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Prominente auf dem Südwestkirchhof: Engelbert Humperdinck

Fast wäre Engelbert Humperdinck in Vergessenheit geraten: Vielen seiner Werke war kein großer Ruhm beschieden. Seine Märchenoper „Hänsel und Gretel“ ist jedoch bis heute bekannt – im Gegensatz zu seinen weiteren Kompositionen, die ihrer Zeit zu weit voraus waren.

Früher oder später war es für jeden Schüler im Musikunterricht soweit: Auf dem Lehrplan wartete die Mär­chen­oper „Hän­sel und Gre­tel“ – hierzulande eine der populärsten und am häufigsten aufgeführten Opern. Die Vertonung des vertrauten Märchens stammt aus der Feder Engelbert Humperdincks, der am 01. September 1854 in Siegburg südöstlich von Köln das Licht der Welt erblickte. Der kleine Engelbert bekam die Musik früh in seine Wiege gelegt: Seine Mutter Gertrud besaß als Tochter des Paderborner Domkapellmeisters Franz Hartmann eine sängerische Ausbildung und konnte ihren Sohn schon früh für die Welt der Musik begeistern: Mit sieben Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterricht, und der Besuch der Oper „Undine“ von Albert Lortzing wurde mit 14 Jahren zu seinem musikalischen Schlüsseerlebnis.

Wäre es nach seinem Vater gegangen,  hätte sich Engelberts Leben einzig und allein um Pläne, Statik und Berechnungen gedreht: Gemäß seinem Willen begann der 17-Jährige nach seinem Abitur 1871 zunächst eine Bauzeichnerlehre in Siegburg, doch seine Leidenschaft für die Musik war stärker: 1872 bewarb er sich am Kölner Konservatorium, um dort ein Musikstudium zu beginnen, welches er vier Jahre später erfolgreich abschloss. Der Gewinn des Frankfurter Mozartstipendiums ermöglichte ihm in den folgenden drei jahren die Fortsetzung seiner musikalischen Ausbildung.

Richard Wagner als Vorbild

In den 1870er Jahren ritt ein bekannter, aber schon seinerzeit nicht unumstrittener Komponist schon lange auf der Erfolgswelle: Richard Wagner galt als einer der erfolgriechsten Komponisten seiner Zeit. 1873 kreuzten sich ihre Wege: 1873 besuchte Humperdinck in Köln ein von Wagner dirigiertes Werbekonzert für die Bayreuther Festspiele – seine musikalischen Interessen wandten sich zunehmend den Kunstidealen des Komponisten zu, der im Laufe seines Schaffens auch offen antisemitische Standpunkte vertrat. Zwar ist der Musikforscher Christopher Heimbucher überzeugt, dass Wagners Antisemitismus keinesfalls fremd gewesen sei; allerdings habe er auch in Zeiten ihrer engsten Bekanntschaft in diesem Punkt eine „kritische Distanz“ bewahrt.  Dennoch suchte er die Nähe Wagners und zu seinem Schaffen: 1878 trat er einem Geheimbund junger WagnerAnhänger bei, dem „Orden vom Gral“, und im 1880 machte er schließlich in Neapel Bekanntschaft mit seinem musikalischen Vorbild.

Die Begegnung sollte Humperdincks Werdegang entscheidend prägen: Als Assistent Wagners haf er, die Aufführung seiner Oper „Parsifal“ mit auf die Beine zu stellen, und auch nach Wagners Tod 1883 blieb sein Kontakt mit Wagners Familie eng; so wurde Wagners Sohn Siegfried Humperdincks Kompositionsschüler.

