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Erinnerung an Dr. Georg Gradnauer anlässlich seines 75. Todestages am 18. November 2021

Von Dr. Axel C. W. Mueller

Die Erinnerung an verdienstvolle Bürger wachzuhalten, ist für den Heimat- und Kulturverein in Kleinmachnow Auftrag und Tradition zugleich. Das Schicksal Georg Gradnauers in Kleinmachnow und sein Tod liegen noch im Dunkeln. Es löst bei mir ein Gefühl von Scham und Versagen aus, dass Kleinmachnow diesen verdienstvollen Politiker der ersten Stunde eines demokratischen Deutschland, in der Weimarer Republik, nach Kriegsende nicht gebührend begleitet hat. So wurde Georg Gradnauer nach der Befreiung von der Naziherrschaft ein zweites Mal Opfer der Verhältnisse. Und es gelang erst heute, seine Grabstätte ausfindig zu machen. Sie befand sich als Grabstätte A11 Nr. 025 auf dem Friedhof in Wilmersdorf, Berliner Str. 81-103, in 10713 Berlin und besteht nicht mehr. Kann man für ihre Wiedereinrichtung werben?

Georg Gradnauer wurde am 16.11.1866 als Sohn jüdischer Eltern in Magdeburg geboren, wo er auch aufwuchs und sein Abitur ablegte. Nach Studium in Berlin, Genf und Halle wurde er bereits 1889 im Alter von 22 Jahren in Halle über „Mirabeaus Gedanken über die Erneuerung des französischen Staates“ zum Dr. phil. promoviert. Nach seinem Militärdienst wurde er 1890 Mitglied der SPD. Als Journalist und Redakteur befasste er sich mit Fragen von Verfassungen für den Staat und wirkte als Redakteur und Schriftleiter an der Dresdner Volkszeitung und beim „Vorwärts“ in Berlin. Gradnauer war mit Anna Luisa, geb. Vogel, verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, die als Erwachsene ins Ausland gingen und sich so dem Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten entzogen. Gradnauer war 1898 bis 1904 und von 1912 bis 1918 sowie von 1919 bis 1924 Mitglied des Reichstages und wurde nach der November-Revolution 1918 im Rahmen des Aufbaus demokratischer Strukturen der Weimarer Republik zum ersten Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen gewählt. Seiner politischen Rolle und seinen Interessen entsprechend gehörte er 1919 als Mitglied der verfassungsgebenden Nationalversammlung an, die praktisch die Verfassung für die Weimarer Republik erarbeitete, ein Thema, was ihn seit Jahrzehnten wissenschaftlich und philosophisch beschäftigte.

Seine politische Karriere setzte er 1922 in Berlin fort, wo er zum Innenminister ernannt wurde. Als Mitglied des Reichstages für die SPD war er einer der politisch auffälligen und engagierten Politiker. Von 1921 bis 1932 leitete Gradnauer die sächsische Landesvertretung in der Reichshauptstadt. Nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler am 30. Januar 1933 und dem Reichstagsbrand am 28.02.1933 bzw. der Verabschiedung des „Ermächtigungsgesetzes“ wurde er wie viele andere Sozialdemokraten 1933 in „Schutzhaft“ genommen. Nachdem Gradnauer das Pensionsalter erreicht hatte und nach der Haft wieder freikam, ergab sich 1934
die Gelegenheit, in Kleinmachnow, wo die Bürgerhaus-Siedlung gerade erbaut wurde, ein Grundstück zu erwerben. So zog Familie Gradnauer nach Kleinmachnow in die Wendemarken 108, wo der Pensionär ein „ruhiges“ Leben abseits der großen Politik zu führen gedachte. Doch die verstärkte Judenverfolgung nach der
Reichspogromnacht vom 09. November 1938 schützte ihn nur, weil er mit einer sogenannten „Arierin“ verheiratet war.

Als aber 1940 seine Frau Anna starb, erlosch der Schutz jüdischer Bürger in einer „Mischehe“ und so musste Gradnauer 1941 sein Haus verkaufen, ohne dass er über den Verkaufserlös verfügen konnte. Ihm wurde ein Zimmer im „Judenhaus“ Auf der Drift 12 zugewiesen. Dort lebte er beengt zusammen mit anderen jüdischen Mitbürgern und mit vielen Büchern. Doch im Januar 1944 wurde verfügt, Georg Gradnauer nach Theresienstadt zu deportieren, wo er am 21. Januar
1944 eintraf und registriert wurde. Es gibt ein Belegfoto von ihm, das bei seiner Ankunft in Theresienstadt auf eine Karteikarte geklebt wurde. Es zeigt einen abgehärmten, blassen alten Herrn.

