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„Mitbürger mit Handicap leiden besonders unter Corona“

In Zeiten der Corona-Pandemie und der sich daraus ergebenden gesetzlichen Einschränkungen führen, leiden zahlreiche Menschen unter der aktuellen Situation. Was es aber für einen Menschen mit Handicap bedeutet, sich in Corona-Zeiten halbwegs zurechtzufinden, ist für Nichtbetroffene nur schwer vorstellbar.

Menschen mit Handicap in Corona-Zeiten – darüber sprach unsere Redaktion mit dem FDP-Politiker Thomas Seerig. Der Parlamentarier aus Berlin Steglitz-Zehlendorf gehört dem Abgeordnetenhaus an und ist Sprecher für Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Handicap. Seerig ist auch Vorsitzender des FDP-Ortsverbands Steglitz. Er ist mobilitätsbehindert und kennt daher aus eigener Erfahrung, was es für Menschen mit Handicap bedeutet, sich in Zeiten der Pandemie zurechtzufinden.

TSB: Was sind jetzt die besonderen Herausforderungen für Menschen mit Handicap?

Thomas Seerig: Es gibt in Berlin gut 50.000 stark sehbehinderte und blinde Mitbürgerinnen und Mitbürger. Man verzeichnet außerdem rund 4.000 Gehörlose. Die Zahl der Taubblinden ist im größeren zweistelligen Bereich. Diese Menschen haben oft zusätzliche Probleme in Corona-Zeiten. Die Informationen im Fernsehen sind nicht immer untertitelt oder mit Gebärdendolmetscher.

TSB: Viele Probleme machen sich jetzt für Mitbürger mit Handicap ja besonders bemerkbar. Wie will beispielsweise ein gehörloser Mensch von meinen Lippen etwas ablesen, wenn ich eine Maske trage?

Seerig: Es ist schön, dass es auch hier immer eine praktikable Lösung geben wird. So gibt es bereits einen Mund-Nase-Schutz mit Sichtfenster, damit Gehörlose trotz Maskenpflicht von den Lippen lesen können.  

TSB: Was sind jetzt die besonderen Herausforderungen für sehbehinderte Menschen? Wie soll beispielsweise ein blinder Mitbürger den Mindestabstand erkennen?

Seerig: Die Zeiten von Corona sind für uns alle schwierig, aber Menschen mit Behinderung haben zudem besondere Probleme – gerade als Risikogruppe mit Vorerkrankungen. Ein Blinder steht bei 1,50 Meter Abstand in der Schlange vor speziellen Problemen, bei denen auch der Langstock nicht immer hilft.

TSB: Die Hinweisbroschüren von Behörden und Apotheken beispielsweise sind ja auch nur selten in Blindenschrift verfasst.

Seerig: So ist es leider. Auch die Informationen amtlicher Stellen sind nicht immer in leichter Sprache, damit wirklich alle wissen, was zu tun ist. Hinzu kommt, sehbehinderten Menschen wird das Leben durch teilweise nicht nachvollziehbare Entscheidungen erschwert, nicht nur in der Pandemie, wie jüngst ein Fall aus Bremen zeigte. Einer sehr bekannten blinden Künstlerin war verweigert worden, dass ihr Ehemann sie in die Wahlkabine begleitet. Diesen Vorgang habe ich zum Anlass genommen und im November den Berliner Senat gefragt, ob er garantieren könne, dass blinde und sehbehinderte Menschen ihr Wahlrecht im kommenden Jahr uneingeschränkt gemäß den einschlägigen Gesetzen ausüben dürfen.

TSB: Was war die Antwort des Senats?

Seerig: In Berlin werden Schablonen bei der Wahl zum Einsatz kommen. Die Schablonen werden vom Blinden- und Sehbehindertenverband hergestellt und an alle seine Mitglieder und auf Anforderung zusätzlich an Nichtmitglieder kostenfrei versandt. Daneben können sich Blinde und Sehbehinderte bei der Stimmabgabe im Wahllokal oder bei der Briefwahl einer Person ihres Vertrauens bedienen.

TSB: Gibt es in dem Zusammenhang „Corona und Menschen mit Handicap“ auch eine einzige gute Meldung?

Seerig: Zumindest hat die aktuelle Lage dazu geführt, dass mehr Pressekonferenzen durch Gebärdendolmetscher unterstützt werden. Dies ist in den meisten anderen Staaten schon längst Standard gewesen. Gut, dass Deutschland hier endlich nachzieht.

TSB: Wie kann man jetzt einem Menschen mit Handicap hilfreich zur Seite stehen?

Seerig: In dieser Zeit ist generell Solidarität gefordert, um Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen und wollen. Senioren, Behinderte, Kranke zählen in erster Linie dazu. Da ist die Hilfe durch die Starken oft gern gesehen, wenn gewünscht: Einfach einmal fragen, ob und welche Unterstützung Ihr Nachbar gerade benötigt.

TSB: Da Sie das Nachfragen gerade angesprochen haben: Wenn einer unserer Leser konkret eine Nachfrage an Sie hat, wie kann man Sie kontaktieren?

Seerig: Man kann mich wie folgt jederzeit und gerne erreichen: elektronisch unter thomas.seerig@fdp-fraktion.berlin oder telefonisch unter 030 23 25 23 67.

Bild: Volkert Neef