Die folgenden Jahre waren geprägt von seiner regelmäßigen Mitarbeit an den Bayreuther Festspielen, seiner Rolle als „musikalischer Gesellschafter“ beim Großindustriellen Alfred Krupp in Essen und als Lehrer am Kölner Konservatorium. Ab 1890 lehrte er in Frankfurt und arbeitete als Kritiker bei der Frankfurter Zeitung – der Lebensunterhalt war zwar gesichert, erlaubte jedoch keine großen Sprünge. In die Zeit vor seinem Durchbruch fällt die Heirat mit der Siegburgerin Hedwig Taxer 1892 – aus dieser Ehe sollten in den folgenden Jahren f+nf Kinder hervorgehen.

Eine Märchenoper bringt den Durchbruch

1893 folgte die Zäsur in Humperdincks Leben: Unter der Leitung von Richard Strauss (1864 – 1949) wurde am 23. Dezember seine Märchenoper „Hänsel und Gretel“ in Weimar uraufgeführt, die sich sofort zum Kassenschlager entwickelte – 50 Bühnen nahmen die Oper in den folgenden Monaten in ihr Programm auf. Ihr Erfolgsgeheimnis war die Volksnähe: Volks- und Kinderlieder wie „Ein Männlein steht im Walde“ oder „Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh“ wurden Teil des musikalischen Werks, das bis heute meist in der Adventszeit aufgeführt wird. Seine Märchenoper markierte auch einen musikalischen Weg aus dem Schatten seines Vorbilds Wagner.

An den durchschlagenden Erfolg von „Hänsel und Gretel“ konnte kein Werk Humperdincks mehr anknüpfen: Für das Märchenschauspiel „Königskinder“ von Elsa Bernstein (die unter dem Pseudonym „Ernst Rosmer“ wirkte) erreichte ihn zwar die Bitte, die Bühnenmusik zu komponieren, doch der von Humperdincks eingesetzte neuartige Sprechgesang sorgte für keine Jubelstürme im Publikum. Im Januar 1897 wurde „Königskinder“ in München uraufgeführt, doch das Stück geriet bald in Vergessenheit. Humperdinck selbst ließ sich davon nicht beeindrucken: Seit 1900 Leiter einer Meisterklasse für Komposition an der Berliner Akademie der Künste, schuf er unter anderem seine Opern „Dorn­rös­chen“ und „Hei­rat wi­der Wil­len“. Für den Film- und Theaterregisseur Max Reinhardt entstanden Bühnenmusiken am Deutschen Theater, meist für Shakespeare-Dramen.

Das Zentrum seiner Karriere blieb die auftrebende Hauptstadt: 1911 avancierte er zum Di­rek­tor der Theo­rie- und Kom­po­si­ti­ons­ab­tei­lung der Kö­nig­li­chen Hoch­schu­le für Mu­sik in Ber­lin. Trotz ge­sund­heit­li­cher und per­sön­li­cher Rück­schlä­ge wie dem Tod sei­ner Gat­tin 1916 schuf er noch zwei Opern, „Die Mar­ke­ten­de­rin“ (1914) und „Gau­dea­mus“ (1919). 1920 trat er in den Ru­he­stand. Mit Ausnahme von „Hänsel und Gretel“ gerieten Humperdincks Werke ab der Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch zunehmend in Vergessenheit, trotz gelegentlicher Aufführungen seiner „Königskinder“.

Für das Al­ter plan­te er ei­ne Rück­kehr ins Rhein­land und be­ab­sich­tig­te, nach Bad Hon­nef um­zu­sie­deln; er war sich sei­ner rhei­ni­schen Wur­zeln im­mer be­wusst ge­blie­ben – davon zeugen sein „Rhein­lie­d“ oder die Melodie  „Am Rhein“, aber auch sein Or­ches­ter­werk „Die Glo­cke von Sieg­bur­g“. Zum Umzug sollte es jedoch nicht mehr kommen: Humperdinck starb am 27. September 1921 an einem Schlaganfall in Neustrelitz und erhielt eine Ehrenbeisetzung der Stadt Berlin auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof. Sein Grab befindet sich im Gräberbereich Erlöser – am Feld 4 – Erbbegräbnis 10. Philipp Hochbaum

Bild: Südwestkirchhof Stahnsdorf