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Unternehmen im Lockdown: Unsichere Zeiten

Wie steht es um die regionalen Händler und Gewerbetreibenden im Pandemie-Lockdown? Sind die versprochenen Hilfen angekommen? Wie es den Betrieben in der Region in der Krise wirklich ergeht, zeigen wir an einigen Beispielen auf.

„Stellen Sie sich vor, Sie säßen an einer offenen Flugzeugtür, ohne Fallschirm und ohne Sicherheitsgurt, jeden Moment könnten Sie herausfallen, ein kleiner Windstoß reicht.“ So schildert ein Teltower Unternehmer das Gefühl, das ihn während der Pandemie ständig begleitet. Die staatlichen Förderprogramme empfand er lediglich als „politisches Marketing“, denn „für die Rettungsprogramme gab es zu viele Hürden, die Hilfen waren zu gering bemessen und kamen zu spät.“ Er berichtet, dass es bei der Zuteilung der Gelder unter anderem deshalb hakte, weil die Prüfkriterien der Banken nicht die aktuelle Situation berücksichtigten und zu streng gewesen seien: „Erst wurden sie weiter verschärft, dann wieder gelockert, so dass selbst Steuerberater kaum mehr durchblicken konnten“, moniert der Geschäftsmann, der wie viele der von uns Befragten anonym bleiben möchte. „In der Politik gibt es kein Vordenken, keine Absprachen mit Fachleuten aus der Wirtschaft oder mit Unternehmerverbänden, da ist keine Linie drin.“ Seine Bilanz: „Das Rettungsnetz hat große Löcher.“

Nicht alle Betriebe mussten im Lockdown schließen, und manche konnten sich vor Arbeit kaum retten. So entbrannte im März 2020, während des ersten Lockdowns, ein wahrer Run auf die Apotheken: „Die Leute haben sich massiv bevorratet“ erinnert sich Christine Nordgerling, Mitinhaberin der Bäke-Apotheke in Stahnsdorf.

„Die Onlinekonkurrenz ist krisenfester“

Doch schon bald trafen auch sie die Probleme im Zusammenhang mit den staatlich verordneten Maßnahmen, zum Beispiel den Kita-Schließungen: Plötzlich fielen Mitarbeiter aus, weil sie ihre Kinder zu Hause betreuen mussten. Dazu kam es nach weltweiten Rissen in der Lieferkette zu Medikamentenengpässen. Zudem mussten hohe Summen für Hygienemaßnahmen aufgebracht werden, beispielsweise für Plexiglasscheiben und FFP2-Masken. Auch getrauten sich viele Kunden nicht mehr ins Geschäft und bestellten daher telefonisch oder per E-Mail – ein Service, den die Bäke-Apotheke schon lange vor der Pandemie eingeführt hatte. Die Folge: Die Anzahl der Lieferfahrten nahm enorm zu. Auch das stellte die Apothekerin vor personelle Herausforderungen. Nordgerling ist froh, dass ihr Gewerbe systemrelevant ist und von Schließungen verschont bleibt. Dennoch blickt sie pessimistisch in die Zukunft: „Die Onlinekonkurrenz ist einfach krisenresistenter, weil sie zu Pandemiezeiten keine erhöhten Kosten hat. Und sie hat im letzten Jahr viele Kunden hinzugewonnen.“

Tatsächlich ist der Onlinehandel nach Angaben des Statistischen Bundesamts der klare Gewinner der Corona-Krise. Der Verlierer: der lokale Einzelhandel. „Corona verschärft vorhandene Probleme“ war denn auch von Einzelhandelsverbänden zu hören. Gerade im Modesektor war die Onlinekonkurrenz schon vor der Pandemie groß, so dass man jetzt eine Zunahme an Geschäftsschließungen und eine Verödung der Innenstädte befürchtet.

Dazu dürfte auch die schwierige Situation des Hotel- und Gaststättengewerbes beitragen. Corona-Hilfen, Lieferservice und das Außerhaus-Geschäft konnten zwar manche Betriebe kurzfristig retten, aber „für uns ist das ein langsames Sterben“ sagt ein Restaurantbetreiber, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen möchten.

