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Durststrecken in Gastronomie und Hotellerie

Von Volkert Neef

Die Corona-Pandemie hat zu sehr großen Umsatzrückgängen im Hotel- und Gaststättengewerbe geführt. Wie es konkret an einem Beispiel aussieht, hat der Teltower Stadtblatt-Verlag vor Ort recherchiert.

Das Mövenpick-Hotel Berlin in unmittelbarer Nähe des Potsdamer Platzes wird von Christoph Kolodziej geleitet. Dem General Manager steht Alexander Wieberneit als Leiter für Vertrieb und Marketing zur Seite. Alexander Wieberneit ist auch in politischer Verantwortung tätig: Der FDP-Politiker gehört dem Berliner Abgeordnetenhaus an. Im Pressegespräch teilte er u. a. mit: „Das Unternehmen Mövenpick verfügt aktuell über 8 Hotels in Deutschland. Wir gehören zur HR-Group.“ In Berlin seien 120 Mitarbeiter tätig, darunter sind 25 Auszubildende.

Christoph Kolodziej betont: „Was uns in unserer Branche momentan am meisten Sorgen macht, ist der Umstand, dass keiner weiß, wie es weitergehen wird. Die Messe IFA 2021 ist bereits abgesagt worden, zahlreiche Messen wie Grüne Woche, ITB sowie Sportveranstaltungen wie der Marathonlauf sind letztes und dieses Jahr ausgefallen; das DFB-Pokalendspiel 2021 fand wie bereits das Endspiel 2020 ohne Zuschauer statt. Das bedeutet, niemand muss Hotelräume anmieten“. Da auch keine Touristen in Berlin zu erblicken sind, wurden zahlreiche seiner Angestellten in Kurzarbeit geschickt.

Alexander Wieberneit kennt die besondere Bedeutung der Branche für die Bundeshauptstadt. „Hier leben rund 200.000 Menschen vom Tourismus.“ Tourismus bedeute nicht nur, dass Hoteliers und Gastwirte von Berlin-Besuchern profitieren würden. Taxifahrer, Postkartenverkäufer und der Einzelhandel allgemein würden dank der Besucher in der Bundeshauptstadt Umsätze erzielen, die nicht unerheblich seien. BVG, S-Bahn und Ausflugsdampfer sowie Museen würden ebenfalls stark von Touristen frequentiert. General Manager Kolodziej konnte den Berliner Behörden ein einwandfreies Hygiene-Konzept vorlegen. Von dem namhaften Fresenius-Institut wurde es im Vorfeld überprüft und für sehr gut erklärt. „Das Mövenpick hätte eine Belegung von 50 bis 60 Prozent einwandfrei hinbekommen. Leider hat die große Politik nicht richtig zugehört. Wir stehen ja täglich mit unseren Kolleginnen und Kollegen via Telefon oder Internet in Kontakt. Die Sorgen sind ja in allen Berliner Hotels und Gaststätten vorhanden: Wie geht es wann weiter?“

Ein anderes Problem tut sich für den Hoteldirektor ebenfalls auf. „Junge Menschen, die mit Feuereifer bei uns und in den Betrieben unserer Kollegen tätig waren, fragen sich jetzt, im zweiten oder dritten Ausbildungsjahr: Ist meine Entscheidung überhaupt richtig gewesen? Sollte ich nach der Pandemie in die Hotelbranche zurückkehren?“ Alexander Wieberneit kann berichten: „Plötzlich drängt es junge Menschen wieder verstärkt danach, im Öffentlichen Dienst tätig sein zu dürfen. Bezirksämter, Senatsverwaltungen und viele andere Behörden bekommen seit dem Ausbruch von Corona wieder sehr viele Bewerbungen“. Nicht verstehen können die beiden Hotelverantwortlichen beispielsweise, dass „jetzt in einem Berliner Park mehr Betrieb herrscht als im Hotel.“

Christoph Kolodziej kann stolz berichten: „Nicht ein Mitarbeiter oder ein Gast, der aus beruflichen Gründen nach Berlin gekommen war und problemlos ein Zimmer buchen konnte, hat sich bei uns im Hotel Mövenpick infiziert. Wir können auch sagen, 99 Prozent unserer Gäste haben die AHA-Regeln beachtet. Einmal haben wir einen einzigen uneinsichtigen Gast des Hauses verweisen müssen. Ansonsten können wir uns bei den Gästen und unseren Mitarbeitern nur bedanken für ihr Verhalten in diesen Zeiten.“ Er kritisiert „[…] das nicht einheitliche Handhaben der Corona-Bestimmungen in ganz Deutschland. In einem Bundesland sind die Hotels bereits wieder geöffnet, wir in Berlin hinken da hinterher.“ Alexander Wieberneit vermisst die Unterstützung Seitens des Senats. „Wir haben ein Hygienekonzept mühselig erarbeitet. Niemand im Senat hat es für nötig gehalten, dieses durchdachte Konzept einmal persönlich vor Ort in Augenschein zu nehmen“.

Auch wenn nicht alles „rund läuft“, lässt das Mövenpick-Team den Kopf nicht hängen. General Manager Kolodziej: „Einen Einstellungsstopp gibt es bei uns nicht. Auch in diesem Jahr bieten wir wieder 7 jungen Menschen den Start ins Berufsleben per Ausbildung bei uns an. Wir alle müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass es nach Beendigung der Pandemie durchaus noch 2 Jahre dauern wird, bis wir das unternehmerische Niveau vor dem Ausbruch von Corona wieder erreichet haben werden“.

Bild: Alexander Wieberneit (li.) und Christoph Kolodziej; Aufnahme: Michael Königs