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Berlinale-Film CENTAUR

Filme aus Staaten der Seidenstraße haben bei der Berlinale Seltenheitswert. Im Rahmen der 67. Berlinale wurde nun ein Film aus dem zentralasiatischen Kirgisien gezeigt: Centaur. Er lief im „Offiziellen Programm/Panorama.“ Der Regisseur Aktan Arym Kubat hat auch die Hauptrolle in diesem Spielfilm übernommen. Dieser Filmemacher hatte bereits in seinem preisgekrönten Werk „Der Dieb des Lichts“ Regiearbeit und Hauptrolle inne. Der 90 Minuten lange Film ist eine Co-Produktion aus Kirgisien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Aktan Arym Kubat stellt den Filmvorführer Centaur dar, der in einem Dorf zusammen mit seiner gehörlosen Frau (faszinierend dargestellt durch Zarema Asnalieva, die mit ihrer starken Mimik als Gehörlose sehr überzeugend wirkt) und dem 5 Jahre alten Jungen lebt. In diesem Dorf, ja besser: Nest, sind Bollywood-Streifen, Geschichten vom Krieg in Afghanistan und die Filme des sowjetischen Künstlers Tolomush Okeyev die Verbindung in die große weite Welt. Im Grunde spielen hier nicht Menschen die Hauptrolle, sondern stolze und edle Pferderassen. Centaur ist der festen Überzeugung an alte Traditionen aus seiner Heimat anknüpfen zu müssen. Seinerzeit achteten die Kirgisen die Pferde noch als Partner und Freunde der Menschen auf vier Beinen. Heute geht es nur darum, wer besitzt den größten und schnellsten Geländewagen. Er ist der Auffassung, Pferde haben Seelen und Flügel. Mit deren Hilfe kommen Menschen auch zu ihren Ahnen, nämlich dann, wenn sie verstorben sind. Es sind die Pferde, die den Transport der Seelen übernehmen. So will es eine alte kirgisische Legende, die mitentscheidet, ob die Seele eines Toten auf dem Rücken eines Pferdes ins Paradies getragen wird. Der moderne Kirgise hat das alles vergessen und nur noch Augen und Ohren für die Technik, die dem Filmvorführer so verhasst ist. Sein Dorfkino und die dort vorhandenen Projektoren haben eher den Charme eines Filmmuseums denn eines aktiven Kinos. Der Filmvorführer sehnt sich aber auch gar nicht nach dem allerneusten Schrei der Technik. Die vorhanden Filme kann er abspielen, nur das ist wichtig. Centaur ist der festen Meinung, das Volk der Kirgisen stammt von Zentauren ab, den mythologischen Mischwesen aus Mensch und Pferd. Centaurs Bruder ist in der Region der höchste Polizeioffizier und muss sich mit zahlreichen Pferdediebstählen auseinandersetzen. Oft werden die Tiere direkt von der Weide gestohlen und die Diebe treiben sie ins Nachbarland Kasachstan. Dort enden sie als Wurst und Gulasch im Schlachthof. Eines Tages wird ein sehr edles und ca. 50.000 Euro teures Rassezuchtpferd gestohlen. Besitzer ist ausgerechnet der Polizeikommandant. „Das ganze Land lacht über mich, weil einem Polizeidirektor das Pferd gestohlen wurde“, stellt er erbost fest. Ein Hauptverdächtiger ist schnell gefunden. Er fiel in der Region schon oft durch Pferdediebstähle auf. Im Verhör, wo es mitunter „robust zur Sache geht“ und der Tatverdächtige einige Schläge erhält, gibt er unumwunden viele Diebstähle zu. Nur beim Diebstahl des Rassepferdes will er es nicht gewesen sein. Seine Begründung ist simpel: „Ich klaue immer nur für den Schlachthof. Was hat da ein solch schönes Pferd zu suchen?“ Im Laufe der weiteren Ermittlungen stellt der Polizeikommandant entsetzt fest, sein eigener Bruder Centaur gehört zu den Tatverdächtigen. Im Verhör kommt er schnell zur Sache. „Ja, ich bin es gewesen. Ich habe die Stimme des Tieres gehört. Ich musste ihm seine Freiheit geben.“ Zum Glück wird das edle und wertvolle Tier wohlerhalten bald gefunden, weil es sich anderen Pferden auf einer Weide angeschlossen hatte. Was macht man nun mit zwei Pferdedieben im Dorf? Zumal einer Pferde stiehlt, um Geld zu kassieren, ein anderer stiehlt, weil er das Pferd hat nach Freiheit rufen hören. Ist Centaur noch als normal einzustufen? Er hat das Pferd schreien hören. Nur er. Hat er eine besondere Begabung, die nur noch ganz wenige Kirgisen besitzen? Oder ist das eine Schutzbehauptung, um die Haftstrafe, die ihn eventuell erwartet, zu verkürzen? Das genaue Ende zeigt Regisseur Aktan Arym Kubat dem Publikum auf und unterstreicht auch, welch hohen Stellenwert die Pferde einst in seiner Heimat genossen hatten. Ein beeindruckender Film der sich des Themas Schuld und Sühne auch annimmt. Mit dem „normalen“ Dieb, der stiehlt um sich zu bereichern, hat die Gesellschaft ja keine Probleme. Er wird weggesperrt. Da ist die sekundäre Frage nur: „Für wie lange?“ Wie aber geht eine Gesellschaft mit einem „edlen“ Dieb um, der Land und Leute an längst vergessene Traditionen erinnert? Muss man diesen Dieb verurteilen? Braucht er vielleicht die Hilfe eines Neurologen? Reicht es aus, Centaur statt wegzusperren einfach aus der Dorfgemeinschaft rauszuwerfen? Bleiben seine gehörlose Frau und der Sohn bei ihm oder werden sie sich von dem Pferdedieb trennen? Wird Centaur weiterhin die Rufe der Pferde hören und erhören und sie befreien? S. E. der Botschafter Kirgisiens in der Bundesrepublik Deutschland, Herr Erines Otorbaev, sagte im Pressegespräch: „Das Werk Centaur hat mich sehr tief bewegt und beeindruckt. Es sind auch die wunderbaren Landschaftsaufnahmen, die dieses Werk so einzigartig machen.“ Ein Werk, dass zeigt, sehr gute Produktionen können auch aus Ländern der Seidenstraße kommen. Dieses beeindruckende Werk wir am 17. Februar im Charlottenburger Kino „Zoopalast“ um 19 Uhr aufgeführt und am 19. Februar, dem Publikumstag, um 20 Uhr im Kino „International“ in Berlin-Mitte.

 

Text: VTN; Foto: Michael Gröschl