Harald Kretzschmar: Aus Kleinmachnow in die Welt der Kunst und Satire

Aller guten Dinge sind drei, sagt der Volksmund. Und das sagte sich der Verfasser dieser Erkundungen auch. Nach der zweimaligen erfolgreichen Edition von Texten und Zeichnungen zur Kulturgeschichte der Region um seinen Wohnort Kleinmachnow herum legt er nun auf ganz persönliche Art und Weise nach. Das Buch zum Künstlerort Kleinmachnow hieß im August 2008 „Paradies der Begegnungen". 2010 bereinigte eine Nachauflage Fehlstellen. Im Februar 2016 folgte diesmal fehlerlos zur Erinnerung an andere Prominente in und um Kleinmachnow „Treff der Originale". Zum Jahresende 2017 erschien bereits der dritte Titel auf dem Buchmarkt: Die Überraschung besteht darin, dass nun der Autor seinem Publikum etwas zuruft: „Stets erlebe ich das Falsche".

Was sagt dieser kurios daher kommende Titel?

Sollen das nun etwa Memoiren sein? Nein, keineswegs. Neunzig Prozent des Buches füllen fünfzig ausführliche Porträt-Essays, die den Namen prominentester Gestalten der Kunstszene der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet sind. „Der alternative Künstlerreport" heißt es nicht zufällig im Untertitel. Damit wird mit jeweils persönlich erlebten Anekdoten versucht, ein klein wenig Kunstgeschichte der neuen Art zu vermitteln. Neu durch ganz andere Perspektiven der Sicht auf künstlerische Lebenswerke als üblich. Und aufgrund der besonderen Profession des Autors neu auch durch die Betonung von Karikatur und kritischer Zeichnung.

Eine Autorenlesung mit Bildvortrag findet am 26. April 2018 um 19:30 Uhr im Bürgersaal im Rathaus Kleinmachnow, Adolf-Grimme-Ring 10, statt.

Dem allgemeinen Trend zu breit ausgewalzten Memoiren nachzugeben, wird durch eine betont kurz gefasste Beschreibung der eigenen acht Lebensjahrzehnte vermieden. Von der Vita des eigenen Großvaters, einer Pastorenfamilie und zweier bedeutsam wirkender Top-Lehrer aus startet dann schon der Ausflug in eine aus heutiger Sicht einzigartige Kunst-und-Karikatur-Szene. Die Methode, wie das alles anschaulich aufgerollt wird, gleicht der dem Publikum bekannten Art und Weise der exklusiv für den lokal.report regelmäßig verfassten Erkundungen. Geübt ist geübt – auf 240 Buchseiten ist durchaus Ähnliches praktikabel. Was konfliktreich erlebten Zeitumständen an heiter-gelassener Betrachtungsweise abzugewinnen ist, verdient mit zeitlichem Abstand ein Lächeln des Verstehens.

Das betrifft auch die politischen Rahmenbedingungen eines Berufslebens mitten im Kalten Krieg. Die strenge Reglementierung erscheint für Außenstehende als permanente Bedrohung durch die Zensur. Das Publikum aber, welches das Wirken vieler individuell begabter und vielseitig in Erscheinung tretender Geister in der Szene miterlebt hat, erinnert sich gern daran. Die jede Woche auf 16 anzeigenfreien Seiten prallvoll mit witziger Weltsicht gefüllte Zeitschrift „Eulenspiegel" erreichte in den besten Zeiten mühelos eine halbe Million Leser. Als ständiger freier Mitarbeiter daran mitzuwirken, lohnte sich selbst für einen, der mühsam mehrmals wöchentlich von Kleinmachnow aus die halbe Hauptstadt umrunden musste, um am Redaktionsgeschehen teilzuhaben.

Von Leipzig aus in die Höhle des Löwen

Von seinem Studienplatz Leipzig 1956 lockte den jungen Diplomgrafiker die verführerische Nähe des anregenden Biotops Westberlin in diesen Ort. Darin bestand bereits die Fortsetzung eines unkorrekten Lebenslaufes. Die brave Bürgerlichkeit des nach den Wirren des 45er Umbruchs in die Brüche gegangenen Dresdner Elternhauses war unrettbar dahin. Die damals noch mögliche Prüfung der Berufsaussichten im Westen ging negativ aus. Als Zeichner von Porträtkarikaturen der Prominenz Karriere zu machen, war die Verlockung im Osten. 1961 zerschellte wiederum die Hoffnung auf gute Ost-West-Nachbarschaft an der in die Höhe schießenden Mauer. Der junge Neueinsteiger in die Presse landete auf Gedeih und Verderb in der Höhle des Löwen. „Gut gebrüllt, Löwe!" nun als Lob nur für den witzmäßig aufbereiteten Klassenkampf? Das konnte doch nicht wahr sein.

Wieso es trotz der Menge solch widriger Umstände ganz anders kam, davon erzählt dieses Buch. Was kann da in der Entblätterung vieler prominenter Einzelschicksale deutlich werden? Wie stark politischen Prämissen zum Trotz in diesem Land die Verbundenheit mit deutscher Tradition und internationalem Standard auf dem Gebiet von Kunst und Satire war. Wie eine von der Gegnerschaft zum vorangegangenen Naziregime genährte kritische Haltung bis in die erzählten Witze hinein das ganze Lebensgefühl durchsetzte. Wie ein kultiviertes Terrain für das Heranwachsen zahlreicher origineller Talente sorgte. Wie die Verwendung gezeichneter Bildelemente in den Medien die berufliche Erfüllung für ungleich mehr bildkünstlerisch Begabte als heute brachte. Schließlich und endlich: Wie die fantasievolle Widerstandskraft der menschlichen Natur mit diktatorischen Zumutungen fertig werden kann.

Anekdoten, die es in sich haben

Der Autor kann da nur empfehlen, sich vorurteilslos dem Genuss des Kennenlernens von Menschen hinzugeben, die da seinen Weg kreuzten oder oft genug begleiteten: Gründer von Zeitschriften oder Museen wie Herbert Sandberg und Hannes Hegen, Boris Jefimow und Eryk Lipinski. Schöpfer grandioser Bildfindungen wie Bernhard Heisig und Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und Werner Klemke. Erfinder von Situationen unendlicher Komik wie Erich Schmitt und Henry Büttner, Loriot und Mordillo. Damals auf diesem Feld leider noch vergleichsweise wenige bedeutende Frauen wie Gisela May und Lea Grundig, Marie Marcks und Barbara Henniger.

Der Knalleffekt aber besteht darin, dass die Leserschaft über den Umweg der Biografien von Heinz H. Schmidt und Wolf Biermann etwas Besonderes erleben kann: Die höchst kurios zu nennende Konfrontation des porträtierenden Karikaturisten mit der Allgewalt der beiden Staats- und Parteiherrscher Walter Ulbricht und Erich Honecker. Die Anekdoten dazu haben es in sich. Wenn damit der Beweis gelingt, dass das Leben im als falsch angesehenen System in richtiger Weise komische Wahrheiten hervorbrachte, dann kann der Kleinmachnow immer als Rückzugsort bevorzugende Autor gelassen darauf zurücksehen.

Harald Kretzschmar: Stets erlebe ich das Falsche – Der alternative Künstlerreport
Mit Portraitzeichnungen des Autors
Erschienen im Quintus Verlag Berlin, ISBN 978-3-947215-03-4
240 Seiten, 20,00 Euro

Text: Harald Kretzschmar