Stahnsdorfer Hightech-Messgeräte für den Weltmarkt

Die Zeiten, in denen es reichte, den Finger in einen Behälter zu stecken, um den Füllstand oder die Temperatur festzustellen, sind lange vorbei. Schon zu DDR-Zeiten gab es elegantere Lösungen, besonders für diejenigen Fälle, bei denen diese veraltete Messmethode viel zu ungenau wäre – von gesundheitlichen Gefahren ganz abgesehen. Heutzutage benutzt man Sensoren aus Silizium oder Keramik, mit denen sämtliche Zustandsänderungen in Tanks oder Behältern ganz präzise registriert werden können.

Allerdings gibt es sehr viele unterschiedliche technische Prozesse, für die jeweils eine ganz bestimmte Sorte von Messgeräten hergestellt werden muss: Ob beispielsweise ein Tank mit aggressiver Säure oder mit heißem Kunststoff befüllt ist, erfordert kundenspezifisch angepasste Vorrichtungen mit mehr als drei Milliarden Varianten eines Gerätetyps.

Das VEB Geräte- und Reglerwerk in Teltow war früher das DDR-Innovationszentrum für Sensoren und Messgerätetechnik, doch wo bis zur Wende noch mehr als 7.000 Mitarbeiter beschäftigt waren, reichen heute dank modernster Technik weniger als 200 Fachkräfte aus, um den Weltmarkt mit Spitzenprodukten für die Füllstandsmessung zu versorgen – und dies bei einer Stückzahl von bis zu 20.000 Sensorgruppen, die das hiesige Werk monatlich verlassen. Seit 1994 geschah die Fertigung bei der Firma Endress+Hauser, welche bei der Übernahme auf erfahrene Mitarbeiter aus dem ehemaligen Teltower Werk zurückgreifen konnte.

Nach einem Brand in der Teltower Produktionsstätte zog die Firma 2009 endgültig nach Stahnsdorf um. Endress+Hauser – das ist ein mittlerweile global agierendes Familienunternehmen, das im Jahre 1953 in Lörrach/Baden quasi als Garagenfirma mit 2.000 Mark Startkapital begonnen hat. Seit der Firmengründung durch den damals 29jährigen Schweizer Ingenieur Georg H. Endress und den doppelt so alten Banker Ludwig Hauser wurde kontinuierlich an der Erfolgsgeschichte geschrieben.

Heute, 65 Jahre nach der Gründung, besitzt Endress+Hauser Tochtergesellschaften in allen sechs Kontinenten, mehr als 7.000 Patente und erzielt mit weltweit rund 13.000 Mitarbeitenden in Produktion, Vertrieb und Service einen Umsatz von über 2,1 Milliarden Euro – und trotzdem ist es ein bodenständiges und bescheiden agierendes Familienunternehmen geblieben, das nach wie vor der Wertschätzung seiner Mitarbeiter und den ethischen Prinzipien einer verantwortungsvollen Unternehmenskultur große Bedeutung zumisst.

Als kürzlich Dieter Stolze, der Stahnsdorfer Betriebsstättenleiter, im Teltower Industriemuseum (einem Kooperationspartner der Firma) einen interessanten und gut besuchten Vortrag hielt, waren einige ehemalige Mitarbeiter anwesend. Obwohl sie schon einige Jahre im Ruhestand sind, schwärmten sie noch heute vom guten Betriebsklima und vom vertrauensvollen Miteinander – nicht selbstverständlich in der heutigen Zeit.

Dieter Stolze (rechts) mit Lothar Starke vom Industriemuseum. Foto: MK

Die Stahnsdorfer Produktionsstätte in der Ruhlsdorfer Straße gehört organisatorisch zum deutschen Hauptsitz der Firma in Maulburg, und sie ist als Kompetenzzentrum für Silizium-Drucksensorik ein wichtiger Standort – so bedeutend, dass Endress+Hauser begonnen hat, das Firmengebäude um 5.400 Quadratmeter zu erweitern. Neun Millionen Euro wurden dafür veranschlagt, aber es könnte auch etwas teurer werden, Dieter Stolze wollte sich da nicht genau festlegen: „Zwei Dinge stehen fest: Erstens, der Bau wird fertig, zweitens, der Bau wird Geld kosten!“

Im Zusammenhang mit dem Ausbau des hiesigen Werks wird der Produktionsstandort Kassel aufgegeben. Sämtliche technischen Anlagen und ein Teil der Mitarbeiter müssen sukzessive in die neuen Gebäude nach Stahnsdorf umziehen – eine organisatorische Mammutaufgabe, die aber bis Jahresmitte abgeschlossen sein soll. Besonders aufwändig ist die Installation von Reinräumen, in denen die mikroskopisch kleinen Sensorbauteile mit höchster Präzision gefertigt werden. Zusätzlich werden etliche neue Mitarbeiter eingestellt, von denen einige momentan noch in Kassel geschult werden, andere werden in nächster Zeit ihre Tätigkeit direkt vor Ort beginnen (es gibt noch freie Stellen! ), so dass dann insgesamt 180 Beschäftigte in Stahnsdorf tätig sein werden.

Doch die Firma denkt bereits weiter und verfolgt in Stahnsdorf nachhaltig geprägte Zukunftsvisionen. Dazu werden nicht nur die Mitarbeiter in firmeninternen Weiterbildungsmaßnahmen geschult, sondern man pflegt auch enge Beziehungen zu den regionalen Bildungseinrichtungen, um perspektivisch neue Azubis zu gewinnen. Und auch die Forschungs- und Produktionskapazitäten sollen weiter ausgebaut werden.

Deshalb hat Endress+Hauser gegenüber vom jetzigen Standort ein 37.000 m2 großes Grundstück erworben, auf dem mittelfristig weitere Gebäude errichtet werden sollen. Hervorragende Aussichten also für den Industriestandort Stahnsdorf und ein weiteres Argument dafür, dass ein S-Bahn-Anschluss im Gewerbegebiet mehr als dringend benötigt wird.

Text: Karola Porzel, Foto: E+H