„Kein Kind von hier“ – Ein Kleinmachnow-Krimi von Ann Rose
Die Kleinmachnower Autorin und Illustratorin Ann Rose hat mit „Kein Kind“ von hier ihren ersten Kriminalroman veröffentlicht. Das im Mai erschienene Taschenbuch ist der Auftakt ihrer neuen Reihe „Kleinmachnow Krimi“ und verknüpft eine aktuelle Mordermittlung mit historischen Ereignissen aus der Region.
Der Fund einer Leiche bringt die heile Welt von Kleinmachnow an diesem Sonntagmorgen aus dem Gleichgewicht. Wir hatten Glück, sagt Mertens. Ich schau ihn fragend an. „Dienstlich“, ergänzt er. Er schaut über die Wiese, winkt den Streifenpolizisten zu. „So selten, wie hier jemand unterwegs ist, hätte das auch Monate dauern können, bis man die Leiche findet.“ Ich sage nichts. Denke an Emil. An das Freibad und an die Aufschrift „Diverses“. Und daran, dass Kleinmachnow offenbar sehr gut darin ist., Dinge verschwinden zu lassen.
Für die Ermittlerin, Fanny Gärtner, gerade selbst erst in den Ort gezogen, ist dies der erste Fall als Einsatzleiterin der Mordkommission.
Ich wollte diese leitende Stelle im Potsdamer Präsidium. Ich habe sie mir erkämpft. Gegen Widerstand. Gegen Kollegen, die mich in München lieber als Stellvertreterin behalten hätten. Und gegen den Vorwurf, dass eine Mutter mit Kleinkind nicht die Leitung einer Mordkommission übernehmen sollte.
Der Kniff, die Protagonistin als neu Zugezogene einzuführen, ermöglicht Ann Rose, den Ort mit unvoreingenommener Distanz und Neugier beschreiben zu können. Auf diese Weise kann sie an eigene Erfahrungen anknüpfen und gleichzeitig viele Leser ansprechen, die selbst nach der Wende ein neues Zuhause in Kleinmachnow gefunden haben.
„Kein Kind von hier“ ist ihr Debüt eines Romans für Erwachsene. Bislang hat Ann Rose Bücher für Kinder und Jugendliche verfasst. Sie lese selber gerne Krimis. Ihre Intention war es, in einem unterhaltsamen Format nun auch für Erwachsene das Leben im Ort widerzuspiegeln und gleichzeitig auf vergangene Geheimnisse aufmerksam zu machen. Ihre literarischen Vorbilder sind dabei skandinavische Kriminalgeschichten, wie die von Henning Mankell.

Wir fahren durch Kleinmachnow, an gepflegten Vorgärten und teuren Autos vorbei. In der Förster-Funke-Allee geht Mertens vom Gas. Auf Höhe des Rathausmarktes wird es auf einmal quirlig. Schüler rennen über den Zebrastreifen, um ihren Bus noch zu erreichen. Hinter ihnen her: die ältesten Kleinmachnower mit Rollator, die aus dem Seniorenheim kommen.
Ein Krimi, der in Kleinmachnow angesiedelt ist, fehlte bislang. Der ortskundige Leser verbindet die genannten Orte automatisch mit eigenen Erfahrungen und Bildern. Der hohe Wiedererkennungswert macht dabei einen besonderen Reiz des Buches aus.
Als ich am nächsten Tag gegen Abend den alten Glasvorbau der Neuen Kammerspiele – das Kulturzentrum Kleinmachnows – betrete, ist es draußen bereits dunkel. Kalte Luft hängt in den Straßen, feucht und unbeweglich. In den Kammerspielen war ich noch nie privat. Dabei wollte ich genau das, dazugehören. In diese Gemeinde hineinwachsen. Nicht nur als Kommissarin, sondern als Nachbarin, als Mutter auf dem Spielplatz. Jetzt betrete ich diesen Ort als Ermittlerin für eine Zeugenaussage.
Der Autorin war es wichtig, den vielen älteren Herren, die im Krimimarkt als Hauptfigur auftauchen, eine junge Ermittlerin entgegenzusetzen, die sich einerseits gegen männliche Vorteile durchsetzen muss und gleichzeitig Mutter ist. Vor allem Leserinnen können den hier immer wieder thematisierten täglichen Spagat zwischen Berufstätigkeit und Mutterschaft sofort nachvollziehen.

