Pflanzenkraft, die Gesundheit schafft

Die möglichst einfache Produktion hochwirksamer Medikamente – diesem Ziel hat sich der Biochemiker Peter Seeberger verschrieben. Nach der kostengünstigen Entwicklung eines Impfstoffs gegen Streptokokken lässt nun ein besonderes Projekt aufhorchen: die Behandlung von Covid-19-Patienten mit Beifuß-Präparaten.

„Natürlich gibt es im Bereich der Naturmedizin einerseits viele dubiose oder unseriöse Dinge“, stellt Peter Seeberger gleich zu Beginn klar. „Andererseits betreiben wir hier seriöse Forschung, um mit einfachen Mitteln besonders wirksame Resultate zu erzielen“, erklärt der Biochemiker seine Forschung am Potsdamer Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Der 54-Jährige forscht seit 2009 in der Hauptstadtregion – zuvor war er Professor am MIT in den Vereinigten Staaten und Professor an der ETH Zürich. Hier kann er bereits auf spannende Ergebnisse zurückblicken: So habe er bereits dort an Impfstoffen gegen Krebs und Streptokokken geforscht. Diese sind beispielsweise für Lungenentzündungen verantwortlich. „Pro Jahr sterben in Deutschland etwa 30.000 Menschen an den Folgen einer Lungenentzündung“, rechnet Seeberger vor. Wer etwa schon durch eine Covid-19-Infektion geschwächt sei, für den berge dies ein gefährliches Zusatzrisiko.

Auf dem Weg zu diesen Impfstoffen beschritten Seeberger und sein Team Neuland: Um einen Impfstoff entwickeln zu können, sei es notwendig, die Strukturen betroffener Zellen „nachzubauen“ und seine Wirkungsweise daran zu erproben. Der Weg dorthin führt über einen auf den ersten Blick vertrauten Baustoff: Zucker, allerdings in reiner Form. „Etwa 80 Prozent der Biomasse auf der Erde bestehen aus Zucker, etwa in Form von Zellulose in Pflanzen oder Chitin bei Insekten“, erklärt Seeberger. „Er ist ein wichtiger Zellbaustein, aber bislang vergleichsweise schlecht untersucht.“

Der für die Forschung notwendige reine Zucker besteht aus langen Ketten und ist normalerweise nur schwer erhältlich, denn mit normalem Haushaltszucker lässt sich dieser kaum vergleichen. „Mit Hilfe einer Synthesemaschine können wir den Zucker nun synthetisieren und neu ,zusammenbauen´“, erläutert der Wissenschaftler. „Diese Erfindung war ein Meilenstein – daher steht die Synthesemaschine heute im Deutschen Technikmuseum in Berlin.“ Mittlerweile könnten reiner Zucker sehr leicht hergestellt und Zelloberflächen „nachgebaut“ werden – eine wichtige Grundlage zur Erforschung von Impfstoffen.

Besonders die Untersuchungen zu möglichen Impfstoffen rücken die gesellschaftliche Relevanz seriöser Forschung in den Mittelpunkt. „Wir betreiben Grundlagenforschung mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Wir wollen klarmachen, dass dies zum Nutzen der Gesellschaft geschieht“, betont Seeberger. Aus erfolgreichen Forschungsprojekten gingen Firmen hervor, die anschließend durch ihre Steuerzahlungen auch zum Wohle der Allgemeinheit beitragen würden.

Eines der in Potsdam verfolgten Projekte dürfte unterdessen auf ganz besondere Aufmerksamkeit stoßen: Seeberger, unter anderem mit dem Körber-Preis und dem Wissenschaftspreis des Stifterverbandes ausgezeichnet, wirft in der Corona-Pandemie sein Augenmerk auf ein altbekanntes Naturheilmittel: „In der traditionellen chinesischen Medizin spielt Beifuß eine ganz besondere Rolle.“ Im Sommer präsentierte er Laborstudien, die nachweisen, dass Extrakte der Pflanze auf Zellebene gegen SARS-CoV-2 wirken – umgangssprachlich bekannt als Corona-Virus.

Eine klinische Studie mit 360 Patienten läuft seit Anfang Oktober in Mexiko. Die bei den Versuchen genutzten Extrakte stammen aus speziell gezüchteten Beifuß-Pflanzen, die einen besonders hohen Anteil an Artemisinin beinhalten, das bereits weltweit gegen Malaria eingesetzt wird.

Das Problem: Die Gewinnung von Artemisinin ist enorm komplex und kostspielig. „Beifuß wird hauptsächlich in Indien und China angebaut. Für die Bauern lohnt sich das kaum, und die konventionelle Verarbeitung zu Artemisinin ist sehr, sehr teuer“, erklärt Seeberger die schwierige Ausgangslage. Dagegen wurde in Potsdam ein denkbar einfaches Verfahren entwickelt: In einem Durchlaufreaktor reagieren Beifuß-Pflanzenreste unter Licht- und Lufteinwirkung. Damit besteht die Möglichkeit, einen weiteren Schritt der Wertschöpfungskette in jene Länder zu verlegen, in denen bisher nur die Pflanze angebaut und extrahiert wird.

Während die Wirkung von Beifuß-Präparaten gegen Covid-19 weiter erforscht wird, verweist Seeberger auf einen weiteren vielversprechenden Ausblick: „Studien zeigen, dass das aus dem Beifuß gewonnene Artemisinin bei der Behandlung von 108 Krebsarten helfen können“, erklärt der Biochemiker. „Ich will nicht behaupten, Beifußtee helfe gegen Krebs, das wäre unseriös“, unterstreicht er jedoch zugleich. Derzeit beginnt eine klinische Studie in den USA um die Wirkung bei der Krebsnachsorge weiter zu untersuchen. Die Forschung hat dennoch einen weiten Weg vor sich: „Das Artemisinin wirkt gegen viele Krankheiten, wohl auch gegen Krebs. Aber noch weiß man nicht genau, wie es wirkt, und dazu forschen wir.“ Philipp Hochbaum

Dieses Portrait ist in der aktuellen Ausgabe des Lokal-Reports erschienen, der über Aktuelles aus Wirtschaft, Politik und Kultur in der Region um Teltow, Kleinmachnow, Stahnsdorf und Berlin Steglitz-Zehlendorf berichtet. Dieser ist im örtlichen Einzelhandel oder hier im Online- und Print-Abonnement erhältlich.

Bild: Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung/Kerry Gilmore