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Prominente auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof: Heinrich Zille

„Sein Milljöh“ fand der Maler und Zeichner Heinrich Zille im Alltag der „Durchschnittsberliner“: Arbeiter, Kleinbürger und Menschen am Rande der Gesellschaft porträtierte er mit scharfzüngigem, bissigem Humor. Seine letzte Ruhe fand der „Pinselheinrich“ auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof.

Schmutzige Hinterhöfe versinken im Elend, auf den Straßen spielen verdreckte und verarmte Kinder, Prostituierte führen ein Leben zwischen Armut und Ausgrenzung: Heinrich Zille porträtierte die Namenlosen, die ein Leben am Rande der Existenz und im Schatten der Berliner Glitzerwelt führten – und alles untermalt mit derber, fast liebevoller Berliner Schnauze: „Mutta, jib doch ma die zwee Blumentöppe raus, Lieschen sitzt so jern ins Jrüne!“ Doch nicht bei allen stieß Berlins bedeutendster Karikaturist des frühen 20. Jahrhunderts damit auf Gegenliebe: Für die Wochenzeitschrift „Fridericus“ glich seine Berufung an die Akademie der Künste 1924 einer Katastrophe: „Der Berliner Abortzeichner Heinrich Zille ist zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt […] worden. Verhülle, o Muse, Dein Haupt.“

Zilles Ausbildung: Zeichenblock statt Hackebeil

Vergleichsweise früh schlug Heinrich Zille den Weg zum Maler- und Zeichnerberuf ein: Der am 10. Januer 1858 im sächsischen Radeburg geborene Uhrmachersohn lebte ab 1861 mit seiner Familie in Dresden – bis zum Umzug nach Berlin im Jahre 1868. Fortan war die aufstrebende Hauptstadt der Lebensmittelpunkt ­Heinrichs, der in äußerst armen Verhältnissen aufwuchs. Mit Botengängen besserte er die karge Familienkasse auf. Dabei brachte er auch Zeitungen und Zeitschriften an die Türen der Stadt – in dieser Zeit wurde er auf Karikaturen und Zeichnungen aufmerksam. In der Schule nahm er zusätzlichen Zeichenunterricht, den er von seinen kleinen Einnahmen selbst bezahlte. Sein privater Zeichenlehrer erkannte Heinrichs Talent: Er riet ihm, Litograf zu werden – die Litographie, eine Vorstufe der modernen Bild- und Textdruckerei, war seinerzeit noch die vorherrschende Drucktechnik. Zwar hatte Heinrichs Vater sah für ihn eine Ausbildung zum Fleischer vorgesehen, doch dieser Wunsch erwies sich als eine Sackgasse: Dem Jugendlichen grauste es vor Blut. Stattdessen begann er eine Ausbildung zum Litografen, die sein Leben verändern sollte.

„Pinselheinrich“, wie ihn der Berliner Volksmund Jahrzente später taufen sollte, begann zusätzliche Studien beim Maler, Illustratoren und Karikaturisten Theodor Hosemann an der Königlichen Kunstschule. Dieser porträtierte Altberliner Kleinbürger und Alltagsszenen und riet seinem Schüler: „Gehen Sie lieber auf die Straße hinaus, ins Freie!“ Aber noch war es nicht soweit: Mit 17 Jahren begann er, sich mit Arbeiten für verschiedene Verlagshäuser über Wasser zu halten: mit Zeichnungen von Damenmoden, Lampen- und Leuchterentwürfen oder Werbemotiven, während er aus „Jux“ und gegen einen kleinen Zuverdienst Arbeitskollegen karikierte. Seit 1877 war sein Auskommen gesichert: Er fand eine Anstellung bei der „Photographischen Gesellschaft Berlin“. Die Drucktechnik steckte noch in ihren Kinderschuhen. Für Zille bedeutete dies, von Originalen Fotografien aufzunehmen und diese anschließend mit Retuschierwerkzeugen zu bearbeiten. Gleichzeitig entdeckte er seine Leidenschaft für die Karikatur, der auch der zweijärige entbehrungsreiche Militärdienst nichts anhaben könnte. Während dieser Zeit entstanden humorvolle Soldatenbilder – später wurde dem Zeichner vorgeworfen, er habe damit das Militär verniedlichen oder gar verherrlichen wollen.

