Tanzen – ein Wunder gegen Demenz
Tanzen gilt als eine der ältesten kulturellen Ausdrucksformen der Menschheit. Doch neben
seiner sozialen und ästhetischen Bedeutung kann Tanzen noch viel mehr. Stephan Hueber hat in
Ludwigsfelde seine eigene Tanzschule und betreut seit Jahren neben etlichen Kursen auch einen für
Senioren, den wir besuchen durften.
Dem Robert Koch-Institut zufolge sind in Deutschland etwa zwei Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen. Die häufigste Form ist die sogenannte Alzheimer-Demenz. Zu den Symptomen zählen unter anderem Gedächtnisverlust, Sprach- oder Orientierungsstörungen. Die häufigsten Ursachen der Krankheit sind neben Drogenkonsum und Luftverschmutzung auch Isolation und Bewegungsmangel. Aufgrund des steigenden Altersdurchschnitts geht das RKI davon aus, dass die Zahl der Betroffenen weiterhin zunehmen wird. Es gibt jedoch eine Sache, die dabei helfen kann, die Symptome zu lindern oder ihnen sogar vorzubeugen.
Multitraining fürs Gehirn
Beim Eintreten in die Tanzschule Hueber ist gleich klar zu erkennen, worum es Stephan Hueber (52) geht: die Verbindung zwischen dem Körper und der Musik. Nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen zu tanzen und sich der Musik hinzugeben. Die neun Kursteilnehmer fangen direkt an und tanzen zu Beginn erst mal einen langsamen Walzer. Renate (78) und Dieter (81) Kleinsteiber bemerken, wie stark ihr Gehirn beansprucht wird bei den Tanzeinlagen. Jeder Schritt und jede Drehung setzen eine Vielzahl komplexer Prozesse in Gang: Rhythmusgefühl, räumliche Orientierung, Gleichgewicht, Koordination, Gedächtnisleistung und emotionale Verarbeitung müssen gleichzeitig funktionieren. Dadurch ergibt sich ein kognitives Training, das die Effekte vieler Sportarten bei Weitem übertrifft.

Im Jahr 2009 fasste Stephan Hueber den Entschluss, seine eigene Tanzschule zu eröffnen. Bereits ein Jahr später konnte er diesen Plan in die Tat umsetzen. Seither hatte er eigenen Angaben zufolge über 5.600 Kunden. Einige Senioren sind bereits seit den ersten Tagen dabei.
Hannelore (73) und Reinhard (75) sind seit ungefähr zehn Jahren in der Tanzschule Hueber und erzählen begeistert über ihre Anfänge: „Zu Beginn ist es ein wenig wie laufen lernen, bis wir die Schritte draufhatten. Aber nach einiger Zeit wird es zum Automatismus.“ Tanzschritte zu erlernen, bedeutet, neue
Bewegungsmuster einzuprägen und kontinuierlich zu verfeinern.
Das Gehirn passt sich diesen Herausforderungen an, indem es neue Verbindungen zwischen Nervenzellen bildet – ein Vorgang, den man „neuronale Plastizität“ nennt. Diese Plastizität ist entscheidend, um altersbedingten Abbauprozessen entgegenzuwirken. Studien zeigen, dass regelmäßiges Tanzen messbar zu einer stärkeren Vernetzung bestimmter Hirnbereiche führt, die für Gedächtnis und exekutive Funktionen zuständig sind.
