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Ein „Indiana Jones“ mit festen Regeln – Der Bauforscher und Archäologe Wolfram Kleiss

Schon in der Antike hatte sich im Perserreich eine bedeutende Zivilisation etabliert, die als politische und kulturelle Großmacht, deren Einflussbereich von Nordindien bis in die heutige Türkei reichte, mit Rom und Griechenland konkurrierte. Heutzutage sorgt das totalitäre Mullahregime im Iran für negative Schlagzeilen und steht für Unterdrückung und Willkür. Wolfram Kleiss hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Licht ins Dunkel der fernen iranischen Vergangenheit zu bringen –  sogar in die Zeit vor den Perserkönigen, als der Staat noch Kultur statt Raketen verbreitete.

Zunächst sei vorangestellt, dass die Informationen über Biografie und Werdegang sowie persönliche Charakterzüge des Verstorbenen in diesem Falle teils auf dem Material beruhen, das die Hinterbliebenen uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben. Ihnen gebührt unser ausdrücklicher Dank.

Am 17. November 1930 wurde (Karl Fritz) Wolfram Kleiss als Sohn eines Stadtsekretärs in Berlin-Tempelhof geboren. Beide Großväter waren Handwerker, der Großvater mütterlicherseits besaß eine Möbelfabrik, in der der kleine Wolfram gern stundenlang aus Holzresten Fantasiegebäude bastelte und schon früh einen Faible für das Bauwesen entwickelte. So verwundert es nicht, dass er später eine Laufbahn als Architekt anstrebte. Als Wolfram sechs Jahre alt war, starb sein Vater plötzlich an Herzversagen. Seine Mutter zog danach mit ihm zeitweise zu ihren Eltern nach Kablow bei Königs Wusterhausen, wo er später auch den Einmarsch der russischen Truppen miterlebte. Danach ging er mit der Mutter wieder nach Berlin zurück, wo er 1950 die Abiturprüfung ablegte. Es folgte ein Architekturstudium an der TU Berlin, nachdem er festgestellt hatte, dass das Alliiertenrecht Berlinern die Seefahrt untersagte (ein Schiffsbaustudium kam daher nicht infrage). Unter Architekturstudenten fühlte er sich aber sehr wohl, zumal damals berühmte Koryphäen wie Werner March und Hans Scharoun an der Universität lehrten wie auch Ernst Heinrich, sein späterer Doktorvater und Institutskollege. Schon während des Studiums, das er 1956 mit dem Diplom abschloss, interessierte sich Kleiss für Baugeschichte. So verwundert es nicht, dass die Doktorarbeit die römische Geschichte von Kempten zum Thema hatte. Gleichzeitig begann eine enge berufliche Bindung zum Deutschen Archäologischen Institut (DAI), das ihm zunächst mit einem Reisestipendium einen Studienaufenthalt im Iran ermöglichte, ihn dann als Referent für mehrere Jahre in die Türkei entsandte und danach für fast zwanzig Jahre in den Iran schickte, wo er sich habilitierte und zum Direktor der Abteilung Teheran aufstieg.

Prof. Dr. Kleiss bei einem seiner späteren Iran-Besuche / KI Bearbeitung mario Kacner

Der Iran und Teile der Türkei – ehemalige Gebiete des urartäischen und danach des persischen Reichs – mit ihrer jahrtausendealten Kulturgeschichte und unzähligen historischen Ausgrabungsstätten boten für einen Bauhistoriker (und immer stärker auch Archäologen) wie Wolfram Kleiss ein reiches Betätigungsfeld. Die Vermessungsarbeiten kamen ihm, der nicht nur seit Kindertagen über ein großes Zeichentalent verfügte, sondern auch besonders das akribische Arbeiten liebte, sehr entgegen. Damals wurden archäologische Funde ausschließlich in Form von Skizzen und Zeichnungen festgehalten, heutzutage baut man mehr auf Fotografien und 3D-Scans. Zusammen mit iranischen Kollegen erforschte Kleiss im Nordwesten des Landes die Relikte der urartäischen Kultur. Dieses Volk beherrschte vom 9. bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. das Gebiet des späteren Perserreichs als Großmacht. Die Grabungsarbeiten von Wolfram Kleiss und seinem Team an verschiedenen Fundstätten zogen sich über mehrere Jahre hin–der Höhepunkt war jedoch seine Entdeckung der urartäischen Anlage Bastam, die er von 1969 bis 1978 erforschte.

