Eine Expedition in die Mittelsteinzeit – Wie sah der Alltag in Stahnsdorf und Kleinmachnow vor 11.000 Jahren aus?
Es wird immer wärmer, der Meeresspiegel steigt rasch an. Kommt Ihnen das
bekannt vor? Wir reden aber hier nicht über die Gegenwart, sondern über eine ferne Vergangenheit, genauer über die Mittelsteinzeit (Mesolithikum). Die Tem-peraturwerte nahmen damals rasant zu, und der Meeresspiegel stieg jährlich um 1,25 Meter – unvorstellbar viel im Vergleich zum letzten Jahrzehnt, wo wir uns schon wegen 3,7 Millimetern Anstieg pro Jahr Sorgen machten. Die Jäger und Sammler, die ab dem 10. Jahrhundert v. Chr. in unserer Region siedelten, wussten nichts darüber, was an den damaligen Küsten geschah – der Temperaturanstieg brachte ihnen hingegen angenehme Lebensumstände. Wir reisen zurück und besuchen eine mesolithische Siedlung nahe des heutigen Teltowkanals.
Im Bäketal vor 11.000 Jahren
Ein weites Sumpf- und Moorgebiet erstreckt sich an beiden Ufern des kleinen Flusses. Ganz in der Nähe einer seeähnlichen Verbreiterung gibt es jedoch einige trockene Stellen, an denen Gruppen von Jägern und Sammlern Rastplätze errichtet haben. Im Fluss gibt es auch einige Sandbänke, auf denen sich manchmal Robben niederlassen – allerdings immer seltener, denn sie sind eine willkommene Jagdbeute, da praktisch alles an ihnen verwertbar ist: Fleisch, Fett, Därme und Fell – ja sogar der vitaminreiche Mageninhalt wird von mutigen Jägern geschätzt. Eine der Sandbänke ist so hoch, dass man dort mühelos zum anderen Ufer gelangen kann. Am südlichen Ufer lebt eine Gruppe von 25 Menschen, am Nordufer weitere 34 –
zwischen beiden gibt es verwandtschaftliche Beziehungen. Manchmal gehen sie auch gemeinsam auf die Jagd, sie nutzen dazu Steinbeile, Harpunen aus Holz und geschnitzten Geweihstücken sowie Pfeile mit winzig kleinen Steinspitzen (später wird man dazu „Mikrolithen“ sagen). Kürzlich konnten sie einen Rothirsch und einen Elch erlegen – zur Freude aller, denn Eichhörnchen, Marder und Vögel, die man sonst fängt, wenn kein Großwild in der Gegend ist, sind längst nicht so ergiebig. Mit Steinwerkzeugen und Messerklingen aus Knochen zerlegten die Jäger ihre Beute. Das Geweih des Elchs ging an die südliche Siedlung, das Hirschgeweih an die nördlichen Verwandten (Geweihe dieser mächtigen Tiere gelten als heilig), der Rest wurde nach Personenanzahl aufgeteilt, ein Teil davon mit weiter östlich lebenden Stämmen gegen Feuerstein und Wildgetreide getauscht. Das Fell soll auf einem Holzrahmen aufgespannt und mit Urin gegerbt werden. Die Jäger Rag, Gäl und Zul, die zu denen gehören, die sich bei der Wache gegen Bären und Wölfe abwechseln, ruhen sich jetzt im Holzverschlag am südlichen Ufer aus. Hif ist die Herrin und Hüterin des Feuers. Nur Frauen dürfen Feuer entfachen und Holz nachlegen, denn nur sie sind in der Lage, Leben und Wärme zu spenden. Gleich werden sie gesammelte Haselnüsse rösten und zu den weiter vom Ufer entfernten Strohhütten bringen, wo der Rest der Gruppe lebt. Seitdem in wenigen Jahrzehnten die Temperatur rasant um fünf Grad gestiegen ist (auf zwei Grad mehr als heute), lebt es sich in der Gegend immer angenehmer, sodass Wildgemüse und wildwachsendes Obst reichlich vorhanden sind – nur Jagdtiere wie den Ur und Wildpferde gibt es immer seltener. Seit der Erwärmung hat sich die Lebenserwartung auf 33 Jahre erhöht, die Kindersterblichkeit ist noch immer enorm hoch. Trotzdem: In der Nähe des Flusses lebt es sich ganz gut – wenn nur nicht die Zähne so häufig wehtäten und die vielen Stechmücken Tiere und Menschen nicht so quälten!

