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Facetten der Modernität – Auf den Spuren der Preußischen Moderne

In Kleinmachnow findet man bis heute Spuren der Preußischen Moderne. Beispielsweise die von Hermann Henselmann entworfenen Wohnhäuser in der Fontanestraße, das von Ferdinand Zarth entworfene Wohnhaus von Kurt Weill, das nach einem Entwurf von ­Walter Gropius gebaute Wohnhaus in der Tucholskyhöhe 11. Im Juli stellte Prof. Dr. Ingo Sommer in Kleinmachnow sein Buch „Preußische Moderne: Vom Ende der Pracht und einer neuen Baukunst 1918–1933“ vor.

Der Mangel an bezahlbaren und preiswerten Wohnungen ist gegenwärtig eines der drängenden Probleme, vor allem in den Ballungsräumen der großen Städte. Dieses Problem ist nicht neu. Auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in der Weimarer Republik war Wohnraum knapp, die Wirtschaftslage äußerst schwierig und die Arbeitslosigkeit hoch. Unter dem Begriff Neues Bauen entwickelte sich als Antwort auf diese Herausforderungen eine moderne Architektur und Baupolitik, deren Konzepte bis heute nichts an Aktualität verloren haben.

Im Juli lauschten viele architekturinteressierte Kleinmachnower im Bürgersaal dem Vortrag des Architekten Ingo Sommer zu seinem kürzlich erschienenen Buch „Preußische Moderne: Vom Ende der Pracht und einer neuen Baukunst 1918–1933“. In seinem Alterswerk gelingt ihm ein spannender Einblick in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und wie sich der Aufbruch in eine demokratische Gesellschaft in der Baukunst widerspiegelt.

Groß-Berlin hatte 1920 knapp vier Millionen Einwohner. Weitere enge Mietskasernen mit dunklen Hinterhöfen zu bauen, war für die damaligen Bauplaner keine Option. Mehr Licht, Luft und Sonne für die Menschen, statt enger Straßenfluchten war nun das erklärte Ziel der Reformer unter den Architekten, Stadtplanern, Baubehörden und Politikern. Wilhelminischer Stuck und pompöse Fassadengestaltung entsprachen nicht mehr dem Selbstverständnis der jungen Republik. Die allgemeine Fortschrittsbegeisterung war nicht nur in der Malerei spürbar, sondern drückte sich auch international in unterschiedlichsten Architekturrichtungen wie dem Rationalismus mit frühen Wolkenkratzerentwürfen, Le Corbusier und der L‘Esprit Nouveau in Frankreich, dem ­Futurismus in Italien, dem Kubismus und Konstruktivismus aus. Eine vielfältige Formensprache, die heute unter dem Begriff ­Klassische Moderne zusammengefasst wird, spiegelte das neue Zeitgefühl in Europa und den USA.

Ingo Sommer während seines Vortrags in Kleinmachnow. Nach einer Maurerlehre studierte er Architektur und Stadtbau. 1971 diplomierte er an der Technischen Universität Berlin. Er arbeitete als Architekt in Berliner Bauverwaltungen und leitete von 1973 bis 2002 das Hochbauamt Wilhelmshaven. Gleichzeitig widmete er sich architekturgeschichtlicher Forschung und akademischer Lehre wie auch seiner Dissertation (NS-Baugeschichte) und seiner Habilitation (Architektur der Wohnbaureform).

Im Freistaat Preußen, das über einen langen Zeitraum vom Sozialdemokraten Otto Braun regiert wurde, entwickelte sich, trotz knapper Kassen, eine moderne Stadtplanung mit gemeinnützigem Wohnungsbau, öffentlichen Bauten wie ­Krankenhäusern, ­Erholungseinrichtungen, Sport- und Grünanlagen und Energieversorgungsanlagen. Gebaut wurde jetzt im öffentlichen Auftrag für das Volk, was auch sprachlich betont wurde. Es entstanden Volksschulen, Volksbibliotheken, Volksfürsorge und viele weitere Sozial- und Bildungseinrichtungen.

Diese zweckorientierte Profanarchitektur verzichtete auf funktionslose Dekoration wie Säulen, Stuck und Ornamente. Es entstanden kubische Baukörper mit flachen Dächern, klaren Linien und sparsamen Grundrissen. Das Buch liefert dazu sehr anschauliche Beispiele aus den verschiedensten Regionen Deutschlands. Es ist dem Autor Ingo Sommer dabei ein Anliegen, dass diese neue sachliche, schnörkellose Formensprache nicht ausschließlich, wie mittlerweile allgemein üblich, allein mit Entwürfen von Walter Gropius und der Bauhaus-Schule gleichgesetzt wird. Sein Buch weitet den Blick auf die vielfältigen Ansätze der anderen Kunstschulen und Architekten.

