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Junges Leben in der Waldschänke

Als der fünfjährige Pachtvertrag mit der Gemeinde abgeschlossen wurde, ahnten die neuen Betreiber noch nicht, auf welches bauliche Abenteuer sie sich einließen. Asbestplatten, die zum Teil im Garten vergraben waren, marode Heizkörper, die bei der ersten Inbetriebnahme explodierten und weitere böse Überraschungen lauerten in dem weitläufigen, nur auf den ersten Blick ansprechend wirkenden Gebäudekomplex. Dabei hatte der alte Gastraum mit dem angebauten Wintergarten im Betrieb noch einen recht ordentlichen Eindruck gemacht, während hinter den Wänden und in den Nebenräumen erheblicher Sanierungsbedarf lauerte. Vandalismusschäden gaben dem Anwesen den Rest.

Cafébetreiber Adrian Schefer und Daniela Meinen mit „Juniorchef“ Jago
Foto: Mario Kacner

Trotz der hohen Investitionssumme ist die ehemalige Waldschänke auch heute noch eine Baustelle: „work in progress“ könnte man dazu sagen, und nach Auskunft der Betreiber wird das wohl noch lange Zeit so bleiben. Aber fehlender Fassadenputz und der morbide Charme der alten Fliesen halten offenbar die ersten neugierigen Besucher ebenso wenig ab wie die schlichte Möblierung aus teils recyceltem, teils selbstgezimmertem Mobiliar, bei dem nur der Tresen mit dem High End – Kaffeeautomaten hervorsticht. In unserer Region ein eher ungewohntes Bild, in Neukölln (von dort stammt auch der im Café angebotene, teils glutenfreie oder vegane Kuchen) aber völlig normal. Was in Berlin als „hip“ empfunden wird, könnte für alteingesessene Stahnsdorfer zunächst etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber für die Jugend und ihre ökologisch interessierten Eltern durchaus ein Umfeld bieten, in dem sie sich wohlfühlen, zumal der fair gehandelte Kaffee und die verwendeten Biolebensmittel hohen Ansprüchen genügen. So ergab sich auch die Möglichkeit, regionale Erzeugnisse wie Wildschwein direkt vom örtlichen Jäger als Belag für den Flammkuchen zu verwerten – mehr „bio“ geht nicht.

Könnte im Berliner Bezirk Neukölln genauso aussehen: das neue Interieur der Waldschänke.
Foto: Mario Kacner

Schefer plant, die Räumlichkeiten des Cafés weiter auszuweiten und dabei Jugendliche im Rahmen von Workshops oder Projektcamps mit einzubeziehen. Er selbst hat solche Prozesse schon begleitet und bringt fachliche Expertise mit, dazu hat er noch weitere Fachleute engagiert, die handwerkliche, erzieherische und psychologische Erfahrung einbringen können. Dabei sollen die Verpachtung von Räumlichkeiten an Künstler oder Gewerbetreibende und die Nutzung als Veranstaltungsort für Theater oder andere Performances zur Finanzierung beitragen. Demnächst wird ein Biobäcker aus Berlin auf dem Vorplatz einen mobilen Stand betreiben, weitere Nutzer sollen dazukommen. „Ich schlafe momentan nur vier Stunden täglich“ berichtet der Geschäftsführer, während er schon wieder mit einem neuen Interessenten telefoniert. Man merkt ihm an, dass die ehemalige Waldschänke sein Herzensprojekt ist, in das er – genau wie Daniela Meinen – viel Energie steckt. „Das Projekt wird nie fertig sein“ vermutet Schefer, aber das könnte auch die Chance bieten, dass mitten im Ort ein lebendiges Zentrum für eine alternative Lebensweise entsteht. Wer weiß, welche Zukunft der alten „Waldschänke“ noch bevorsteht. kp

Fotos: Mario Kacner