Im Nachhinein verwundert es etwas, dass jemand, der von seiner nächsten Umgebung als jemand, „für den Ruhe und Geduld nicht unbedingt zu seinen Stärken gehörten“, beschrieben wird, genug Ausdauer für die die strapaziösen und langwierigen Grabungen aufbringen konnte. Auf der anderen Seite wird er aber auch als jemand charakterisiert, der äußerst penibel war und zeitlebens auf minutiös geplantem Agieren mit starren Regeln beharrte – Eigenschaften, die in familiärer Umgebung zu Spannungen führen können, im Umfeld archäologischer Forschung jedoch durchaus von Nutzen sein können.

Neben den drei großen Grabungen erforschte Kleiss weitere Denkmäler der iranischen Baugeschichte wie Karawansereien, Festungen, Koranschulen oder Brückenbauwerke. Er verfasste mehr als 300 Publikationen, als besonders bedeutend gilt das 2015 veröffentlichte Werk „Geschichte der Architektur Irans“, das eine Zeit von mehreren Jahrtausenden umfasst und als international anerkanntes Standardwerk gilt. Daneben sammelte und katalogisierte er unzählige Fotografien altiranischer Bauwerke und Kulturdenkmäler von mehr als tausend archäologischen Stätten – eine Arbeit, für die er zeitlebens im Iran hohe Anerkennung genoss und daher auch nach dem Sturz des Schahs während der islamischen Revolution hochwillkommen war, sodass Kleiss selbst nach der Rückkehr nach Berlin und noch als Pensionär Forschungsreisen in dieses Land unternehmen konnte. 1984 wurde er in seiner Heimat für seine Forschungen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Dass es auch außerhalb seines archäologischen Spezialgebiets zu Veröffentlichungen kam, verdankte er der Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin Liselotte Soltani. Als sie sich in Teheran kennenlernten (sie als seine Sekretärin, er als Direktor der dortigen DAI-Abteilung), waren beide noch verheiratet, er bereits in zweiter Ehe. Doch die Liebe und die gemeinsamen kulturellen Interessen waren so stark, dass sich Liselotte von ihrem iranischen Ehemann, mit dem sie drei Kinder hatte und bis zum Schluss freundschaftlich verbunden blieb, trennte–und er sich von seiner deutschen Frau, die ihn auf vielen Forschungsreisen begleitet hatte. In Liselottes Familie wurde Kleiss trotzdem freundlich und liebevoll, wenn auch nicht ganz konfliktfrei aufgenommen (er war wohl recht konservativ und beharrlich in seinen Ansichten, aber „ein Kavalier der alten Schule“). Gemeinsam mit Liselotte Soltani verfasste er zwei Bücher über Taubenhäuser–Bauwerke, die sowohl in der europäischen als auch in der mittelasiatischen Geschichte eine Rolle spielten. Die Zusammenarbeit hatte ein jähes Ende, als Soltani kurz nacheinander zwei Schlaganfälle bekam und daher der Umzug in ein Seniorenheim anstand, wohin er ihr treu folgte–ein unumgänglicher Schritt, zumal seine eigene Sehfähigkeit zunehmend nachließ. Bald darauf zwang ihn eine schwere Krankheit in den Rollstuhl, daher mussten beide in ein Kleinmachnower Pflegeheim umziehen. Nach dem Tod von Soltani Ende 2017 erblindete Kleiss fast vollständig, blieb aber bis zum Schluss geistig rege. Er verstarb am 18. Dezember 2020 im Alter von 90 Jahren und wurde auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof im Grab seiner Lebensgefährtin beigesetzt.

Coverfoto: Wolfram Kleiss beaufsichtigt archäologische Grabungen in Bastam / KI Bearbeitung Mario Kacner