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Starke Frauen – starke Unternehmen

Was hat sich bei den regionalen Unternehmen in Sachen Gleichberechtigung getan? Wie stellen Frauen vor, die auf unterschiedlichen Wegen Karriere gemacht haben und in Führungspositionen angekommen sind.

In Brandenburg und besonders im Landkreis Potsdam-Mittelmark liegt der Anteil von Frauen in Führungspositionen statistisch höher als in sämtlichen anderen Bundesländern: Sie besetzen rund ein Drittel der Chefposten. Laut der ZDF-Deutschlandstudie nehmen Frauen aus unserer Region auch beim Gehalt, der Beschäftigungsquote und bei den Altersbezügen im Vergleich zu den Männern eine ebenbürtige Position ein. In der Kommunalpolitik sind Frauen als Entscheiderinnen hingegen immer noch unterrepräsentiert. Beides mag zumindest teilweise auch historische Gründe haben: In der DDR waren Frauen fest in der Arbeitswelt etabliert, sie spielten jedoch in der Politik – genauso wie in den Leitungspositionen der Produktionsbetriebe – mit wenigen Ausnahmen eine untergeordnete Rolle.

Die Forderungen nach Gleichberechtigung und gleicher Bezahlung, die vor allem rund um den Internationalen Frauentag zu hören sind, haben dazu geführt, dass immer mehr Frauen auf ihrem Weg zu Führungspositionen ermutigt und gefördert werden. Trotzdem ist es bisher nur wenigen Unternehmen gelungen, eine paritätische Stellenbesetzung zu erreichen, und die Frage um die „Quote“ ist noch lange nicht ausdiskutiert.

Zu den Firmen in unserer Region, die großen Wert auf Frauenförderung legen, gehört Verti, eine international tätige Direktversicherung und zweitgrößter Arbeitgeber in Teltow. 43 Prozent aller Führungskräfte bei Verti sind weiblich. Damit liegt die Frauenquote in Leitungspositionen um 13 Prozent über dem Bundes- und 14 Prozent über dem Branchendurchschnitt. Eine dieser Führungskräfte ist Fatimata Sow, die bei Verti als Head of CRM (Kundenbindungsmanagement) eine Abteilung mit fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern leitet. Sow setzt sich für eine feste Frauenquote ein, „weil sie Frauen sichtbar macht und Männer sich besser dran gewöhnen können“. Die 36-Jährige gibt einen interessanten Einblick in ihren Lebenslauf und die Bedingungen, die es ihr ermöglichten, ihren Lebenstraum „Karriere und Familie“ zu verwirklichen.

Durch Leistung überzeugen

Mit sechs Jahren kam Sow aus Bamako, der Hauptstadt Malis, nach Berlin. Schon beim schnellen und perfekten Spracherwerb zeigte sich ihre Zielstrebigkeit, die sich in der Schule und im Studium der Betriebswirtschaftslehre (Business Administration) auch gegen Widerstände fortsetzte. „Dass ich auf meinem Karriereweg als Frau aus einer Einwandererfamilie unterschätzt wurde, ist mir oft begegnet. Ich sah es aber immer als Chance, durch Leistung von Vorurteilen abzulenken.“

Oft hatte sie das Gefühl, doppelt so viel wissen und leisten zu müssen wie männliche Kollegen: „Männer bekommen eher Vorschusslorbeeren.“ Dass sie es trotzdem schaffte, sich in einer eher konservativen Branche durchzusetzen, liegt zum Teil daran, dass sie in einer Firma arbeitet, die sich als jung, innovativ, divers und international versteht.

Kraftakt Multitasking

Sow arbeitet in Vollzeit, obwohl Verti es auch Beschäftigten in Teilzeit ermöglicht, Führungspositionen einzunehmen. Für die alleinerziehende Mutter von drei Kindern sind die Rahmenbedingungen allerdings optimal: „Homeoffice ist bei uns nicht erst seit Corona möglich. Außerdem gibt es in der Firma auch Eltern-Kind-Büros – sozusagen Kinderzimmer mit Schreibtisch – wodurch einem die Sorge um die Kinderbetreuung bei Kindergartenschließungen genommen wird.“ Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren gelang ihr durch „gesunden Egoismus und Liebe zur Mutterrolle“, wie sie sagt. So lautet ihr Ratschlag für andere Frauen, die eine Führungsposition anstreben: „Authentisch bleiben, genau wissen, was man will. Disziplin und Organisation, damit man den Kraftakt des Multitaskings bewältigen kann.“

