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Weiter intensive Suche nach Corona-Impfstoff

Seit einem halben Jahr hält die Corona-Pandemie die Republik in Atem, gebannt schaut die Weltöffentlichkeit auf die Suche nach einem Impfstoff. Nun will Russland schon mit Impfungen beginnen. Doch was ist dran an diesen Meldungen?

Das Coronavirus – offiziell bekannt als SARS-CoV-2 – ist seit Januar verantwortlich für eine Pandemie, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft weltweit auf den Kopf stellt. Trotz zeitweiliger Erfolge bei der Eindämmung steigen die Infektionszahlen weiterhin; auch in Deutschland werden wieder über 1.000 Neuinfektionen pro Tag registriert. Hygienemaßnahmen und Maskenpflicht können die Verbreitung verlangsamen, die Gesundheitsämter sind meist noch in der Lage, Infektionsketten zurückzuverfolgen und zu unterbrechen. Allerdings wird nur ein Impfstoff die Pandemie definitiv beenden können – weltweit läuft seit Monaten die Suche nach einem geeigneten Mittel. Nun hat Russland überraschend angekündigt, schon in den kommenden Tagen einen Impfstoff zulassen zu wollen.

Die Meldung klingt zunächst vielversprechend: Das Moskauer Gamaleja-Institut für Epidemiologie hat ein Serum namens Gam-COVID-Vac Lyo entwickelt, einen sogenannten Vektorimpfstoff: Seine Basis sind Viren, die dem Menschen nicht gefährlich werden können – diese werden auch als Vektoren bezeichnet. Diese dienen als Träger für Erbgutabschnitte des Coronavirus, gegen das geimpft werden soll. Der menschliche Körper erkennt das fremde Erbgut und bildet Antikörper. Beim Kontakt mit einem „echten“ Coronavirus ist der Mensch in der Theorie dann gegen eine Infektion immun.

Ein kaum getesteter Vektorimpfstoff

Der russische Impfstoff nutzt als Vektoren – also als Boten des Corona-Erbguts – zwei verschiedene Adenoviren. Diese lösen beim Menschen normalerweise Atemwegserkrankungen aus, werden jedoch häufig auch zur Impfstoffentwicklung genutzt. Werden bereits bekannte Vektoren als Boten genutzt, so hat dies den Vorteil, dass deren Sicherheit für den Menschen bereits erprobt worden ist. Allerdings besteht bei Vektorimpfstoffen grundsätzlich das Risiko, dass der menschliche Körper auch die Vektoren bekämpft: Es kommt zu Nebenwirkungen.

Experten sind angesichts des Entwicklungstempos besorgt, dass Russland ein hohes Risiko eingeht – so wurden klinische Studien zu diesem Impfstoff bislang nicht veröffentlicht. Ein übereilt zugelassenes Mittel, welches sich später als unwirksam oder gefährlich erweist, könne das allgemeine Vertrauen in Impfungen dämpfen, so die Befürchtung. Seit Mitte Juni wurde Gam-COVID-Vac Lyo nur an 38 Personen getestet – russische Nachrichtenagenturen berichteten von keinerlei Nebenwirkungen.

Übersprungene Testphasen

Um die Wirksamkeit des Impfstoffs zu beweisen, behauptet der Entwickler des russischen Impfstoffs, Alexander Ginzburg, das Mittel bereits an sich selbst getestet zu haben. Über die Verträglichkeit und Wirksamkeit bei der Anwendung in der gesamten Bevölkerung, bei Menschen mit Vorerkrankungen und Alten sagt das allerdings nichts aus. Tests, die diese belegen würden, fehlen bislang. Erst wenn der Impfstoff zugelassen ist, will Russland ihn an einer größeren Gruppe Menschen testen. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Interfax hat der russische Gesundheitsminister Michail Muraschko angekündigt, dass rund 800 Personen teilnehmen sollen, um die Ergebnisse aus der ersten Studie zu bestätigen. Das widerspricht dem anerkannten Vorgehen bei der Impfstoffentwicklung.

Übliches Testverfahren umfasst 3 Phasen

Normalerweise sind nach Prüfungen im Labor und an Tiermodellen drei Testphasen im Menschen nötig, bevor ein Impfstoffkandidat zugelassen wird. In Phase I erhält eine kleine Gruppe gesunder Freiwilliger das Mittel. An ihnen wird untersucht, ob das Immunsystem reagiert und welche Nebenwirkungen auftreten. Auch verschiedene Dosierungen können getestet werden. In Phase II werden Impfungen auch an Menschen mit Vorerkrankungen erprobt, und es wird geprüft, ob das Medikament tatsächlich die gewünschte Krankheit verhindert. In einigen Forschungsprojekten werden zur Zeitersparnis Phase I und Phase II kombiniert. Entscheidend dafür, ob ein Mittel breit angewendet werden kann, ist letztlich aber das Ergebnis aus sogenannten Phase-III-Studien. Hier erhält eine große Gruppe Freiwilliger den Impfstoff, um dessen Wirkung und Sicherheit zu bestätigen. Dabei werden in manchen Fällen Zehntausende Probanden zur Probe geimpft, um Einzelfälle auszuschließen, in denen keine Immunreaktion erfolgt.

Wo stehen andere Impfstoffkandidaten?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine grobe Übersicht über Corona-Impfstoffe erstellt: 26 Kandidaten aufgelistet, bei sechs sind Phase-III-Studien geplant oder laufen derzeit. Darunter befindet sich ein anderer Vektorimpfstoff, der an der britischen Oxford University in Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt wurde. Außerdem sind zwei RNA-Impfstoffe der US-Biotechfirmen Moderna und Biontech/Pfizer vertreten.

In China haben zudem drei Totimpfstoffe Phase-III-Prüfungen erreicht: Bei dieser Impfvariante werden tote Krankheitserreger injiziert, die dennoch als fremd erkannt werden und eine Abwehrreaktion auslösen. Allerdings kann es auch dabei zu unverhältnismäßig starken Nebenwirkungen kommen. Totimpfstoffe werden bereits gegen Diphterie, Hepatitis B oder Keuchhusten eingesetzt. Eventuelle Nebenwirkungen bei Corona-Totimpfstoffen müssen derzeit die Phase-III-Studien feststellen. Auch für den russischen Vektorimpfstoff ist noch lange nicht Endstation: Nach derzeitigem Sachstand ist seine Prüfung noch lange nicht abgeschlossen – die letzte, breiteste und entscheidende Testphase III wurde bislang übersprungen. Am Dienstag erhielt dieser dennoch seine Zulassung in Russland – und die Tochter von Präsident Wladimir Putin laut Medienberichten eine Impfdosis. ph

Symbolbild: Pixabay.com