Coronazeit: Wie Familien den Stresstest bestehen

Das Corona-Virus ist auch für Familien ein besonderer Stresstest. In Deutschland gibt es steigende Infektionszahlen, das Homeoffice ist weit verbreitet, Schulen und Kitas sind geschlossen und das öffentliche sowie soziale Leben steht überwiegend still. Viele Erwachsene und Kinder leben jetzt auf eine unbestimmte Zeit auf engem Raum zusammen – ohne genau zu wissen, was kommt. Dr. Gerhard Friedrich, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf gibt Tipps, wie Familien jetzt einen klaren Kopf behalten.

Unmittelbar nach den angekündigten Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten machte in den Medien das flapsige Wort von den „Corona-Ferien“ die Runde. „Dies ist nicht nur inhaltlich falsch“, betont Dr. Gerhard Friedrich „es verharmlost auch den Stress, den eine Quarantäne mit sich bringen kann. Wenn Menschen längere Zeit beengt beieinander leben, bleiben Konflikte nicht aus.“ Nach Aussage des Chefarztes der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Helios Klinikum Emil von Behring belegen wissenschaftliche Studien, dass eine solche Isolation zu Problemen führen kann.

Wochenplan aufstellen

Jeder könne, so Dr. Friedrich weiter, etwas dazu beitragen, den vorprogrammierten Ärger zu minimieren oder gar zu vermeiden. „Besonders für schulpflichtige Kinder ist es jetzt wichtig, dass die Strukturen erhalten bleiben”, erläutert er. Eltern sollten gemeinsam mit den Kindern einen Wochenplan aufstellen. Auf ihm können Zeiten für das Lernen vermerkt sein oder Pflichten im Haushalt hinterlegt werden. Aus freien Stücken werden es die Kinder nicht tun. „Die vermeintliche Freizeit ist sehr verführerisch“, so Dr. Friedrich. Geregelt und besprochen werden sollte auch der tägliche Medien- und Handykonsum. „Das Fernsehen oder der Streaming-Dienst sind kein Ersatz für die Zeit in der Schule oder im Kindergarten”, sagt er und empfiehlt stattdessen gemeinsame Spiele oder Gespräche. Reden kann dabei helfen, den Kindern die Ausnahmesituation zu erklären und Ängste nehmen.

Dr. Gerhard Friedrich, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Helios Klinikum Emil von Behring

Öfter telefonieren

Dass Konflikte dennoch unvermeidbar sind, stehe außer Frage so der Chefarzt. „Wer immer die räumliche Gelegenheit dazu hat, sollte sich Freiräume schaffen. Rückzugsräume helfen, die innere Ruhe wiederzufinden”, betont Dr. Friedrich. Besonders für ältere Menschen, die ohnehin schon ein hohes Ansteckungsrisiko haben, ist es jetzt eine schwere Zeit. Für sie wäre deshalb regelmäßiger Telefonkontakt wichtig. „Kinder, Enkel oder Freunde, jeder kann zum Hörer greifen. Andere skypen lieber oder nutzen die Dienste sozialer Medien.“ Die Mitmenschen außerhalb der eigenen Wohnungstür sollte man dennoch im Auge behalten, rät Friedrich: „Manche Eltern sind mit der aktuellen Situation überfordert, wodurch es im schlimmsten Fall auch zu häuslicher Gewalt kommen kann. Große Probleme mit dieser Konstellation können zudem Menschen bekommen, die bereits unter einer psychischen Erkrankung leiden.”

Erlebnisberichte schreiben

„Wir leben gegenwärtig in einer sehr ungewöhnlichen Zeit”, resümiert der Mediziner. Diese biete aber auch neue Chancen. „Vielleicht ist das jetzt der perfekte Zeitpunkt, ein Tagebuch zu führen, seine Erlebnisse zu Papier zu bringen. Diese Methode hilft auch, um sich möglichen Ärger von der Seele zu schreiben”, empfiehlt Dr. Friedrich. „Mit etwas Bedacht, viel Umsicht und einem guten Plan lässt sich die derzeitige Situation für viele Familien gut und sicher überstehen, egal, wie lange sie andauert.“

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Portrait Dr. Gerhard Friedrich: Thomas Oberländer I Helios Kliniken