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Hans-Jürgen Leßmann – Ein Herz für Igel

Hans-Jürgen Leßmann hat ein stacheliges Hobby: die Rettung und Aufzucht von kleinen, verletzten oder verwaisten Igeln. Doch wenn man ihn besucht, wird schnell klar, dass es mehr als ein Hobby ist: Im Hause Leßmann dreht sich alles um den Tierschutz. Große Leidenschaft und unermüdlicher Einsatz, und das seit vielen Jahren – das war für die Gemeinde Stahnsdorf Anlass genug, Hans-Jürgen Leßmann für sein ehrenamtliches Engagement mit der Stahnsdorfer Ehrennadel auszuzeichnen. Wir haben den Igelretter vor Ort besucht und konnten nachvollziehen, wie viel Mühe mit der Tierrettung verbunden ist.

In einer ruhig gelegenen Doppelhaushälfte nahe der Sputendorfer Straße wohnt Familie Leßmann. Umgeben von einem naturnahen und insektenfreundlichen Garten ist das Haus nicht nur Igel-Aufzuchtstation, sondern auch das Heim von ehemals misshandelten Katzen, die uns bei der Ankunft freundlich begrüßen. Wir begleiten den Hausherrn ins enge Dachgeschoss, das ausschließlich als Unterkunft und Pflegestation für kleine Igel dient. Ganz geruchlos ist es hier nicht – aber auch nicht allzu aufdringlich. In zwei Regalen befinden sich große Plastikboxen, in denen jeweils ein kleiner Patient untergebracht ist (momentan insgesamt neun). Gemütlich eingekuschelt, leben die Igel warm, geschützt und artgerecht. Jedes Tier hat einen Stoffbeutel als kleine Höhle, in die es sich zurückziehen kann. Junge Igel schlafen viel, daher ist diese Unterbringung ideal. Doch wenn man sich anschaut, in welchem reinigungsintensiven Zustand so eine Igelbox bereits nach einem Tag ist, fragt man sich, wie Hans-Jürgen Leßmann überhaupt dazu kam, diese anstrengende und zeitraubende Aufgabe zu übernehmen.

Foto: Mario Kacner

Im Berufsleben hat Leßmann (Jahrgang 1955) sich mit völlig anderen Dingen beschäftigt: Er war als Kfz-Meister bei der Berliner BVG tätig und befindet sich seit 2019 im Ruhestand. Nach Stahnsdorf kam er im Jahr 2005, als die Häuser neu errichtet wurden. Tierlieb war er schon immer. So berichtet er uns, dass er früher Goldhamster, Meerschweinchen und Wellensittiche hatte. Fotografie und Motorradfahren waren seine weiteren Hobbys, für die das jetzige Engagement beim Tierschutz aber kaum Zeit übriglässt. Doch wie kam er überhaupt auf den Igel? „2017 fragte ein Kleinmachnower bei nebenan.de, ob sich jemand bereitfände, einen kleinen Igel aufzupäppeln und zu überwintern. So fing alles an“, berichtet er. Leßmann traute sich das zu, baute ein kleines Gehege und schaffte es tatsächlich, den Igel auf ein Gewicht von 650 Gramm zu bringen – genug für ein Leben in freier Natur. Der Erfolg ermutigte ihn, die Igelrettung weiter zu betreiben. Er und seine Frau wurden zunächst Mitglieder bei der Tierrettung Potsdam (Igelgruppe „Die Igelianer“), dann bei der Wildtierhilfe Potsdam. Das Dach wurde zum Igelzimmer ausgebaut, Leßmann ließ sich von seiner Zehlendorfer Tierärztin Dr. Laininger beraten, vertiefte sich in Fachliteratur, besuchte Seminare und lernte das Mikroskopieren. Mittlerweile ist er ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Igelpflege und berät andere Tierliebhaber in Haltungs- und Ernährungsfragen. Dazu muss man wissen, dass Igel – obwohl sie als Allesfresser gelten – bei der Nahrungsaufnahme recht wählerisch und empfindlich sind: Milch vertragen sie überhaupt nicht, Katzenfutter nur ohne Soße oder Gelee, und Nacktschnecken könnten wegen der Parasiten sogar tödlich sein. „Igel lieben getrocknete Insekten, später auch lebende Heimchen, mit denen sie vor der Auswilderung an das Jagen gewöhnt werden“ – für Hans-Jürgen Leßmann normal, für Außenstehende vielleicht eher unvorstellbar, so etwas im Hause zu haben. Kleine Igel sind zwar niedlich, aber eben Wildtiere und keine kuscheligen Hausbewohner. Fütterung und Behälterreinigung muss man in Kauf nehmen, wenn man die verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt, verwaiste oder verletzte Igel bei sich zuhause aufzunehmen. Vorsicht und Hygiene sind oberstes Gebot bei Igeln: Nicht nur vor den Stacheln, sondern auch vor Hautpilz und Milben muss man sich in Acht nehmen. „Igelflöhe sind aber wirtsspezifisch, die gehen nicht an Menschen“, beruhigt Leßmann. „Wenn man einen kleinen Igel findet und ihn retten möchte, sollte man ihn auf jeden Fall nur mit Handschuhen anfassen, ein Handtuch tut es auch“, rät der Experte.