Auf dem Windmühlenberg zwischen Stahnsdorf und Ruhlsdorf vor 8.000 Jahren
Bei Halbmond findet am heiligen, von mächtigen Megalithen umgebenen Kult-
platz, in dessen Nähe sich auch ein Großsteingrab befindet, ein Heilungsritual statt. Wie man solche Steinbauten errichtet, hatten die Vorfahren aus dem heute türkischen Göbekli Tepe schon vor 12.000 Jahren gewusst. Menschen aus den Siedlungen nördlich und südlich des Flusses haben sich heute eingefunden, damit der Schamane Luv einen verletzten Jäger vom bösen Fluch des Bären, der ihn angegriffen hat, befreien kann. Luv stammt aus dem Norden und ist hellhäutiger als die anderen Teilnehmer, die eine dunkle Hautfarbe und blaue Augen haben. Er erschien plötzlich während eines heftigen Gewitters, der Sturm hatte seinen Einbaum ans Ufer gedrückt, die Ruder waren zerbrochen. Dann wurde er vom hiesigen Stamm aufgenommen, der seine Ankunft als göttliche Fügung betrachtete. Es dauerte einige Monde, bis er ihre Sprache beherrschte, aber er kannte wundersame Rituale, schien magische Kräfte zu besitzen und konnte sogar den Zeitpunkt von Himmelsereignissen wie die Anzahl der Tage zwischen den Mondphasen genau vorhersagen. Dabei benutzt er einen Zauberstab aus Hirschgeweih, auf dem rätselhafte Kerben und Zacken eingeritzt sind, und die Peilung durch ein Loch ermöglicht ihm die Bestimmung der Mondgröße. Bei Ritualen bemalt Luv sein Gesicht mit weißem Schlamm und trägt eine Hirschgeweih-Maske, Federschmuck und Ketten aus Schneckenhäusern. Für die Bewohner der Gegend ist die Maske nichts Ungewöhnliches, wurden doch Hirschgeweihe bereits von ihren Vorfahren als heilig verehrt. Leder- und Fellkleidung tragen alle, denn inzwischen haben sich die Temperaturen wieder etwas abgekühlt – doch spätere Generationen werden auch wieder Warmphasen erleben. Ob es dem Schamanen Luv gelingt, den Verletzten zu heilen, wissen wir nicht – sein Zauberstab aus Hirschgeweih wird jedoch viele Jahrtausende überdauern.

Stahnsdorf / Kleinmachnow, an der Schleuse, vor 122 Jahren
Vor drei Jahren haben unter der Leitung von Landrat Ernst von Stubenrauch die ersten Ausschachtungsarbeiten für den im Bau befindlichen Teltowkanal begonnen. Westlich von der Stelle, wo die Bäke zu einem kleinen See verbreitert ist, soll eine Schleuse entstehen. 1901 hatte ein Fischer dort in Ufernähe einen Einbaum angehoben, der ihm jedoch wieder entglitt und nie wieder auftauchte. Für die neue Schleusenanlage muss man etwas tiefer graben als gewöhnlich, nämlich bis zu sieben Meter. Den See hat man aufgestaut, mit einem Einbruch von Grundwasser muss man in dieser Gegend nicht rechnen, aber das sumpfige Gelände muss mit 13 Mio. Kubikmeter Sand und Steinen stabilisiert werden, die man unter anderem vom Windmühlenberg zwischen Stahnsdorf und Ruhlsdorf holt. Diese Erhebung trägt man dabei um viele Meter ab, wobei man auf ungewöhnlich massive Steine trifft, die so groß sind, dass man sie zum Transport zerteilen muss. Normale Findlinge aus der Eiszeit, dachte man. Doch offenbar kannte niemand das bereits 1852 erschienene Werk „Die heidnischen Alterthümer des Regierungs-
bezirks Potsdam“ von Leopold Freiherr von Ledebur, in dem er schrieb: „bei Stahnsdorf: Die große Menge von Steinen auf dem Windmühlenberge deuten auf frühere Steindenkmäler.“ Schade – jetzt ist die Region um eine mögliche Touristenattraktion ärmer: ein „Stahnsdorfer Stonehenge“ ist verlorengegangen.


