Der Hüter des Augenblicks – Wie ein Kleinmachnower Hunderte Bilder der Allgemeinheit zugänglich machte
Oft sind es nicht die lauten, spektakulären Momente, die Spuren in uns hinterlassen, sondern jene stillen, scheinbar belanglosen Augenblicke des Alltags – unscheinbar, und doch von eigentümlicher Kraft. Wie ein flacher Stein, der, kaum ins Wasser getaucht, noch lange seine Kreise zieht, so wirken manche Erinnerungen nach.
Bei Andreas Lippold aus Kleinmachnow war es der Vater, welcher dieses Echo in Gang setzte und die Liebe zur Fotografie erweckte. „Wir waren fünf Kinder. Mein Vater hat es geliebt, Bilder von uns zu machen. Zu DDR-Zeiten war die Qualität der Farbfotos sehr bescheiden. Aber die Dias waren richtig gut!“ Im Hause Lippold gehörten die Dia-Abende zum festen Rhythmus des Familienlebens. Wenn der Raum in Dunkelheit sank, das leise Surren des Projektors einsetzte und die ersten Bilder über die weiße Wand glitten, versammelte sich die ganze Familie um dieses Lichtspiel. Diese Stunden entzündeten in Andreas Lippold die Leidenschaft, auch flüchtige Augenblicke für die Ewigkeit zu bannen.

Weil das Geld für eine eigene Kamera fehlte, lieh er sich zunächst eine Exa von einem Bekannten. Seine ersten Schritte im Reich der Fotografie waren tastend, neugierig, leidenschaftlich. Beeindruckt vom Eifer seines Sohnes schenkte ihm der Vater, als er etwa 15 Jahre alt war, seine alte Kamera. „Es war eine Apparat, bei dem der Balgen ausgeklappt werden musste, und sie war gebraucht. Für mich war sie aber etwas ganz Besonderes.“
Gemeinsam mit einem Freund, dessen Vater über ein kleines Fotolabor verfügte, begann er zu experimentieren. Die erste eigene Dunkelkammererfahrung war wie ein Blick in eine fremde Welt – Konturen tauchten auf dem weißen Fotopapier auf, Schatten wurden zu Silhouetten, und aus dem Nichts wuchsen ganze Straßenzüge hervor. Es war pure Magie. „Wir waren 1954 von Dresden nach Kleinmachnow gezogen, und dieser Ort faszinierte mich vom ersten Augenblick an.“ Ein Vortrag über die Kleinmachnower Schleuse, gehalten vom Chronisten Dieter Mehlhardt, hinterließ tiefe Eindrücke. „Die Bilder, die dieser Vortrag über die Vergangenheit Kleinmachnows in meinem Kopf erzeugte, waren großartig. Und es tat mir so leid, dass ich nirgends alte Fotos von diesem Ort zu sehen bekam. Also beschloss ich, selbst Bilder von Kleinmachnow zu machen, die irgendwann alt sein würden.“ Andreas Lippold las alles, was er über Fotografie in die Finger bekam – insbesondere die beiden einzigen Fachzeitschriften der DDR. In der örtlichen Drogerie deckte er sich mit Fotomaterial ein. Jeder Fehler im Entwicklungsprozess wurde zur Lektion, jede misslungene Aufnahme zur Wegmarke auf seinem autodidaktischen Pfad. Besonders die Straßen und Gebäude Kleinmachnows hielten ihn in ihrem Bann. Dabei orientierte er sich oft an einem alten Ortsplan, den er in einem Buch von Dieter Mehlhardt gefunden hatte. Darauf waren Straßenzüge verzeichnet, die kriegsbedingt nie gebaut worden waren – eine Landkarte eines nie entstandenen Kleinmachnows. „Ich saß stundenlang mit der Lupe über dieser Karte und stellte mir vor, wie der Ort wohl ausgesehen hätte, wenn es den Krieg nicht gegeben hätte. Die Bomben hatten wenige Häuser zerstört. Aber es gab auch die gewaltigen Reste des Bosch-Werkes. Diese faszinierten uns Kinder besonders.“ Auf dem Gelände der ehemaligen Dreilinden Maschinenbau GmbH wurde später die Mülldeponie angelegt. Und weil viele Kleinmachnower hier die kuriosesten Objekte entsorgten, wurde der Ort zu einer Fundgrube für Andreas Lippold. Hier türmten sich ganze Hausstände: Möbel, alte, zum Teil noch gefüllte Öl-fässer – und zahllose Fragmente gelebten Lebens. Fotos. Briefe. Dinge, die niemand mehr wollte. Die niemandem mehr etwas bedeuteten. „Ich fand es so traurig, dass Menschen ihre Erinnerung wegwerfen. Daher habe ich viele Bilder und Briefe mitgenommen. Geschichte darf nicht auf dem Müllhaufen landen, habe ich mir gesagt und begonnen, alles zu ordnen.“

