau gegenüber am Schenkendorfer Weg, dort wo früher Schlamm gelagert wurde. „Bis das neue Klärwerk in Betrieb geht, wird aber noch kräftig in die alte Anlage investiert, um sie funktionstüchtig zu halten“ hebt Pressesprecher Natz hervor. Der gesamte Strom wird 2030 aus eigenen Blockheizkraftwerken und Windkraftanlagen kommen, und der Betrieb wird fast vollständig automatisiert sein. So wird die als „Vorzeigeklärwerk Deutschlands, vielleicht sogar Europas“ gepriesene Anlage auch einen eigenen Beitrag zur Energiewende leisten. KP

Bild: M. Kacner