Nicht jede Karriere verläuft so geradlinig wie die von Fatimata Sow. Es gibt auch Frauen, die von Schicksalsschlägen in eine Position versetzt wurden, die nicht ihrer Berufsplanung entsprach. So erging es Theodora Schnauck-Betow, die eigentlich Architektin ist, jetzt aber das Autohaus Riller  & Schnauck leitet, das Niederlassungen in Berlin und Teltow hat.

Dabei kommt ihr zugute, dass sie schon mit 28 Jahren eine eigene Firma besaß: „Ich hatte ein gut funktionierendes Architektur-Büro mit rund 10 Mitarbeitern und Lehraufträge an der Technischen Fachhochschule und der Technischen Universität Berlin. Dann kam die Ehe und Familie – auch eher klassisch“, erinnert sie sich. 

Der Wechsel in die Autobranche fiel ihr nicht leicht: „Zwar war ich immer in vielen Bereichen des Unternehmens involviert, aber vornehmlich für alle Bauaktivitäten verantwortlich. Nach dem Tod meines Mannes in 2018 habe ich mich erst auf der Geschäftsleitungs- und dann in die Geschäftsführungsebene eingearbeitet und das Ruder übernommen, um das Unternehmen weiterhin zukunftsfähig für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Kunden zu gestalten.“

Nun sind „schnelle Autos“ eher eine Männerdomäne, was sich oft auch in frauenfeindlichen Bemerkungen spüren lässt. Doch Schnauck-Betow kann sich durchsetzen: „Sicherlich nicht, indem ich ähnliche Sprüche klopfe, wie sie mir ab und an zugeworfen werden. Bei lustigen Kommentaren kann ich manches Mal sogar mitlachen, bei anderen Äußerungen hilft nur ein resolutes Abwinken und letztlich ignorieren“, sagt sie, und ergänzt: „Tatsächlich bekomme ich den meisten Respekt, wenn ich mich zugewandt unterhalte, mir die Zeit für die Mitarbeiter nehme und auch einfach mal zuhöre. Respekt bekommt man nur mit Respekt.“

Familie und Beruf: Mut zur Unvollkommenheit

Fragt man sie nach ihrer Meinung zu einer festen Frauenquote, zögert sie etwas: „Der Name Frauenquote ist ja nicht so positiv besetzt. Dennoch finde ich es wichtig, dass gleiche Karrierechancen für Frauen gelten, und es sollte noch mehr dafür getan werden, dass das auch mit einer Familie und mit Kindern möglich ist.“ Dass Letzteres nicht einfach ist, hat sie selbst erlebt. „Es gab Zeiten, wo Haushalt, Schule, Hobbies der Kinder und mein Beruf miteinander vereinbart werden mussten. Das ist ein immenser Organisationsaufwand, und es wird immer so sein, dass man das Gefühl hat, irgendwem nicht gerecht geworden zu sein“, sagt Schnauck-Betow nachdenklich. Ihr Ratschlag: „Als berufstätige Frau muss man versuchen, sich von diesem Gefühl zu lösen und wahrscheinlich imperfekt perfekt sein. Das ist nicht leicht, aber ein wichtiger Schritt für alle Familienmitglieder.“

Im eigenen Unternehmen mit rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es gar nicht so einfach, eine Quote umzusetzen. Zwar sind im administrativen Bereich schon überwiegend Frauen tätig, für Vertrieb und Werkstatt ist es jedoch schwierig, weibliches Personal zu gewinnen.

Frauen, die eine Führungsposition anstreben, empfiehlt sie: „Prinzipiell glaube ich, dass Frauen ein oft weitaus größeres Fähigkeiten-Portfolio besitzen. Diese müssten sie nur konsequent ausspielen und mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben. Sind die ersten Hürden genommen – diese sind meist die schwierigsten –, fällt es deutlich leichter selbstbewusst, bestimmt und natürlich aufzutreten. Dass sind schließlich die Waffen der Frauen.“ KP

Bild: Verti