Theresienstadt im Protektorat Böhmen und Mähren war ab 1941ein großes Juden-Ghetto und eine Art „Vorzeige-Konzentrationslager“, wohin zur Demonstration des humanen Umgangs mit den Juden ausländische Journalisten eingeladen wurden. Auch Georg Gradnauer ist auf Filmaufnahmen zu sehen, die hier zu Propagandazwecken angefertigt wurden. Gradnauers Schwester Jenny Stock, die nach dem Zwangsverkauf ihres Wohnhauses in Berlin zu ihrem Bruder nach
Kleinmachnow gezogen war, war bereits am 20. November 1942 im Alter von 73 Jahren in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Dort starb sie am 24.03.1943.

Georg Gradnauer erlebte dort im heutigen Terezín (Tschechische Republik) die Befreiung durch die sowjetischen Truppen am 08. Mai 1945. Er kehrte im Mai 1945 nach Kleinmachnow zurück und fand eine verlorene Heimat vor. Das Haus in den Wendemarken gehörte ihm nicht mehr und wurde von fremden Menschen bewohnt. Die letzte Bleibe vor der Deportation, Auf der Drift 12, stand nicht mehr zur Verfügung. Es sollte nicht mehr als „Judenhaus“ dienen, denn die Herrschaft der Nationalsozialisten war vorbei. Eine neue Macht war noch nicht etabliert. Wir wissen zu wenig über die letzten Monate seines Lebens in Kleinmachnow. Bei Ernst Lemmer, der in seinen Lebenserinnerungen über die Nachkriegswochen in Kleinmachnow schreibt, sind keine Hinweise auf Gradnauer zu finden. Zwischen Juni und Oktober 1945 hatten die sowjetischen Truppen Kleinmachnow nicht „besetzt“ gehalten, keine der Besatzungsmächte fühlte sich für den Ort zuständig. So gab es über Wochen keine Lebensmittelkarten. Die Versorgungslage für die Bevölkerung wurde immer schlechter. Georg Gradnauer, ein gebrechlicher alter Mann von 78 Jahren, ohne Freunde und seine Söhne in unerreichbarer Ferne, muss es da besonders schwer gehabt haben. Da er polizeilich nicht gemeldet war, wurden keine Lebensmittelkarten für ihn ausgegeben. So war seine Situation nahezu hoffnungslos.

Nach dem Vereinigungsparteitag von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) im April 1946 wurde Gradnauer folgerichtig Mitglied dieser neuen Partei. Im November 1946 wird Gradnauer in ein Krankenhaus in Berlin-Schlachtensee eingeliefert, wo er am 18. November 1946 an den Folgen der Haft und infolge der Entbehrungen der Nachkriegszeit verstorben ist.

In Kleinmachnow blieb den Bürgern über die Jahre der Name Gradnauer im Gedächtnis. Die Gemeindevertretung Kleinmachnow vollzog unter dem jüdischen
Bürgermeister Fritz Feodor Rosenbaum im Mai 1950 die Umbenennung einiger Straßen, wobei die Dietloffstraße in Gradnauer Straße umbenannt wurde. Damit wurde Georg Gradnauer zusammen mit Rudolf Breitscheid, Käthe Kollwitz, Clara Zetkin und den Geschwistern Scholl, nach denen Straßen neu benannt wurden, in eine Reihe mit diesen Persönlichkeiten deutscher Geschichte gestellt und als bedeutender Kleinmachnower Bürger gewürdigt.

Auch im geeinten Deutschland ist Georg Gradnauer nicht vergessen. So plant zum Beispiel aktuell die sächsische Landesregierung, einen Preis für jüdisches Leben und ziviles Engagement zu Ehren von Georg Gradnauer, des ersten Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen, zu stiften. In Kleinmachnow wurde für ihn am 25.03.2008 in den Wendenmarken der erste Stolperstein von Gunter Demnig verlegt. Zudem gibt es im Ort neben der Gradnauerstraße eine Straße, die den Namen Rudolf Breitscheids trägt, der am 24. August 1944 infolge eines Luftangriffs auf das KZ Buchenwald starb. Für ihn wurde ein Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf eingerichtet. Eine gleiche Ehrung wäre auch für Georg Gradnauer denkbar, um dessen Verdienste für Deutschland zu würdigen.

Quellen:
– Ernst Lemmer: Manches war doch anders, Erinnerungen eines deutschen
– Demokraten. Heinrich Scheffler Verlag, Frankfurt am Main, 1968.
– Theresienstadt-Lexikon: ghetto-theresienstadt.de
– Wikipedia: Georg Gradnauer
– Wikiwand.com: Georg Gradnauer
– Projektgruppe Stolpersteine: „Stolpersteine in Kleinmachnow – ein Spaziergang mit Blick nach unten“, 1. Auflage, 2012.