Über 1.000 Euro zusätzliche Müllgebühren

Ganz so prekär ist die Situation für Friseurmeisterin Isabell Lojek nicht, obwohl  ihr Salon „Abschnitt Eins“ in Stahnsdorf starke Einnahmeeinbußen zu verkraften hatte. Schließlich fehlten im vergangenen Jahr zwei Geschäftsmonate, und nach dem ersten Lockdown konnte der Betrieb nur mit Einschränkungen laufen. Wegen der Abstandsregeln konnte sie weniger Kunden als sonst gleichzeitig bedienen und musste daher Wechselschichten einführen. Dazu kamen hohe Investitionen in Hygienemaßnahmen. „Allein wegen der Entsorgung gebrauchter Masken stiegen die Müllgebühren um mehr als 1.100 Euro“, berichtet sie. Da Friseure noch bis Mitte Dezember geöffnet bleiben durften, hatten sie keinen Anspruch auf die November- und Dezemberhilfen. Die zuvor erhaltene Soforthilfe der ILB in Höhe von 9.000 Euro war „ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der sechsstelligen Investitionskosten für den Salon, der erst vor anderthalb Jahren eröffnet wurde“, sagt Lojek. Das andere Problem für die Friseurmeisterin und ihre Mitarbeiterinnen, von denen die meisten kleine Kinder haben: Friseure können kein Homeoffice machen, die häusliche Betreuung der Kinder lässt sich mit dem Beruf daher nicht vereinbaren. Dass sich Lojek von einer Mitarbeiterin trennen musste, weil diese keine Betreuung für ihr Kind fand, war für sie besonders bitter.

„Man weiß einfach nicht, was morgen ist“

„Im Baugewerbe blieb es eher stabil“ kann hingegen Claude-Robért Ehlert berichten. Er konnte auf staatliche Zuschüsse verzichten und findet: „Es ist wichtiger, den Betrieben, die komplett schließen mussten, Unterstützung zukommen zu lassen.“ Trotzdem gab es auch in seiner Firma coronabedingt einige Unsicherheiten: „Man weiß einfach nicht, was morgen ist.“ So orderte er sicherheitshalber Materialien auf Vorrat, was viel Kapital band, und er stellte aus Sicherheitsgründen neue Hilfskräfte ein, was den Verwaltungsaufwand erhöhte. „Fachkräfte sind auch ohne Corona schon Mangelware“ beklagt er. Umso wichtiger ist es für ihn, „dass unser Wirtschaftskreislauf wieder stabilisiert wird.“

Ganz andere Probleme traten dort auf, wo Pflanzen und Tiere während der Lockdown-Phasen nicht verkauft werden konnten, aber trotzdem weiterhin intensiver Pflege bedurften. Filialleiter Thomas Fischer von Pflanzen-Kölle in Teltow hatte vor Weihnachten ein riesiges Problem: Wie in jedem Jahr hatte sein Team wieder liebevoll große Mengen an Gestecken angefertigt, und vor dem Lockdown wusste man plötzlich nicht mehr, wohin damit. Ein Teil der Blühware wurde schnell mit 50 Prozent Preisnachlass abverkauft, was übrigblieb, nahmen die Mitarbeiter mit. So fanden auch manche Kleintiere vorübergehend ein neues Zuhause. Ein Großteil der Beschäftigten musste in Kurzarbeit gehen, und bei den verbleibenden Mitarbeiterinnen gab es Probleme wegen der Kinderbetreuung. Dabei hatte sich das Teltower Gartencenter zuvor gerade etwas von den mehrjährigen Beeinträchtigungen durch die Straßenbaustelle erholt, doch mit Beginn der Pandemie sank der Umsatz erheblich, „minus 60 Prozent allein im März, aber das wurde im Laufe des Jahres besser“ berichtet Thomas Fischer und stellt fest: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“

Durch ein funktionierendes Hygienekonzept und ein Zweischichtensystem konnte der Betrieb auch ohne staatliche Zuschüsse weiterlaufen. Parallel dazu wurde der Onlineverkauf intensiviert und der „Click and Collect“-Einkauf ermöglicht, bei dem die Kunden ihre Ware übers Internet bestellen und dann in der Filiale abholen. Dennoch:  „Die nächsten Monate werden schwierig, aufgrund mangelnder Planbarkeit dürfte es zu Lieferengpässen kommen“ befürchtet der Filialleiter und hofft, dass sich die Geschäftsbedingungen bald wieder normalisieren. KP

Bild: Photo in the City