Fontanestr. 16, Entwurf Herrmann Henselmann, 1932
Tucholskyhöhe 11, Entwurf Walter Gropius, 1933

1929 reiste der gesamte Berliner Magistrat nach Amerika, um sich anschaulich von moderner Stadtplanung mit den notwendigen Vorfertigungstechniken inspirieren zu lassen. Hierzulande sind die Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf oder die Hufeisensiedlung von Bruno Taut bekannte Beispiele von neuen Wohnsiedlungen mit Gärten und Grün. Dazu kamen die von Alfred Grenander modern gestalteten U-Bahnhöfe wie der U-Bahnhof Krumme Lanke. Der jüdische Bauunternehmer Adolf Sommerfeld prägte hier in Zusammenarbeit mit den Architekten den Südwesten Berlins.

In Kleinmachnow entsprach das Neue Bauen so gar nicht dem Geschmack der Lokalpolitiker um Bürgermeister Funke. Östlich des Zehlendorfer Damms war schon vor dem Weltkrieg eine historistische Villenkolonie, das sogenannte „Goldstaubviertel“, entstanden. Nachdem eine Abordnung der Gemeinde sich, zusammen mit Adolf Sommerfeld, 1927 eine Reihenhaussiedlung mit Flachdächern von Gropius in Dessau-Törten angeschaut hatte, war die Entscheidung gefallen. Sommerfeld baute daraufhin die geplanten 1.200 Bürgerhäuser, angelehnt an tradiertem Stil, als freistehende Siedlungshäuser mit Satteldächern, Fachwerk, Sprossenfenstern und Bauerngärten.

Tradierte Formen entsprachen weiterhin dem Geschmack vieler Zeitgenossen. Die Form eines Daches wurde zum Politikum. Das Spitzdach entsprach mehr einer national-konservativen Gesinnung, während das Flachdach von Gegnern des Neuen Bauens als kommunistisch ­diffamiert wurde.

Die Phase des architektonischen Aufbruchs, die Preußische Moderne, dauerte nur wenige Jahre und endete unter den Nationalsozialisten. Zwar wurden einzelne, bereits geplante Bauten noch fertiggestellt, der „undeutsche Stil“ aber häufig durch Umgestaltung und Walmdächer beseitigt.

Viele Architekten und Bauherren verloren ihre Arbeit und flohen aus Deutschland, vor allem die mit jüdischem Hintergrund.

U-Krumme Lanke, Entwurf Alfred Grenander, 1929
Onkel Tom Siedlung, Bruno Taut, u.a. 1926-32

Bruno Taut, Marcel Breuer, Erich Mendelsohn, Martin Wagner, Walter und Fritz Behrendt, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Poelzig, Walter Gropius sind heute noch bekannt. Das Buch erinnert darüber hinaus an die vielen damals wichtigen Vertreter des neuen Bauens, die heute in Vergessenheit geraten sind. Sie starben im Exil oder in Konzentrationslagern.

In Kleinmachnow findet man bis heute Spuren der Preußischen Moderne. Beispielsweise die von Hermann Henselmann entworfenen Wohnhäuser in der Fontanestraße, das von Ferdinand Zarth entworfene Wohnhaus von Kurt Weill, das nach einem Entwurf von ­Walter Gropius gebaute Wohnhaus in der Tucholskyhöhe 11. Durch die vielen anschaulichen Beispiele und Abbildungen im Buch von Ingo Sommer gelingt es auch dem architekturinte-
ressierten Laien, mit einem geschärften Blick weitere Spuren des Neuen Bauens und der Reformarchitektur in seinem Umfeld zu identifizieren.

Nach dem Krieg lebten in West-Berlin, durch den Einfluss der Amerikaner, die Ideen der Moderne teilweise wieder auf. In den 1950er Jahren entstand mit den zurückgekehrten Architekten des Neuen Bauen wie Egon Eiermann, Max Taut, Arne Jacobsen, Walter Gropius u. a. das Hansaviertel.

Die heute als Bauhaus-Ästhetik wieder aufgegriffene Architektur vieler Wohnbauten ist jedoch nur ein Abklatsch ­dessen, was die Vertreter der Neuen ­Moderne mit ihrem umfassenden Konzept von Architektur und einem am Gemeinwohl orientierten gesellschaftlichen Konzept einst umsetzen wollten.

Der Blick zurück auf die neue Baukunst in den Jahren zwischen den Weltkriegen im Buch von Ingo Sommer bietet Anregungen für die Lösung heutiger Wohnungsbauprobleme vieler Großstädte.

Erstmals widmet sich ein Buch umfassend der profanen Baukunst im Freistaat Preußen (1918–1933) mit seinen Provinzen und Städten. Ingo Sommer zeichnet Architekturlinien nach: von der historistisch-wilhelminischen zur neuen Baukunst. Foto: ‎ Duncker & Humblot

Fotos: Ute Bönnen