Gibt es in Berlin einen Ärztemangel?

Als Antwort auf obige Frage gelten sowohl ein JA als auch ein NEIN. Eine Diskrepanz, mit der sich am 19. Juni eine Presseveranstaltung im Rathaus Lichtenberg beschäftigte, an der auch Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst und Gesundheitsstadträtin Katrin Framke (beide DIE LINKE) und der Neuköllner Gesundheitsstadtrat und Stellvertretende Bezirksbürgermeister Falko Liecke (CDU) teilnahmen. Es ging um das Thema Ärztliche Versorgung in der Bundeshauptstadt.

Liecke begründete die beiden Antwortmöglichkeiten so: „Sollten sich – rein theoretisch betrachtet – alle Arztpraxen, die man in Berlin verzeichnen kann, in Charlottenburg und dort am Kudamm oder in Kudamm-Nähe befinden und nicht eine einzige Arztpraxis etwa in Neukölln oder Lichtenberg, können wir nicht von Ärztemangel sprechen.“

Bezirksbürgermeister Grunst und die beide Bezirksstadträte begründeten den Ärtzemangel mit der kieznahen Versorgung von Arztpraxen gehe. Lichtenberg und Neukölln legten erstmals eine umfassende Studie zur ambulanten ärztlichen Versorgung vor. Die Bezirke wollen dadurch eine Diskussion über die mangelhafte Versorgung mit Ärzten anstoßen. Begleitet wird die Studie von einem gemeinsamen Forderungskatalog, der zwölf konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in Berlin bereithält. Die Studie liefert  für alle Beteiligten (die Bezirke, die Politik, die Kassenärztliche Vereinigung und auch die Patienten) aktuelles Datenmaterial.

„Die Bezirke wissen am besten wo die Ärzte fehlen. Sie werden bisher aber überhaupt nicht beteiligt, wenn es um die Verteilung von Arztsitzen geht", sagte Katrin Framke. „Ich möchte daher direkt mit der Kassenärztlichen Vereinigung sprechen und die Bedarfsplanung mitgestalten.“

Neuköllns Gesundheitsstadtrat Liecke legt besonderen Wert auf einen größeren Einfluss der Bezirke in der medizinischen Versorgung vor Ort: „Mit einem medizinischen Versorgungszentrum in kommunaler Trägerschaft könnten die Bezirke die medizinische Versorgung besser steuern. Wir sind dann erstmalig in der Lage auf den Bedarf im Bezirk zu reagieren. Ich denke da vor allem an Kinderärzte, die in unserem Neukölln an allen Ecken und Ende fehlen.“

Konkrete Zahlen aus der Studie: In Lichtenberg kommen 51,8 Hausärzte auf 100.000 Einwohner. 59,5 sind es in Neukölln. Der Berliner Durchschnitt liegt bei 65,6 Hausärzten pro 100.000 Einwohnern. Damit liegt die Bundeshauptstadt aber immer noch unter dem Bundesdurchschnitt: 66,3 Hausärzte kommen statistisch gesehen auf 100.000 Einwohner.

Michael Grunst wies darauf hin, dass die Zahl der zuziehenden Bürger keineswegs mithalte mit der Zahl der nach Berlin kommenden Ärzte in Arztpraxen. „Berlin wird bald vier Millionen Einwohner haben. Lichtenberg verzeichnet seit Kurzem ein Plus von 25.000 Einwohnern. Dabei sind wir offiziell in Lichtenberg gar nicht unterversorgt mit Hausärzten. Der Versorgungsgrad liegt bei 86 Prozent. Von Unterversorgung redet man erst, wenn der Versorgungsgrad unter der 75 Prozent-Marke liegt.“

Falko Liecke ist „so langsam aber sicher nicht mehr gewillt, auf Abhilfe durch die Krankenversicherung zu vertrauen.“ Viel zu lang sei diese Problematik bekannt, ohne dass Verbesserungen zu sehen seien. „Wir alle werden älter", so der stellvertretende Neuköllner Bezirksbürgermeister. „Man möchte als Senior und nicht mehr ganz so mobiler Mitbürger keine langen Wege, mit vielleicht mehrfachem Umsteigen in Kauf nehmen, um zum Arzt zu kommen.“

Die Studie zur ambulanten Ärzteversorgung wurde von den Bezirken Lichtenberg und Neukölln in Kooperation mit dem Evangelischen Krankenhaus Elisabeth Herzberge und dem Sana Klinikum Lichtenberg beauftragt. Erstellt wurde die Studie durch das unabhängige Forschungs- und Beratungsinstitut IGES. Die Studie ist unter  https://goo.gl/LrFvvB zum Download erhältlich.

 

Foto: Michael Grunst, Katrin Framke, Falko Liecke (von li. na. re.)

 

Text/Foto: VTN