SportStahnsdorfTiereWirtschaft

Pferdezucht mit Herzund Verstand – Das Stahnsdorfer Barockgestüt Treidelhof

Wenn man von Stahnsdorf aus Richtung Güterfelde fährt, sieht man auf der linken Seite ein großes Anwesen, das von einem Lärmschutzzaun umgeben ist, der sich harmonisch in die Umgebung einfügt. Dahinter tut sich eine ganz besondere Welt auf – eine Idylle, in der sich Mensch und Tier mit Respekt und Vertrauen begegnen. Wir wollten wissen, was das Barockgestüt Treidelhof von den zahlreichen Pferdehöfen in unserer Region unterscheidet. Eine nicht alltägliche Begegnung, die bei uns tiefe Eindrücke hinterlassen hat.

Wenn man als Pferdemädchen groß geworden ist, hat man einen ganz besonderen Blick auf die stolzen Tiere. Man weiß, wie man miteinander umzugehen hat – und doch gibt es in der Reiterei ganz unterschiedliche Herangehensweisen sowohl beim sportlichen Aspekt als auch bei der Pferdezucht. Im Stahnsdorfer Barockgestüt geht es nicht um Leistungsdruck oder Leistungszwang, sondern um eine Begegnung auf Augenhöhe. Der Treidelhof, der bereits früher schon in Wannsee existierte – dort wurden Pferde und später auch Loks zum Ziehen von Schiffen bzw. Treideln durch den Teltowkanal untergebracht, daher der Name, befindet sich seit 2017 auf dem hiesigen Areal, das bereits zuvor landwirtschaftlich genutzt wurde. Tierärztin Sandra Sommer, deren Urgroßvater einen landwirtschaftlichen Betrieb in Brandenburg besaß und die seit mehr als 40 Jahren mit Pferden vertraut ist, hat die Anlage übernommen, umfangreich saniert und erweitert, so – dass das Gelände nun hervorragend für die Zucht von Rassepferden und Wagyurindern geeignet ist.

Alle Pferde und Jungpferde sind täglich im Handling und sehr menschenbezogen.
Auf dem Treidelhof werden barocke PRE, Knabstrupper und Welsh Cob gezüchtet.

Eine Mammutaufgabe, in die mittlerweile auch Tochter und Ehemann eingebunden sind. Dass die Beteiligten die Arbeit sehr ernst nehmen, sieht man daran, dass Gerd Sommer (bekannt durch sein Kia-Autohaus) zusätzlich eine Ausbildung zum Pferdewirt absolviert hat, Tochter Franziska Charlotte studiert Pferdewissenschaften an der FU Berlin, will danach noch Tiermedizinerin werden und später einmal den Hof übernehmen, und Sandra Sommer selbst ist neben ihrem eigentlichen Beruf als Tierärztin auch Pferdewirtschafts- und Landwirtschaftsmeisterin – geballte Kompetenz in der Familie garantiert! Mittlerweile haben alle ihren Lebensmittelpunkt auf den Treidelhof verlagert und sorgen dafür, dass sich dort Mensch und Tier rund um die Uhr wohlfühlen.

Zunächst interessierte uns, was ein Barockgestüt auszeichnet. Dabei handelt es sich um die Zucht und Pflege von Pferderassen, die aufgrund ihrer Größe, ihres Körperbaus, aber auch ihres ruhigen Charakters hervorragend als Reitpferde geeignet sind. Fachleute sprechen von „Rittigkeit“ – für Laien reicht es schon zu wissen, dass man solche Pferde ohne Rückenschmerzen reiten kann. Wir konnten bei der Begegnung mit den schönen Tieren sofort bemerken, wie zutraulich, sanft und liebenswert sie uns erschienen. Dabei handelt es sich um drei Pferderassen mit klassischen Merkmalen: Pura Raza Española, Knabstrupper und Welsh Cob, alle von kleiner bis mittlerer Größe, aber mit unterschiedlichen Fellfarben und -zeichnungen. Gegenwärtig befinden sich 15 Stamm(zucht)stuten und sechs Deckhengste, die separat in einem Offenstall untergebracht sind, auf dem weitläufigen Gelände, das pferdegerecht und abwechslungsreich gestaltet ist. Dazu kommen einige Gastpferde zur Bedeckung, die jeweils maximal drei Monate bleiben, später sollen noch Pensionspferde hinzukommen.

Die Pferde wachsen mit direktem Familienanschluss in Offenstallhaltung in ihrer Herde auf.
Der Treidelhof ist ein moderner Pferdebetrieb, der möglichst vorausschauend, nachhaltig und umweltgerecht agiert.