bereits den zweiten Krimi, der wieder in Kleinmachnow spielen wird.
Ich komme nach Hause und denke nur an Spuren. An Namen. An Fehler. Meine Stimme kippt. „Vielleicht geht es einfach nicht. Karriere und Mutter sein, so wie ich mir das vorgestellt habe.“ Dass ich besser bin. Und stärker. Nicht weich werde.
„Kein Kind von hier“ ist weitaus mehr als ein unterhaltsamer Regionalkrimi. Die Geschichte entwickelt sich entlang zweier Erzählstränge, deren Verbindung sich dem Leser zunächst nicht erschließt. Ann Rose nutzt diese Methode geschickt, um über die Ermittlungen zur Identität des Mordopfers ein dunkles Kapitel der Kleinmachnower Geschichte einzuflechten, das weitestgehend vergessen ist.
Die Hintergrundgeschichte beginnt 1944 in einem polnischen Luftschutzkeller. Aus der Perspektive von Maria, die dort mit ihrer jüngeren Schwester Zofia Schutz vor den Deutschen gesucht hat, wird der Überlebenskampf einer jungen Frau während der NS-Zeit erzählt.
Mit erhobenen Händen trete ich auf die Straße. Vor mir mehrere SS-Soldaten. Die Maschinengewehre auf Brusthöhe sind auf mich gerichtet. Ich kann nicht mehr atmen, alles zieht sich zusammen. Ich warte auf den Schuss, auf mein Ende. Dann knallt es …
Welche Verbindung gibt es zwischen dieser berührenden Geschichte von 1944 und der Gegenwart vom Herbst 2025, dem Mordopfer, einem drogensüchtigen jungen Polen? Die Spurensuche führt die Ermittlerin Fanny Gärtner bis nach Polen.
Der Name DLMG reist mit mir nach Polen und ist schwerer als jedes Gepäck.
Die Geschichte der jungen Polinnen nimmt eine dramatische Entwicklung. Sie werden ins KZ Ravensbrück deportiert und getrennt. Marie wird als Fremdarbeiterin verschleppt. Basierend auf historischen Ereignissen gelingt es Ann Rose mit viel Empathie die Gefühle, Ängste und Nöte von Marie zu beschreiben. Die Lebensumstände der jungen Frau seien ihr beim Schreiben so nahe gerückt, dass sie vieles weinend geschrieben habe, auch aus Scham darüber, wie man mit den Menschen damals umgegangen sei.
Die Schilderung des Überlebenskampfes und die überraschenden Wendungen durch die Ermittlungen lösen eine zunehmende Sogwirkung aus. Die fiktionalen Verbindungen dieser beiden Geschichten halten den Leser bis zum Schluss in Atem. Schnell ist klar, dass das Verbrechen in der Gegenwart sich nur durch die Aufdeckung verdrängter, oder vergessener Ereignisse der deutschen Geschichte aufklären lässt.
Die Kommissarin und die Fremdarbeiterin, zwei Frauen, zwei Realitäten, die sich zunehmend verflechten. Doch entscheidende Hinweise zur Entwirrung des erzählerischen Dickichts fehlen.
Manchmal ist der Schlüssel zu einem Fall nicht das Milieu oder Drogen oder Warschau. Er hält inne. Sondern die Frage, wer in Kleinmachnow seit Jahrzehnten davon lebt, dass niemand die Herkunft einer Geschichte prüft.
Am Ende kann Fanny Gärtner diesen Mord aufklären, aber die aufgedeckten Schäden der Vergangenheit sind weitaus größer, lassen sich nicht mehr reparieren und wirken bis in die Gegenwart nach. Die Aufklärung des Falls hat unerwartete Folgen, die auch ihr eigenes Leben betreffen.
Sie glauben, Wahrheit sei etwas Reines. Etwas, das man ans Licht bringt und dann gehört es dem Guten. Aber Wahrheit ist in der Politik wie alles andere auch: Material.
Ann Rose plant bereits den zweiten Krimi, der ebenfalls in Kleinmachnow spielen soll. Den Auftakt der geplanten Reihe, den Roman „Kein Kind von hier“, hat sie auf eigene Kosten drucken lassen. Einen Namen auf dem heiß umkämpften Krimimarkt zu erlangen, ist nicht ganz einfach. Mit diesem Auftakt hat Ann Rose gute Chancen, hier ihren Platz zu finden.
Foto: Ute Bönnen
