Protestieren gegen die Neubauten – Kontroverse um die Nachverdichtung der Düppel-Siedlung
Das Rentnerehepaar, das an diesem sonnigen Vormittag zum Einkaufen ins Auto steigt, kann noch relativ sicher sein, bei der Rückkehr einen Parkplatz vor dem Wohnhaus vorzufinden. Noch können kleinere Kinder in unmittelbarer Nähe der Wohnung, im Blickfeld der Eltern, einen Spielplatz aufsuchen. Noch haben auch die Erdgeschosswohnungen hier ausreichend Sonne, berichtet mir die Vorsitzende der Bürgerinitiative „Lebenswertes Düppel“, Simone Treu.
Doch die ersten Anzeichen der geplanten Bauvorhaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) zur Verdichtung der mit viel Grün umgebenen Wohnsiedlung sind unübersehbar. In leuchtend Rot sind direkt am Spielplatzrand, dem dahinter liegenden Parkplatz und in unmittelbarer Nähe der Häuser die Eckpunkte zweier künftiger viergeschossiger Wohnhäuser markiert. Von den acht Spielplätzen in der Siedlung bleiben, so die Planung, zunächst nur drei übrig. Ein Holzkreuz neben einem Baumstumpf erinnert an die fünfzig Jahre alte Buche, die für vorbereitende Maßnahmen bereits gefällt wurde. Insgesamt sollen an die 80 Bäume den Neubauten weichen müssen.

Der Druck durch die Wohnungsnot wird in Berlin wie in anderen größeren Städten immer drängender. Eine bezahlbare Wohnung zu finden ist kaum noch möglich. Baugrundstücke in öffentlicher Hand sind rar, die Baukosten explodiert. Um den steigenden Miet- und Baupreisen etwas entgegenzusetzen, geht der Trend zu mehr baulicher Dichte durch Aufstockungen, Nutzung von Grün- und Parkplatzflächen und kleineren Wohnungen. Bis 2029 werden in der Düppel-Siedlung zwischen Lindenthaler Allee, Lissabon-
allee und gegenüber der Grundschule am Rohrgarten elf Neubauten in Modulbauweise errichtet. In einem zweiten Bauabschnitt sollen bisher dreigeschossige Häuser um ein Stockwerk aufgestockt werden. Die geplanten 250 Wohnungen sollen vorrangig an Bundesbedienstete der unteren und mittleren Gehaltsgruppe vermietet werden.
Seit dem Abzug der Amerikaner ist der Bund Eigentümer der Siedlung. Ende der 60er-Jahre wurde die Wohnsiedlung für US-Streitkräfte erbaut. Die Benschallee, heute eine der vielbefahrenen Verbindungsstraßen nach Kleinmachnow, endete damals als Sackgasse vor der Mauer. Ohne den Durchgangsverkehr wirkte die Siedlung wie ein Campus im Grünen. Grillgeräte für das Barbecue standen auf den offen zugänglichen Rasenflächen. Den Charme dieser Weitläufigkeit wollen die heutigen Mieter bewahren.

Seit Bekanntgabe der Pläne vor drei Jahren regt sich bei den Mietern deshalb der Widerstand. Man sei nicht grundsätzlich dagegen, dass man in Teilbereichen der Siedlung verdichte, doch das geplante Ausmaß des Bauvorhabens beeinträchtige massiv die Wohnqualität und sei zudem keineswegs umweltverträglich, argumentiert die Bürgerinitiative „Lebenswertes Düppel“. Die betroffenen Mieter beklagen, dass ihre Bedürfnisse und Vorschläge in der Planung nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Nach der jetzigen Planung werden die Neubauten dicht an die bisherigen Gebäude gebaut. „Im Rahmen des Ermessens sei eine geringfügige Überschreitung der Baugrenze städtebaulich vertretbar“, heißt es dazu in der Baugenehmigung. Die Bürgerinitiative weist darauf hin, dass dadurch die unteren Stockwerke verschattet würden und eine klimafreundliche Durchlüftung zwischen den Gebäuden eingeschränkt werde. Ihr Vorschlag, bestehende Gebäude höher aufzustocken und dafür die Anzahl der neuen Häuser zu reduzieren, wurde als zu kostenintensiv abgelehnt. Denn ab fünf Stockwerken sind Fahrstühle gesetzlich vorgeschrieben.