Foto: Gemeinde Stahnsdorf

Laut Bundesnaturschutzgesetz sind Igel eine besonders geschützte Tierart, daher darf man sie nicht fangen, verletzen oder töten. Verletzte, kranke oder hilflose Tiere darf man jedoch aufnehmen und gesund pflegen, danach muss man sie aber unverzüglich in die Freiheit entlassen. Als hilfsbedürftig gelten Igel, die verwaist sind, Verletzungen oder Krankheiten aufweisen oder nach Wintereinbruch noch am Tag herumlaufen. Bevor man ein solches Tier bei sich aufnimmt, sollte man aber auf jeden Fall einen Tierarzt oder Experten wie Hans-Jürgen Leßmann zu Rate ziehen. Die von Leßmann ins Leben gerufene und geleitete „Interessen-
gemeinschaft zum Schutz der Igel in TKS“ (ausdrücklich kein Verein „wegen der Bürokratie“) mit 24 Igelrettern („99 % Frauen“) hat eine eigene WhatsApp-Gruppe, trifft sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und für Schulungen und hat letztes Jahr 283 Igel gerettet – und das nur mit Hilfe von privaten Mitteln und von Spenden, ohne Unterstützung durch die Gemeinden. Über Spendenplattformen wie „Gofundme“ eingeworbene Mittel waren es auch, die es Leßmann ermöglichten, einen 1.300 Euro teuren Inkubator und ein 4.000 Euro teures Kaltplasmagerät zur Wundheilung für die kleinen Patienten zu beschaffen. Jetzt sucht die Igelretter-Gemeinschaft Räumlichkeiten, um die wachsende Anzahl behandlungsbedürftiger Igel unterzubringen. „Aus der Stahnsdorfer Verwaltung gab es bisher leider keine Reaktion“, bedauert Leßmann, „aber vielleicht findet sich in den Nachbargemeinden eine Unterbringungsmöglichkeit.“ Schön wäre es, denn das Engagement – auch durch Vorträge u. a. in Schulen – ist bestimmt förderungswürdig.

v. l. n. r.: Ines Pietsch (stellvertretende Vorsitzende der Gemeindevertretung),
Tina Leßmann (Ehefrau des Prämierten), Hans-Jürgen Leßmann und
Bürgermeister Bernd Albers Foto: Gemeinde Stahnsdorf

Doch nicht nur das Wohl von Igeln liegt Hans-Jürgen Leßmann am Herzen: Angeregt durch seine Tierärztin, die sich der Rettung kleiner Waschbären verschrieben hat, wurde er auch Gründungsmitglied des Vereins „Hauptsache Waschbär e. V.“. Noch ist zwar keines dieser possierlichen, aber von den meisten Menschen als Plage empfundenen und als invasive Art eingestuften Pelztiere in sein Haus eingezogen (die Pflege wäre auch sehr aufwändig: Fütterung alle drei Stunden und lebenslange Unterbringung im Gehege, da Waschbären nicht ausgewildert werden dürfen), aber Leßmann will auf jeden Fall verhindern, dass die Tiere weiterhin gejagt werden. Mehr als 200.000 Waschbären werden jedes Jahr erlegt, trotzdem steigt die Population stetig. Der Verein wirbt für Lebendfang, Kastration bzw. Sterilisation, die Jagdbehörde lehnt das ab. Leßmann würde die Methode trotzdem gern realisiert sehen und betrachtet sie auch als tiergerechte Möglichkeit, der Wildschweinplage in unserer Region Herr zu werden. Ein schwieriges Kapitel, denn die Diskussion über den richtigen Umgang erhitzt die Gemüter.

Foto: Mario Kacner

Hans-Jürgen Leßmann will sein Engagement für den Tierschutz auf jeden Fall fortsetzen und wird dabei von seiner Familie (Ehefrau, zwei Töchtern und sechs Enkeln) sehr unterstützt, wenngleich er aus der Nachbarschaft keine positive Resonanz zu erwarten hat. Die Gemeinde Stahnsdorf, die ihn mit der Ehrennadel ausgezeichnet hat, und die Bürgermeister aus den Nachbargemeinden hat er aber ganz gewiss auf seiner Seite.

Spendenkonto bei PayPal: schutz-der-igel-in-tks@gmx.de (keine Quittung, da kein Verein)

Fotos: Gemeinde Stahnsdorf und Mario Kacner