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Explosive Zeitzeugen im märkischen Sand

Bomben, Granaten, Munition: Lauern noch viele explosive Zeitzeugen im Boden, und was passiert bei einer Entschärfung oder einer Sprengung? Sprengmeister Mike Schwitzke gibt Auskunft.

Herr Schwitzke, kein Schild am Gebäude oder an Ihrer Tür deutet darauf hin, dass der Kampfmittelbeseitigungsdienst eine Institution der Polizei ist. Arbeiten Sie und Ihr Team also behördlich eigenständig?

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst ist keine Institution der Polizei, er ist ihr aber angegliedert und gehört zum Zentraldienst der Polizei des Landes Brandenburg mit Sitz in Wünsdorf. Bei Einsätzen stimmen wir uns selbstverständlich mit den Kräften vor Ort über die nötigen Schritte ab.

Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen: Sie werden bei einem Munitionsfund zum Fundort gerufen und entscheiden dann, was zu tun ist?

Wenn zum Beispiel bei Bauarbeiten verdächtiges Material gefunden wird, dann informiert das Ordnungsamt oder die Polizei zunächst den Kampfmittelbeseitigungsdienst, und wir schauen erst einmal, ob es tatsächlich Munition ist oder nur Schrott. Hier gibt es schon die „Klassiker“, die aufgrund ihrer Form  irrtümlicherweise für Kampfmittel gehalten werden.

Welche sind das zum Beispiel, und wie oft gibt es Falschmeldungen?

Also, oft werden verrostete Zapfen von Kuckucksuhren oder Druckgasflaschen aller Art  für Granaten gehalten, und alte Herdplatten sind „Minen“. 2021 gab es allein in meinem Zuständigkeitsbereich 277 Zufallsfunde, davon waren 27 Fehlalarme, also rund zehn Prozent. Dieser Anteil zieht sich durch alle Jahre. Aber lieber fahre ich einmal mehr und „umsonst“ zu einem Einsatz, als dass Bürger das Risiko selbst abwägen und dann schlimmstenfalls falsch liegen. Wir kommen in jedem Fall gerne, wenn wir gerufen werden.

Wie geht es dann vor Ort weiter?

Gut, angenommen es handelt sich jetzt tatsächlich um Munition: Dann müssen wir entscheiden, ob die nicht explodierten Kampfmittel noch transportfähig sind oder eben nicht. Der Transport an sich ist relativ einfach. Das Gefahrgut wird verpackt und gesichert zu einem zentralen Sammelpunkt abtransportiert. Davon haben wir mehrere im Land Brandenburg.

Wie groß ist dieses Einsatzgebiet?

Von unserem Quartier hier in Potsdam aus betreuen zwei Trupps, die aus jeweils zwei Personen bestehen, die Landkreise Potsdam-Mittelmark und Havelland und die Städte Potsdam und Brandenburg an der Havel.

Zurück zum Abtransport: Wie geht es danach weiter?

Wenn an einem Sammelpunkt etwa eine entsprechende Menge „zusammengesammelt“ ist, dann wird alles mit einem LKW zum Sprengplatz und  Zerlegebetrieb nach Kummersdorf Gut gebracht. Das ist logistisch viel einfacher, als wenn wir jedes einzelne Stück einzeln transportieren würden. Dort wird die Fundmunition im Rahmen von Großsprengungen vernichtet oder mit modernen Technologien zerlegt.

Was passiert, wenn der Blindgänger nicht transportfähig ist?

Dann wird vor Ort gesprengt, wie Anfang Mai in Stahnsdorf, als ein spezieller und beschädigter Zünder den Abtransport der gefundenen Flak-Granate unmöglich machte. Oder damals im Februar 2020, ebenfalls in Stahnsdorf bei einer 500-Kilo-Bombe, die nicht transport- und entschärfungsfähig war. Dabei geht eine besondere Gefahr von umherfliegenden Metallsplittern aus – daher bedecken wir die Sprengstelle wenn möglich mit Strohballen, um möglichst viele Trümmerteile abzufangen.

Was genau passiert bei einer Entschärfung?

Zunächst muss der Zünder gereinigt werden. Das ist normalerweise das  Ding, das bei der Bombe vorn oder hinten herausguckt, um es mal vereinfacht zu sagen. Zum Reinigen nehmen wir meistens Kriechöl, eine Drahtbürste, manchmal auch Hammer und Meißel. Mit einer Rohrzange wird anschließend versucht, den Zünder in seinem Gewinde aus der Bombe herauszudrehen – dafür gibt es zwei Versuche.

Hat man dabei eigentlich Angst, oder erledigt man das mit Routine?

Nein, Angst eigentlich gar nicht, aber einen gesunden Respekt. Es gab auch bisher keine brenzligen Situationen. Es ist nicht wie im Fernsehen, wo verworrene Kabel durchgeschnitten werden. Eigentlich müsste ein Lkw-Fahrer, der tagtäglich sein Leben auf den Straßen riskiert, viel mehr Angst haben. Aber dass ich nach einer Entschärfung zuerst meine Frau anrufe und danach meine Vorgesetzten, das finde ich normal.

Wie und wo kann man denn den Beruf des Sprengmeisters lernen?

Da habe ich schlechte Nachrichten, denn das ist kein anerkannter Ausbildungsberuf. Allerdings müssen Interessenten eine abgeschlossene Berufsausbildung in der Tasche zu haben, im besten Fall in einem handwerklichen, metallverarbeitenden  Beruf. Militärische Kenntnisse sind ein Vorteil, und die Praxis wird im Laufe der Jahre zusammen mit erfahrenen Kollegen trainiert.

Ein Überrest der 500-Kilo-Fliegerbombe, die 2020 in Stahnsdorf gesprengt wurde.

Wo gibt es besondere Probleme mit Munition und Blindgängern?

Für Brandenburg und Berlin kann man das nicht verallgemeinernd sagen. Allerdings kann man davon ausgehen, dass in früheren Kampfgebieten Munition im Erdreich überdauert hat, ebenso dort, wo Bombenabwürfe stattgefunden haben. Allerdings wurden außerplanmäßige Notabwürfe nicht dokumentiert, sodass Blindgänger theoretisch auch in weniger stark belasteten Gebieten gefunden werden können

Und was genau ist im Mai in Stahnsdorf passiert?

Früher war es üblich, Müll auf dem Grundstück zu verbuddeln. Das war auch in Stahnsdorf der Fall: Müll und auch die Granate kamen als vermeintlicher Schrott in das Loch. Darüber wurde anschließend eine Garage gebaut. Diese wurde vor Kurzem abgerissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Für das Baugrundstück muss der Kampfmittelräumdienst vor dem Baubeginn eine Kampfmittelfreiheitsbescheinigung ausstellen, und dafür muss der Untergrund untersucht werden. Dabei wurde schließlich die Granate gefunden, die nicht mehr transportfähig war und daher vor Ort gesprengt werden musste.

Wie lange werden uns Blindgänger und Entschärfungen in der Region noch begleiten?

Noch sehr lange bei dieser hohen Dichte an belasteten Flächen. Fundmunition ist im trockenen märkischen Sand außerdem sehr gut konserviert und kann sich so über viele Jahrzehnte funktionsfähig halten. Wir haben also noch ganz viel zu tun!

Das Gespräch führte Philipp Hochbaum.

Bilder: Redaktion

Dieser Text erschien erstmalig in der aktuellen Ausgabe des Lokal-Reports (September 2022).