Lebensmittelrückrufe: Noch nie gab es so viele

Im Fernsehen, in sozialen Netzwerken oder in der Zeitung sieht man sie regelmäßig – die Rückrufe der Lebensmittelindustrie. Mal sind es Glassplitter in der Konserve, mal Verunreinigungen in der Marmelade oder im ärgsten Fall auch Salmonellenbelastung in der Wurst. Es fühlt sich an, als gäbe es noch nie so viele Rückrufe – und das Gefühl trügt nicht. Im vergangenen Jahr gab es jede Woche drei Rückrufe. Das sind rund zehn Prozent mehr als im Jahr 2016.

161 Warnungen vor Lebensmitteln

2017 warnten die Behörden in Deutschland auf dem staatlichen Internetportal lebensmittelwarnung.de 161 Mal vor Lebensmitteln. Das geht aus einer Auswertung von Foodwatch hervor. Das entspricht im Schnitt drei Rückrufen pro Woche. Tatsächlich dürften es sogar noch mehr sein, denn laut Foodwatch veröffentlichen die Behörden nicht alle Produktrückrufe auf dem Portal. Aber auch die Reichweite des staatlichen Internetportas ist aus Sicht der Organisation nicht ausreichend. Die meisten Produktrückrufe erreichen die Menschen kaum. foodwatch veröffentlicht regelmäßig Produktwarnungen auf der eigenen Facebook-Seite mit über 376.000 Abonnenten und informiert so Hunderttausende Verbraucher. Ein bereits 2011 zwischen Bund und Ländern fest vereinbarter E-Mail-Newsletterservice über Produktwarnungen hingegen ist bis heute nicht eingerichtet.

Informationen kommen oft zu spät und unzureichend

Als zentrale Informationsplattform für Verbraucherinnen und Verbraucher ist lebensmittelwarnung.de aus Sicht von foodwatch gescheitert. Das Portal sei unübersichtlich und liefere Rückrufhinweise nur lückenhaft und oft verzögert: Jede zweite Warnung erscheint deutlich verspätet, wie ein Test von foodwatch in 2017 zeigte. Ohnehin finden sich auf der Seite in der Regel nur Meldungen, die auch die betroffenen Unternehmen schon veröffentlicht haben. Eine Einschätzung, warum es zu mehr Rückrufen kam, sei jedoch schwierig, so foodwatch-Expertin Lena Blanken: „Ob es zu mehr Vorfällen kam oder ob die Unternehmen mittlerweile einfach eher einen Rückruf starten, lässt sich aus den Zahlen nicht ablesen. Fakt ist: Wenn es zu einem Rückruf kommt, wird nicht alles dafür getan, die betroffenen Menschen zu warnen.“ 

Auch Supermärkte informierten ihre Kunden häufig unzureichend, kritisierte foodwatch. „In Deutschland werden jede Woche im Schnitt etwa drei Lebensmittel zurückgerufen – doch die Verbraucherinnen und Verbraucher erfahren häufig nichts davon“, sagte Lena Blanken von foodwatch. Neben einer Verbesserung des Portals lebensmittelwarnung.de sieht die Verbraucherorganisation vor allem den Handel in der Pflicht. Supermärkte sind bisher nicht dazu verpflichtet, die Kunden schnell und umfassend an zentraler Stelle über alle Rückrufaktionen aus ihrem Sortiment zu informieren. Dies müsse sich dringend ändern, so foodwatch: „Die Supermärkte haben direkten Kontakt zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern, informieren aber viel zu oft entweder gar nicht oder nur unzureichend über Rückrufe. Rewe, Aldi, Edeka und Co. müssen per Aushang in den Filialen, über Newsletter, Pressemitteilung und auch über die sozialen Medien die Kundinnen und Kunden vor gesundheitsgefährdenden Produkten warnen.“ Über eine E-Mail-Protestaktion unter www.warn-mich.foodwatch.de können Verbraucherinnen und Verbraucher diese Forderung an die Handelsketten unterstützen.

Jedes Jahr steigt die Anzahl der Rückrufe

Bund und Länder hatten die Internetseite lebensmittelwarnung.de im Jahr 2011 gestartet, um Rückrufe auf einer zentralen Plattform zu verbreiten. foodwatch hat alle Meldungen des Portals der vergangenen Jahre ausgewertet. 2017 stellten die Behörden 161 Rückrufe online – aus den unterschiedlichsten Gründen, von Glasscherben im Brot bis Salmonellen im Ei. Damit gab es, seit das Portal Ende 2011 online ging, nahezu konstant einen Anstieg der gemeldeten Rückrufe. Die Seite lebensmittelwarnung.de ist seit Ende 2011 online. Seitdem sind dort über 700 Warnungen veröffentlicht worden – davon 15 im laufenden Jahr.

Infografik: Jede Woche drei Lebensmittelrückrufe | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Das deutsche und europäische Lebensmittelrecht lässt bisher viele Spielräume, wann ein Rückruf erforderlich ist. Ob und in welcher Form vor unsicheren Lebensmitteln gewarnt wird, hängt in erster Linie vom Willen und der Kompetenz der Unternehmen ab. Denn sowohl die Beurteilung des gesundheitlichen Risikos als auch die öffentliche Warnung ist in erster Linie Aufgabe der Unternehmen – die hier vor dem Interessenkonflikt zwischen einem Rückruf und möglichen negativen Folgen für das Unternehmen stehen. Den Behörden fehlt oftmals die Rechtssicherheit. foodwatch hatte im vergangenen Jahr in dem Report „Um Rückruf wird gebeten“ die Schwachstellen des Systems der Lebensmittelrückrufe aufgezeigt: Wichtige Lebensmittelwarnungen kommen bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern oft nicht an. In etlichen Fällen entscheiden sich Unternehmen und Behörden zu spät, manchmal auch gar nicht für eine erforderliche Rückrufaktion und die Information der Öffentlichkeit. Zudem werden dabei die gesundheitlichen Risiken der Lebensmittel, die zum Beispiel mit Bakterien belastet sind oder Fremdkörper enthalten, immer wieder verharmlost.

Aktuell gibt es auf der Facebook-Seite von foodwatch zwei Lebensmittelwarnungen: Wegen möglicher Gefahren durch Kautschuk-Teile ruft die Hamfelder Hof Bauernmeierei ihre Sauerrahmbutter zurück. Die Pickerd GmbH & Co. ruft Schoko-Blättchen zurück. Grund: möglicher Schimmelbefall. Appetitlich ist anders.

Text: PM / pst / Grafik: statista.de / Foto: pixabay.de 

 

 

 

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