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„Ein Labor für Konfliktbewältigung“

Der Familienname Flick ist historisch schwer belastet durch eine lange Liste von Unrecht. Doch ein Enkel des Unternehmensgründers will es besser machen
und hat eine private Stiftung in Potsdam gegründet. Die in Kleinmachnow lebende Susanne Krause-Hinrichs ist Geschäftsführerin der F. C. Flick Stiftung
gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz.

Unterstützung des NS-Regimes; Gewinnmaximierung mithilfe von Rüstungsgeschäften, Enteignung jüdischer Familien, Zwangsarbeit; Bestechung von Politikern in der Flick-Affäre – die Machenschaften des Gründers des Flick-Konzerns, Friedrich Flick, überschatten alles, was mit dem Namen Flick in Verbindung steht. Einer seiner Enkel, Friedrich Christian, arbeitet daran, das Negativ-Image zu ändern, um seinen Kindern und Nachkommen eine – wie er schreibt – „konstruktive und sinnvolle Möglichkeit zur neuen Identifikation mit unserem Namen aufzubauen, damit der Name Flick auf eine neue und dauerhaft positive Ebene gestellt werden kann“. Der in der Schweiz lebende Milliardär hat neben seiner umfangreichen Kunstsammlung, die er jahrelang im Hamburger Bahnhof in Berlin präsentierte, 2001 auch eine „Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz“ gegründet und mit zehn Millionen D-Mark Gründungskapital ausgestattet.

In einem imposanten historischen Gebäude, gleich hinter dem ­Potsdamer Filmmuseum, liegt der Sitz der F. C. Flick Stiftung. Hier wird die Förderung von Projekten in den Bereichen Bildung, Begegnung, Medien, Kunst, Kultur und Sport geplant und organisiert, es werden aber auch Stiftungsgelder verwaltet und internationale Kontakte gepflegt. Susanne Krause-Hinrichs, die dafür als Geschäftsführerin die Verantwortung trägt, hat dort ihr Büro, in dem ihr der Familienhund bei der Arbeit gern Gesellschaft leistet.

Von der Staatskanzlei zur Stiftung

Dass sie eines Tages eine Stiftung in Potsdam leiten würde, war keineswegs geplant. Die gebürtige Stuttgarterin wollte ursprünglich nach abgeschlossenem Jurastudium noch ihre Kenntnisse in Fremdsprachen und Kunstgeschichte vertiefen und danach Strafrichterin werden. Doch dann kam die Wende, und es ergab sich die Gelegenheit, im Umfeld von Manfred Stolpe zu arbeiten – zunächst als Praktikantin, dann als Juristin in der Staatskanzlei. Dass sie einen guten und persönlichen Draht zu Brandenburgs Ministerpräsident entwickeln würde, hatte ihre Mutter vorausgesagt. Und so war sie auch während ihrer Berliner Referendarzeit weiter für die Staatskanzlei tätig, später dann als Juristin im Umweltministerium sowie im Ministerium für Arbeit, Soziales und Frauen. „In dieser Transformationszeit gab es eine unerhörte Aufbruchsstimmung, ich hatte das Gefühl, man kann etwas bewirken“, berichtet Krause-Hinrichs.

Das gleiche Gefühl kam später auf, als sie das Angebot erhielt, für die F. C. Flick Stiftung tätig zu werden. Natürlich wusste sie über die unrühmliche Vergangenheit der Familie Flick Bescheid, aber: „Ich habe einfach gespürt, dass es Herr Flick als Nachkomme mit seiner Stiftung und dem Willen, gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen und dazu beizutragen, damit sich nationalsozialistisches Unrecht nicht wiederholt, sehr ernst meint. Das ist kein Alibi für ihn.“ Und so begann sie – damals an der Seite von Manfred Stolpe, der als Stiftungsrat fungierte – ihre Tätigkeit als Geschäftsführerin der „F. C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus“. Diese privatrechtliche Stiftung konzipiert und finanziert Präventionsprojekte und versteht sich als eine wertvolle Ergänzung zu staatlichen Projekten. „Stolpe nahm diese Aufgabe sehr ernst, war doch der Stiftungszweck eines seiner wichtigsten Themen“, berichtet Krause-Hinrichs. Als „die große Schande“ bezeichnete er oft die nationalsozialistische Schreckensherrschaft. Aber nicht nur in dem starken Willen, diese in Brandenburg nicht wieder aufblühen zu lassen, wurde Stolpe zu ihrem Vorbild, sondern auch „durch sein Verantwortungsgefühl und seine enorme Disziplin“, wie sie betont.

Ganz persönliches Engagement

Dass sie sich mit dem Stiftungsziel so gut identifizieren konnte, liegt wohl an ihrer eigenen Familiengeschichte, denn seitens der Großmutter war sie selbst vom Holocaust betroffen. Daher engagiert sie sich auch in der Amcha-Organisation, die sich um Überlebende der Schoah kümmert, und ihre eigene Tätigkeit in der Stiftung bezeichnet sie als „Win-win-Situation“. Das sehen wohl auch jüdische Organisationen so, die mit der Stiftung bei gemeinsamen Projekten zusammenarbeiten, beispielsweise die Jüdische Gemeinde Potsdam und das Moses-Mendelssohn-Zentrum. „Israelfahrten sind die beste Immunisierung gegen Antisemitismus“, meint Krause-Hinrichs.

Die Brandenburger Jugend gegen Antisemitismus, Vorurteile und Israel-Bashing, aber auch allgemein gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus stark zu machen, das ist das Grundanliegen der Stiftung, aber auch ihr eigenes, ganz persönliches Ziel. Ganz aktuell befürchtet sie eine Zunahme von rechten Strömungen, auch in der „Querdenker“-Szene. Und was ist mit Islamismus in Deutschland, der sich immer öfter in antisemitischen Taten entlädt, über den aber kaum jemand zu sprechen wagt, weil man sich sonst ganz schnell des antimuslimischen Rassismus verdächtig macht? „Aus diesem Grund unterstützt die Stiftung sehr aktiv jüdisch-muslimische Projekte und Seminare zur Konfliktbewältigung“, berichtet sie. Sie hofft, dass die Jugendlichen dabei Kompetenzen erhalten, die sie auf andere Bereiche und das alltäg-liche Leben übertragen können.

Brüche in der Gesellschaft nahm sie auch in Kleinmachnow wahr, wo sie seit vielen Jahren wohnt. 1998 trat sie in die SPD ein und wurde in der Gemeindevertretung, aber auch bei den Kammerspielen aktiv. Ganz besonders stolz ist sie darauf, dass sie dabei mitwirken konnte, die Kulturvereine im Landarbeiterhaus zu etablieren. „Beulen geholt“ hat sie sich aber schon bei ihrem lokalen Engagement, und es gab sogar antisemitisch motivierten Gegenwind im Ort. Dabei war ihr immer daran gelegen, mehr junge Leute einzubeziehen und die Geschichte der Gemeinde aufzuarbeiten. „Mehr Toleranz“ wünscht sie sich, vor allen Dingen hinsichtlich der Genehmigung neuer Jugendzentren. „Probleme kann man nur gemeinsam lösen“, das ist nicht nur die Maxime der Stiftung, sondern auch das ganz persönliche Motto von Krause-Hinrichs. KP