Nicht nur die Unterbringung ist vorbildlich, sondern auch die Tiernahrung, denn zum Gestüt gehören fast 40 Hektar Landwirtschaft (weitläufig in und um Stahnsdorf verteilt), sodass das Futter vorwiegend aus eigenem, nachhaltigem Anbau bezogen werden kann. Dabei wird auf eine humusschonende Kreislaufwirtschaft Wert gelegt. Unzählige Obstbäume und -sträucher wurden angepflanzt, deren Ertrag später neben Futtermitteln in einem Hofladen angeboten werden soll, und eigene Bienenvölker, die sich an der Obstblüte erfreuen, liefern bereits gesunden Naturhonig. Doch auch andere Tiere fühlen sich auf dem Hof sehr wohl: An den Gebäuden und auf dem Gelände haben sich zahlreiche Vogelarten eingenistet, die von der insektenfreundlichen Umgebung profitieren.

Verglichen mit den ganz in der Nähe befindlichen, belebten Straßen taucht man auf dem Treidelhof in eine ruhige, tier- und menschfreundliche Oase ein – und das, obwohl auf dem Gelände noch diverse Bauarbeiten im Gange sind. Gefördert durch EU-Mittel ist die neu errichtete, geräumige Stutenliegehalle bereits fertiggestellt. Eine Führanlage mit Longierbereich sowie der Hengststall ergänzen die Zuchtanlagen. Im lang-
gestreckten Hauptgebäude befindet sich der stationäre Teil der Tierarztpraxis, in der Kleintiere therapiert werden. Zusätzlich ist dort ein Tagungsraum geplant, in dem Fachwissen und ein guter Umgang mit Tieren vermittelt werden sollen. Und zu guter Letzt sind dort die zahlreichen landwirtschaftlichen Geräte untergebracht, die für die Bewirtschaftung der großen Anlage und Ackerflächen benötigt werden. In Zukunft soll (soweit möglich) eine Umstellung auf weitere Elektrofahrzeuge erfolgen, die von einer PV-Anlage mit Strom versorgt werden – eine gute Idee, um Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit zu sichern. Ein weiteres Standbein stellt die Herdbuchzucht von ­Wagyurindern dar. Diese sanfte und wegen ihrer Fleischqualität begehrte Rinderrasse wird in Mutterkuhhaltung gezüchtet.

Wie bereits erwähnt, legt man in der Barockpferdezucht und -reiterei besonderen Wert auf ein zufriedenes und harmonisches Miteinander von Mensch und Tier. Um diese Grundhaltung weiter zu verbreiten – aber auch zu lehren, wie man Pferde liebevoll, gesund und artgerecht aufzieht und ausbildet wurde vor zwei Jahren der gemeinnützige Verein „Barockpferde Reitkunst- und Zuchtverein Treidelhof e. V.“ gegründet, der gern noch neue Mitglieder aufnimmt. Bereits jetzt bringen sich die Vereinsmitglieder in das gesellschaftliche Zusammenleben in der Region mit ein, für die Zukunft sind weitere Aktivitäten geplant. Darüber hinaus unterstützt der Treidelhof regionale Veranstaltungen wie z. B. das Osterfeuer und bietet Praktikumsplätze für Schüler an.

Sandra Sommer, die das große, arbeitsintensive Anwesen gemeinsam mit ihrer Familie – lediglich unterstützt von einem Auszubildenden – bewirtschaftet, ist nicht nur im hiesigen Verein, sondern auch als 1. Vorsitzende der IG Welsh aktiv und repräsentiert diese Rassepferde auf Zuchtschauen wie der BraLa in Paaren/Glien, in Neustadt/Dosse oder sogar (am 17. Oktober) im Rahmen einer Welsh-Regionalschau auf dem eigenen Hof. Bewundernswert, wie sie den „72 Stunden-Job“, wie sie ihn selbst bezeichnet, scheinbar mühelos bewältigt. Tatkräftige Unterstützung durch Mann und Tochter sowie mentaler Support durch die beiden Söhne, die anderen Berufen nachgehen, sowie nicht zuletzt der seelische Ausgleich durch den harmonischen Umgang mit den Tieren tragen ganz sicher zur Work-Life-Balance bei. Es wird spannend sein mitzuverfolgen, welche Ideen sie noch umsetzt, wie sich der Treidelhof in Zukunft entwickelt und wie er unsere Region mitprägt.

Fotos: Mario Kacner