Tierische Therapeuten, die nicht spucken

Ein Blick in die braunen Augen und das wuschelige Fell weckt sofort den Wunsch, das Lama zu streicheln. Aber das mögen die Tiere überhaupt nicht. Sie fänden es sogar eklig, erklärt Olga Weinert vom Lama-Zentrum Berlin Brandenburg. „Lamas kennen keinen körperlichen Kontakt. In der Natur werden sie morgens geboren und sind sich dann zum Trocknen selbst überlassen.“ Wenn ein Lama nass wird, hat es etwas falsch gemacht: Denn die ranghöheren Tiere maßregeln falsches Verhalten durch Spucken. Menschen aber müssen keine Angst haben. „Wenn sie sozialisiert sind und artgerecht gehalten werden, spucken Lamas nur untereinander“, sagt Weinert. „Das ist ihr normales Rangordnungsverhalten.“ Es gibt keine Kämpfe, es wird nicht getreten und gebissen. Wer bespuckt wird, räumt das Feld. Genau das macht Lamas zu den idealen Therapiertieren. Man muss sie nicht anfassen, um ihnen nahezukommen, ihre ruhige Ausstrahlung genügt.

Seit Mai dieses Jahres ist die ausgebildete Reit- und Lama-Therapeutin Olga Weinert mit ihrem Lama-Zentrum in Stahnsdorf am Dorfplatz zu Hause. Dort leben ihre zwölf Tiere, die alle spanische Namen tragen, artgerecht das ganze Jahr über ­draußen.

Weinert setzt ihre Tiere auf unterschiedlichen Gebieten ein. Eines davon ist der Besuch bei den Patienten, etwa in Kliniken für psychische und psychosomatische Erkrankungen, neurologische Reha-Kliniken oder Hospize. „Da packe ich meine Lamas aus und jeder bekommt eins in die Hand. Ich sage, wo Gas und Bremse sind und wie wir wollen, dass mit unseren Tieren umgegangen wird, und den Rest machen die Tiere von alleine. Lamas machen etwas mit den Patienten, sie haben diesen wissenden Blick, machen keine hektischen Bewegungen, und ihr Summen wirkt ­sogar blutdrucksenkend.“

Große braune Augen, kuscheliges Fell und eine unglaublich beruhigende Ausstrahlung – wer mit Lamas wandern geht, tut seiner Seele und seinem Körper ­etwas Gutes. Mit ihren Therapietieren besucht Olga Weigert Seniorenheime, Kliniken, Hospize oder Schulen. Man kann aber auch in Stahnsdorf mit ihnen wandern.

Beim Spaziergang mit den Lamas führt jeder Patient ein Tier, und Weinert läuft einfach nur mit. Jeder Teilnehmende muss sich auf sein Tier einlassen, es beobachten und mit ihm in Kontakt treten. Am Verhalten des Tieres erkennt die Therapeutin dann schnell, welche Sorgen die Menschen haben. „Wenn jemand schlecht gelaunt in die Therapie geht, hält er den Führstrick verkrampft und das Tier geht nicht so leicht mit ihm, wie er es gerne hätte. Dann mache ich den Patienten darauf aufmerksam, und die meisten Menschen teilen sich dann auch schnell mit. Sie erzählen vom Stress bei der Arbeit oder Problemen mit dem Partner oder ärgern sich allgemein über ihre Unsicherheit.“ Darauf könne man dann aufbauen.

Ins Hospiz dagegen fährt Weinert nur mit drei bis vier Tieren und lässt sie dann in einem Gehege. „Dann gehe ich mit ein bis zwei Tieren zu den Menschen   ans   Bett. Der Besuch des Tieres nimmt ihnen viel Angst und zeigt ihnen, dass die Natur schon alles richten wird. Das ist eine schöne Zusammenarbeit, wo ich als Therapeutin nicht viel machen muss.“

Große braune Augen, kuscheliges Fell und eine unglaublich beruhigende Ausstrahlung – wer mit Lamas wandern geht, tut seiner Seele und seinem Körper ­etwas Gutes. Mit ihren Therapietieren besucht Olga Weigert Seniorenheime, Kliniken, Hospize oder Schulen. Man kann aber auch in Stahnsdorf mit ihnen wandern.

Ein weiteres Gebiet ist die Arbeit an Kitas und Schulen. An einer Potsdamer Schule gibt es eine Lama-AG, in der die Kinder u. a. Achtsamkeit und Respekt gegenüber Tieren lernen. Das schult ihr Sozialverhalten. Quirlige Kinder lernen im Umgang mit den ruhigen Tieren, selbst zur Ruhe zu kommen. Ruhige Kinder fühlen sich selbstbewusster, wenn sie die Herausforderung bewältigen, das quirligste Tier zu führen. An den Kitas bekommen die Kinder einen Lama-Führerschein, wenn sie es schaffen, das Tier durch einen ­Parcours mit Wippe und Stangen zu führen, und bekommen dadurch die Selbstsicherheit, die sie brauchen.

Die zurückhaltende Art der ­Lamas ist auch bei der Arbeit mit traumatisierten  Missbrauchs-opfern hilfreich, die nicht auch noch schlechte Erfahrungen während der Therapie machen sollen. Während ein Hund stürmisch auf die Menschen zugeht, ihnen die Hand oder das Gesicht leckt und damit in die Privatsphäre eingreift, geht das Lama nur selten sofort auf Menschen zu.

Bevor Lamas aber Patienten „therapieren“ dürfen, ­durchlaufen sie eine sechs- bis neunmonatige Ausbildung. Für die Therapie-
arbeit eigenen sich nur Hengste, denn Stuten sind zum Beispiel während ihrer zwölfmonatigen Schwangerschaft zu oft    Hormonschwankungen ­ausgesetzt. Bei der Ausbildung lernen die Tiere, am Halfter, sicher auf der Straße und im Gelände sowie über Brücken und Treppen zu gehen. „Wenn ich im Hospiz bin“, sagt Weinert, „fahren wir mit Fahrstuhl und laufen durch die Gänge zu den ­Zimmern. Da müssen sie folgen.“ Auch den ­Umgang mit Menschen müssen Lamas lernen. Dafür ist es wichtig, dass die Tiere sich selbst ­wohlfühlen. „Nur gesunde Tiere haben die ­seelische Haltung, die ein Traumapatient braucht.“

Auch Menschen ohne konkrete psychische Probleme haben die Möglichkeit, mit den Tieren zu wanden. Jeden letzten Sonntag im Monat macht Weinert auch Wanderungen für Gruppen. Auch Ausflüge für Familien oder Seminare für Unternehmen und ihre Mitarbeiter sind möglich. Weitere Informationen unter www.ulf.institute.