Kontroversen um geplante Wohnraumverdichtung sind in allen größeren Städten zu beobachten. Liebgewordene Gewohnheiten der Anwohner, wie das Parken vor der Haustür, oder der Blick ins Grüne werden erbittert verteidigt. Steckt dahinter eine Haltung nach dem Sankt-Florians-Prinzip, oder anders ausgedrückt „Not in my backard!“? „Mehr bezahlbare Wohnungen, klar, aber doch bitte nicht vor der eigenen Haustür.“ Daneben gibt es durchaus bedenkenswerte Argumente. Denn die Folgen einer Wohnraumverdichtung werden häufig nur unzureichend berücksichtigt. Vorhandene Kitas, Schulen, Spielplätze und Straßen kommen an den Rand ihrer Belastungsfähigkeit. Bäume und Grünflächen werden in den Bauvorhaben noch immer zu wenig berücksichtigt. Allein in Berlin haben sich mittlerweile 46 Initiativen aus der ganzen Stadt gegen eine „rücksichtslose Verdichtung“ in ihrem Kiez zu einem Bündnis zusammengeschlossen. Einwände, die auch in der Düppel-Siedlung vorgebracht werden.
Vor rund drei Jahren erfuhren die Mieter von der BImA auf einer Gesprächsveranstaltung und gemeinsamen Rundgängen Details zu den geplanten Bauvorhaben vor ihrer Haustür. Danach bleiben beispielsweise von den bisher 786 Parkplätzen nach der Verdichtung noch 570 in der Siedlung übrig.
Das Stadtplanungsbüro Planwerk GmbH hat im Auftrag der BIma geprüft, wie die Mobilität sich durch die Verdichtung und den Wegfall vieler Parkplätze verändern müsse. Vorgeschlagen und diskutiert mit Anwohnern wurde ein enger getakteter öffentlicher Nahverkehr, sichere und besser ausgebaute Rad- und Fußwege, damit ein autoärmeres Wohnen möglich ist. Auch die künftige Nutzung der Stammbahn und die Verlängerung der U3 sind Teil der Überlegungen. Insgesamt ist viel von nachhaltigen Mobilitätskonzepten die Rede.
Darauf stützt sich die jetzige Planung. Doch die BImA ist nur für das Bauvorhaben verantwortlich, die dafür erforderlichen Anpassungen der Infrastruktur ist Aufgabe des Bezirk Zehlendorf, des Berliner Senats und der Berliner Verkehrsbetriebe. Der Bezirks Zehlendorf ist in den vergangenen Jahren wenig durch eine fahrradfreundliche Politik aufgefallen. Entlang der Düppel-Siedlung gibt es lediglich zu enge, holprige Radwege. Die Taktung der Busse ist schon jetzt zu gering, sodass viele weiterhin ins Auto steigen. Wenn jetzt noch ca. 400 Anwohner neu hinzukommen, ist ein längerer Stau in den Stoßzeiten vorprogrammiert. Denn dazu kommt der Pendlerstrom aus Kleinmachnow und den umliegenden Ortschaften.
Die Bevölkerung im Großraum Berlin wird weiterwachsen. Im benachbarten Kleinmachnow sind Einfamilienhäuser mit der klassischen Kleinfamilie das dominierende Wohnmodell. Auch hier sind bezahlbare Wohnungen knapp. Verdichtung auf den verfügbaren Bauflächen, mit allen Vor- und Nachteilen zu der Lösung Wohnprobleme, ist auch in der Region TKS unvermeidlich. Um Konflikte zu vermeiden, ist es unerlässlich, die Anwohner über die notwendigen Anpassungen der Infrastruktur hinaus in die Bauplanung zu involvieren und ihnen eine partizipative Teilhabe zu gewährleisten.
Fotos: Ute Bönnen