Karikaturen? Als Nebenjob unerwünscht!

kehr zur Photographischen Gesellschaft heiratete Zille 1883 Hulda Frieske und lebte mit ihr bis 1892 in verschiedenen Wohnungen in Berlin-Rummelsburg – dort wurden auch die drei Kinder des Ehepaares geboren, bevor die finanzielle Situation einen Umzug nach Charlottenburg erlaubte. Dort lebte Zille bis zu ­seinem Lebensende in der Sophie-Charlotten-Straße 88. Hauptberuflich als Litograf tätig, begann Zille in seiner Freizeit zusehends, sich seinen Zeichnungen und Studien zu widmen. Dabei begann er um die Jahrhundertwende immer bewusster, sich Szenen aus der damaligen Unterschicht zuzuwenden. Er unternahm Streifzüge durch Arbeitersiedlungen, Hinterhöfe und schummerige Kneipen.

Bei seinem Arbeitgeber stießen die Zeichnungen und Karikaturen auf keine Gegenliebe: 1907 wurde er nach dreißig Jahren von der Photgraphischen Gesellschaft entlassen – Zille war bestürzt und gekränkt, doch befreundete Künstler wie Max Liebermann sprachen ihm Mut zu: Er solle seine Leidenschaft zum Beruf machen. Gesagt, gezeichnet: Als freier Künstler entwarf er zahllose Zeichnungen, Skizzen und Kurzgeschichten. Die Öffentlichkeit wurde auf Zilles Arbeiten aufmerksam, und seine beißende Sozialkritik bekam durch spitze, schnodderige Bildunterschriften im Berliner Dialekt ihre bis heute bekannte Note. So lässt er ein kränkelndes Kind in einer Zeichnung stolz und gleichzeitig tragisch zu Wort kommen: „Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken!“

Ein beliebter Stadtchronist

Um die Jahrhundertwende ging es für Zille weiter bergauf: Auf Ausstellungen und in Karikaturen in Zeitschriften nahm er den Alt-Berliner Alltag unter die süffisante und tragikomische Lupe, und Berliner Künstler begannen, um ihn zu werben. So fand er 1903 seinen Weg in die „Berliner Sezession“, eine Künstlergruppe um Max Liebermann und Käthe Kollwitz, deren Werke von bestehenden Kulturorganisationen zuvor als „zu modern“ gebrandmarkt worden waren. Ab 1906 zeichnete er für den in München verlegten „Simplicissimus“, eine der damals bedeutendsten Satirezeitschriten. Die Künstlerhefte „Kinder der Straße“ und „Zilles Rangen“ verließen 1908 die Druckerei und machten den Zeichner auch überregional bekannt. Der Bildband „Mein Milljöh“ von 1914 sorgte für einen durchschlagenden Publikumserfolg – fortan bemühten sich Galeristen, ihre Wände mit Zilles Werken zu behängen.

„Pinselheinrich“ war nun eine feste Größe der Berliner Kulturlandschaft. Nach einem Zerwürfnis in der „Secession“ gründete er mit Gleichgesinnten die „Freie Secession“, deren Vorstandsmitglied er wurde. 1924 folgte der vorläufige Höhepunkt in Zilles Berufsleben: die im „Fridericus“ gescholtene Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste als Professor. Trotz zahlreicher Ehrungen blieb der Zeichner bescheiden, was wiederum zu seiner Beliebtheit unter den Hautstädtern beitrug.

Die Entbehrungen des Ersten Weltkriegs waren unterdessen nicht spurlos an ihm vorübergegangen: Gicht und Diabetes begannen, ihm sein Leben schwerzumachen. Zille ließ sich davon nicht abbringen und veröffentlichte in seinen letzten Lebensjahren in der Berliner Satirezeitung „Ulk“ weiter zahlreiche Bilder und Karikaturen. Ein Jahr vor seinem Tod, zum 70. Geburtstag, widmete ihm das ­Märkische Museum eine Sonderausstellung: „Zilles Werdegang“, eine Retrospektive seiner Werke. Nach zwei Schlaganfällen verstarb er in seiner Charlottenburger Wohnung am 09. August 1929. Die Stadt Berlin widmete ihm ein Ehrengrab auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof – dieses befindet sich im Block Epiphanien – Feld 14 – Gartenstellen 34/35. Philipp Hochbaum