Wünschewagen erfüllt Herzensangelegenheiten

Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie nur noch kurze Zeit zu leben hätten? Eine Weltreise zu machen? Eine große Party mit Freunden und Verwandten zu feiern? In ein Haus am Meer zu ziehen? Karola Losensky und Uwe Sterr wissen: Wünsche werden bescheidener, wenn die Zeit wirklich zu Ende geht. Beide begleiten seit drei Jahren ehrenamtlich Fahrten Todkranker und ihrer Familien mit dem Wünschewagen.  „Unsere Fahrgäste  haben ganz kleine Wünsche“, sagt Losensky. „Da geht es eher um einen Theaterbesuch oder ein Fußballspiel.“ Denn bei Krebs im Endstadium hat niemand mehr die Kraft, nach Australien zu reisen. Selbst kleine Ausflüge werden bei einer schweren Krankheit zur Herausforderung. Darum gründete der Holländer Kees Veldboer 2010 die Organisation „Ambulance Wens“, die nicht mobile Sterbende noch einmal an ihren Wunschort bringt. Ein Seemann mit großer Sehnsucht nach seinem Schiff war drei Jahre zuvor der Anlass dafür.

In Deutschland griff diese Idee 2014 der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) auf und rief die Aktion „Wünsche wagen“ ins Leben. Mittlerweile hat jedes Bundesland einen oder zwei Wünschewagen zur Verfügung,  Brandenburg seit 2016. Das Fahrzeug ist in der Teltower Feuerwache sicher untergebracht. „Dafür sind wir sehr dankbar, und es ist auch sehr praktisch, denn manchmal kommen wir erst mitten in der Nacht zurück, und dann ist immer jemand da“, sagt Sterr. Damit sie im Notfall helfen können oder in der Lage sind, Medikamente zu dosieren, müssen die Betreuer in der Regel beruflich einen medizinischen Hintergrund haben. „Wir sehen die Kollegen an dem Tag meist zum ersten Mal und müssen uns schnell organisieren“, sagt Krankenschwester Karola Losensky. „Da muss jeder Handgriff sitzen.“ Finanziert wird das Wünschewagen-Projekt durch Spenden.

Nachdem der Wunsch durch Angehörige oder Hospizmitarbeiter an den ASB herangetragen wurde, berät sich eine kleine Kommission. So kann ein Wunsch 500 Euro kosten oder mehrere Tausend. „Die Entscheidung für eine Fahrt hängt aber nicht davon ab, wie teuer sie ist, sondern davon, ob sie zu unserer Philosophie passt“, sagt Sterr. Die wenigsten Fälle werden abgelehnt.

Anschließend fragt Koordinator Manuel Möller, welche der 60 Wünschewagen-Ehrenamtlichen Zeit hätten. Für eine Fahrt werden zwei Betreuer benötigt. „Wir haben dafür eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Da braucht nur zu antworten, wer an dem Tag auch kann. Das Ehrenamt muss ja auch mit der Arbeit und dem Familienleben vereinbar sein.“ Weil die Ehrenamtlichen in ganz Brandenburg wohnen, kann ein Einsatz lange dauern. „Wer in Spremberg wohnt, kommt nach Teltow, um den Fahrgast aus Forst abzuholen und dann an die Ostsee zu fahren“, sagt Losensky. Als Rentnerin kann die ehemalige ­Krankenschwester wie auch ihr selbstständiger Kollege Uwe Sterr ihre Zeit frei einteilen, anderen geht das nicht so.

Zwischen Wunsch und Planung sollten im Idealfall nur wenige Tage liegen. Denn manchmal verschlechtert sich der Zustand der Patienten so schnell, dass die Reise nicht mehr angetreten werden kann. Das war bisher bei 50 der 100 geplanten Fahrten der Fall.

Die Spezial-Krankenwagen sind so ausgestattet, dass auch bettlägerige Patienten problemlos an weiter entfernte Orte transportiert werden können. Die medizinischen Geräte sind versteckt untergebracht, und der Wagen hat extra große Panoramafenster, damit die Patienten auch im Liegen viel von der Außenwelt sehen können. Statt „Patient“ wird aber „Fahrgast“ gesagt. „Die Fahrgäste wissen ja, dass sie krank sind. Das müssen sie nicht den ganzen Tag hören“, sagt Losensky. Sie hat mittlerweile bereits 16 Fahren begleitet. Oftmals umfassen die letzten Wünsche von Todkranken das Abschiednehmen von Orten oder geliebten Menschen, viele möchten auch einfach nochmal ans Meer, etwa weil sie dort schöne Urlaube verbracht haben. Besonders bewegend war für Losensky die Geschichte des 16-jährigen Cedric. Weil er seine Ausbildung in Bayern nicht mehr beginnen konnte, wollte er das Land wenigstens einmal kennen lernen.

Uwe Sterr ist die Geschichte der Patientin mit Bauchspeicheldrüsenkrebs besonders ans Herz gegangen, deren letzter Wunsch ein Musicalbesuch mit ihrem zehnjährigen Enkel war. „Es hat mich beeindruckt, wie sie mit ihrer Krankheit umgegangen ist. Weil wir wussten, dass dies das letzte Treffen ist, haben wir den beiden viel Zeit gelassen und auch mal eine halbe Stunde vor dem Wagen gewartet.“ Dabei berührt ihn nicht nur das Schicksal der Betroffenen, sondern auch die Reaktion vieler Beteiligter. „Ein Fahrgast wollte einmal im Leben auf einem Pferd sitzen, darum haben wir eine Fahrt zu einem Reiterhof organisiert. Dort hat man sich den ganzen Tag Zeit genommen, alles andere stehen und liegen lassen. Die Hofbesitzerin hat sogar ein Foto rahmen lassen.“ Bei einer anderen Fahrt hat das Restaurant die Rechnung übernommen, ein weiteres Mal hat ein anderer Gast plötzlich Geld auf den Tisch gelegt. „Das zeigt uns, dass unsere Arbeit anerkannt wird.“ Auch wenn die Menschen sterben, sei dieses Ehrenamt eine sehr dankbare Aufgabe, so Losensky. „Man muss die positive Seite sehen. Die Fahrten sind für unsere Fahrgäste Möglichkeiten, noch mal unbeschwerte Stunden zu verbringen. Wir ermöglichen ihnen damit ein würdevolles Sterben.“

Text/Foto: neb/ TSB