Über Jahrzehnte hinweg dokumentierte Lippold, wie sich der Ort wandelte. Etwa die Förster-Funke-Allee. „Es war ein furchtbarer Feldweg, der jedes Mal nach dem Regen vollkommen zermatscht war. Andererseits waren die Obstbäume und die Felder ringsherum traumhaft schön.“ Lippold achtete darauf, aus derselben Perspektive zu fotografieren – um Wandel sichtbar zu machen. Oft dienten Bäume als Fixpunkte, als stille Zeugen des beständigen Wechsels um sie herum. Nach dem Studium der Informationstechnik in Dresden kehrte er zurück nach Kleinmachnow, nahm eine Stelle im VEB Elektronische Bauelemente „Carl von Ossietzky“ in Teltow an – und fotografierte weiter. Der Arbeitsweg wurde zum Motiv, der Alltag zur Chronik. Mal in Farbe, mal in Schwarz-Weiß. Doch nichts veränderte den Ort so tiefgreifend wie die Wende. „In den Jahren davor hatte sich Kleinmachnow kaum gewandelt. Der ‚Konsum‘ war über Jahrzehnte am gleichen Ort, auch wenn die Geschäftsführer wechselten. Das Gleiche galt für die meisten anderen Läden. Dafür schien die Zeit nach der Wende in einem vollkommen neuen Tempo zu fließen. Fast über Nacht wandelte sich alles.“

Vor einigen Jahren kaufte sich Andreas Lippold einen leistungsstarken Scanner – und begann, sein Archiv zu digitalisieren. Jedes einzelne Bild wurde verschlagwortet, beschrieben, nachbearbeitet und, wenn nötig, farbkorrigiert. Er arbeitete über zwei Jahre hinweg – oft sogar täglich – viele Stunden daran. „Größere Pausen habe ich nicht eingelegt, weil ich Angst hatte, dass mich dann der Mut verlassen würde und ich mein Vorhaben nicht zu Ende führen würde“, sagt er lachend. Auch die gemeinsam mit dem Vater aufgenommenen Fotos fanden ihren Weg ins digitale Archiv: das alte Dorf, die Bäkemühle, der Gutshof, die Schule, die Gaststätte in der Hakeburg – Momentaufnahmen einer vergangenen Welt. In diesem Jahr lud Andreas Lippold einen großen Teil seiner Sammlung auf Wikimedia hoch – und machte sie so der Öffentlichkeit zugänglich. Die restlichen Fotos sollen in den kommenden zwei Jahren folgen. „Ich habe die Bilder nach Kategorien sortiert, zum Beispiel Historisches Kleinmachnow mit Unterkategorien wie Stolper-Weg-Siedlung, Checkpoint Drewitz-Dreilinden, Europarc oder Berliner Mauer. Die Fotos kann jeder sehen und verwenden, sofern die Wikimedia-Lizenzrichtlinien beachtet werden.“
Und was wünscht sich Andreas Lippold für die Zukunft? Dass andere es ihm gleichtun. Dass Kleinmachnower ihre alten Bilder digitalisieren und teilen. „In Kleinmachnow gibt es einen Heimatverein und eine Museumsinitiative. Ich kann bei der Digitalisierung behilflich sein. Geschichte darf nicht verloren gehen.“
Fotos: Andreas Lippold, Carmen Lippold