Ein soziales Erlebnis mit enormer Wirkung
Neben Bewegung und geistiger Aktivität sind auch soziale Interaktionen wichtig. Tanzen ist in der Regel ein gemeinschaftliches Erlebnis, sei es im Tanzkurs, beim Paartanz, im Verein oder zu Hause mit Freunden. Seit rund 15 Jahren genießen Ute (75) und Manfred (78) Ebner diese Gemeinschaft in der Tanzschule Hueber. Sei es während des Kurses oder beim verdienten Kaffee und Kuchen nach der Tanzstunde. Dieser soziale Austausch zählt zu den stärksten natürlichen Schutzfaktoren gegen Demenz. Einsamkeit hingegen gilt als wichtiger Risikofaktor, der den Krankheitsverlauf beschleunigen kann. Durch das Miteinander entstehen Gespräche, Berührungen und Lachen – all das stärkt die emotionale Gesundheit und vermittelt ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Rhythmus als therapeutische Kraft
Musik ist an sich bereits ein Stimulator für das Gehirn. Sie aktiviert Regionen, die für Emotionen, Erinnerungen und die Steuerung von Bewegungen zuständig sind. Der Rhythmus gibt den Takt vor, das Gehirn synchronisiert Bewegungen, und es entstehen positive Gefühle, da Glückshormone ausgeschüttet werden. Gleichzeitig werden Stresshormone gesenkt. Dies ist besonders wertvoll für Menschen mit beginnender Demenz: Jeder erlernte Tanzschritt ist ein neues Erfolgserlebnis. Durch die klare Struktur, die Motivation der anderen Teilnehmenden und die Anleitung von Stephan Hueber schafft es jeder, Fortschritte zu erzielen.
Tanzen ist ein hervorragendes Ganzkörpertraining. Dabei werden Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewicht gleichzeitig geschult. Die fließenden Bewegungen, wie sie etwa im Standardtanz ausgeführt werden, verbessern zudem die Körperwahrnehmung. Für Herrn und Frau Malz (82 und 80 Jahre alt) sind diese körperlichen Vorteile besonders wichtig. Zwar werden einige Tanzschritte aus den vorherigen Wochen immer wieder vergessen, beim Eintanzen kommen aber viele von ganz allein wieder zurück. Alle Tänzerinnen und Tänzer sind nach wie vor in einem bemerkenswerten Fitnesszustand. „Viele meiner Teilnehmer sind topfit. Ich hoffe, dass ich mich in dem Alter auch noch so bewegen kann“, bemerkt Stephan Hueber.
Darüber hinaus erleichtert Musik das Abrufen von Bewegungsabläufen. Selbst Menschen mit fortgeschrittener Demenz reagieren oft positiv auf vertraute Melodien, da musikalische Erinnerungen im Gehirn häufig länger erhalten bleiben. Dadurch fällt es vielen Betroffenen leichter, sich bei musikalischer Begleitung zu bewegen und am Tanz teilzunehmen – auch wenn verbale Anweisungen schwerfallen.
Es ist nie zu spät!
Ob jung oder alt, Anfänger oder Fortgeschrittene: Alle können vom Tanzen profitieren. Wer neu einsteigen möchte, sollte sich nicht von komplizierten Schrittfolgen abschrecken lassen. Es geht nicht um Perfektion, sondern um die Freude an der Bewegung. Selbst einfache Bewegungen zu Musik können bereits einen großen Effekt haben. In der Prävention zeigt sich: Menschen, die häufig tanzen, haben ein deutlich geringeres Demenzrisiko als Menschen, die andere Bewegungsformen nutzen. Besonders intensiv wirkt Tanzen, wenn neue Kombinationen, Drehungen oder Schrittfolgen erlernt werden. Solche Herausforderungen halten das Gehirn aktiv und lernfähig. Ebenso sorgen sie für neue Verknüpfungen in den Nervenbahnen.

Die Hauptsache ist, erst einmal anzufangen und Spaß zu haben. Für Ute Ebner (82) bedeutet Bewegung zur Musik Lebensfreude. Sie tanzt seit ihrer frühen Jugend und hat ihre Leidenschaft nie verloren.
In der Tanzschule Hueber wird ein Angebot für jeden geschaffen. Seit 2010 wurden über 20 Kurse durchgeführt, und es gibt für jedes Level einen Kurs: vom blutigen Anfänger bis hin zum erfahrenen Tänzer, von Kindern bis zu Senioren. Über die Videobibliothek können sich die Teilnehmenden jederzeit Videos anschauen und so die Übungen mit nach Hause nehmen. So werden durch das Tanzen Erinnerungen bewahrt und neue geschaffen.
Fotos: Adrian Rosin