Hirschschädelmaske, Fundort: Biesdorf, 9000 -8000 v.u.Z. Bein / Knochen Inv.Nr.: I 82/26 Museum für Vor-und Frühgeschichte/Stiftung Stadtmuseum Berlin © Stiftung Stadtmuseum Berlin Reproduktion: Oliver Ziebe, Berlin Repro
Oliver Ziebe

1904 / 1905 graben sich im Bäketal an der zukünftigen Schleuse Hunderte von Arbeitern immer tiefer vor und stoßen dabei auf einige merkwürdige Gegenstände: kurze Pfeilspitzen aus Stein, harpunenähnlich geschnitzte Knochen, eine Knochenaxt („Tüllenaxt“) und – auf der Kleinmachnower Seite – einen Stab aus Hirschgeweih mit Einritzungen, den man an Georg von Hake übergibt. Dessen Schwager ist Anthropologe und erkennt die Bedeutung des Fundes. Man fertigt sogar eine Kopie des Stabes an, die in der „Gaststätte zum Schleusengarten“ ausgestellt wird – beide Exponate gehen jedoch leider während des Zweiten Weltkriegs verloren. Offenbar wurden sogar Menschen- und Pferdeknochen gefunden – auch diese sind spurlos verschwunden. Schade: Mit heutigen Analysetechniken könnte man so viel darüber herausfinden. Zum Kleinmachnower Hirschgeweihstab gibt es übrigens Vergleichsobjekte aus Dänemark und von der deutschen Ostseeküste, 2021 wurde deren archäoastronomische Bedeutung als Mondkalender nachgewiesen.
Südlich der Schleuse, vor 28 Jahren
Zwischen Wannseestraße und der Schleuse soll ein Baukomplex mit Supermarkt, Seniorenwohnheim, Miet- und Eigentumswohnungen errichtet werden. Die Denkmalschutzbehörde hatte bereits vor Beginn der Baggerarbeiten darauf hingewiesen, dass eine archäologische Baubegleitung nötig sei – und tatsächlich findet man während der Ausschachtungsarbeiten Überreste eines mesolithischen Lagerplatzes, Feuersteine und auch ein paar Steinwerkzeuge. Daraufhin sperrt man diesen Bereich des Bauplatzes sicherheitshalber ab, doch weitere Teile sind bereits durch die Baumaschinen unerlaubt und unwiederbringlich beschädigt worden. Auch an anderen Stellen in Stahnsdorf hat man Reste von Steinartefakten gefunden, diese gelten jedoch als verschollen. Die mesolithischen Siedlungen im Bereich der Schleuse werden als „Bodendenkmal Nr. 30462“ geführt.


Heute, an der Ruhlsdorfer / Stahnsdorfer Straße
Der ehemals 60 Meter hohe Windmühlenberg ist nahezu vollständig abgetragen. Wenn man vom Kreisverkehr aus in Richtung Ruhlsdorf fährt, fällt nur noch ein flacher Hügel auf. Dort haben sich Baustofffirmen niedergelassen, und die noch vorhandenen Steine, die von der Errichtung des Teltowkanals übrigblieben, wurden als Baumaterial verkauft. Bagger haben das Gelände eingeebnet, sodass glatte Lagerflächen entstanden sind. Hier wie auch an den anderen ehemaligen Fundstellen von Zeugnissen der megalithischen Kultur gibt es weder Informationstafeln noch sonstige Hinweise. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hätte sich wohl dafür eingesetzt, die Relikte unserer fernen Vorfahren in irgendeiner Form zu würdigen: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“
Coverfoto: Wikipedia (Hintergrund) / Mario Kacner (KI-Bearbeitung)
