Fantastic Opera in Kleinmachnow – nächste Station ist die Italienische Nacht

Florenz/ Italien, um das Jahr 1600: Die vermögende und gebildete Elite der Stadt hat beschlossen, das antike griechische Theater wieder aufleben zu lassen. Dass dabei Gesang eine Rolle spielen muss, darüber ist man sich einig, hat man doch in den alten Schriften gelesen, dass es Chöre gab. In allem Eifer übertreibt man allerdings, lässt gleich die ganze Handlung und alle Dialoge singen – und erfindet so eine ganz neue Gattung des Musiktheaters, die Oper. Caccini, Monteverdi und andere Komponisten bringen spannende und anspruchsvolle Werke auf die Bühne, die die ganze Urgewalt von Gefühlen und dramatischen Schicksalen der griechischen Götter- und Sagengestalten sinnlich erlebbar machen. In Wirklichkeit geht es aber um die ganze Bandbreite von menschlichen Schicksalen und Gefühlen, Liebe und Leidenschaft, Euphorie und Verzweiflung, Treue und Verrat – also im Grunde ganz aktuelle Inhalte, dazu noch mit „echtem“ Gesang ohne Mikro und technische Hilfsmittel.

Gut 400 Jahre später in Deutschland: Die meistgehörte Musik besteht aus flachem Singsang von Schlagersternchen, immer ähnlicher klingendem Weichei-Pop oder einfältigem Großmaul-Rap. „Follower“ sind wichtiger als Inhalte, „Fame“ ist wichtiger als Kunst. Was fehlt, sind echte Gefühle, vermittelt durch sängerisches Können und musikalischen Tiefgang, kurzum: „Mehr Drama, Baby!“ – und genau das bietet die Oper, im Gegensatz zur Scheinwelt des modernen, oberflächlichen Medienhypes.

Und dass die Oper alles andere als ein angestaubtes Relikt ist, demonstrierte eindrucksvoll das Team von „Fantastic Opera“ unter der Regie von Dorothea Rinck mit einer rundum gelungenen Premiere in den Kleinmachnower Kammerspielen. Dirk Zeugmann, Ilona Nymoen von der Kammeroper Kleinmachnow (Sängerin und künstlerische Leiterin) sowie Thomas Peter (Sänger und Autor) hatten die Idee zu diesem Projekt.

Die Geschichte spielt in Sevilla – dem Handlungsort vieler bekannter Opern wie Carmen, Don Giovanni oder Fidelio. Dort begegnen sich zwei recht gegensätzliche Paare: Ein ziemlich einfach gestrickter, aber schwer verliebter Spielefan (Ralf Simon) mit seiner adretten russischen Freundin (Daria Kalinina) und der etwas ältere Motorradfan (Thomas Peter) mit seiner frustrierten, doch liebeshungrigen Frau (Ilona Nymoen)  –  und schon kommt es zum prickelnden Partnertausch-Abenteuer, das am Schluss in Ernüchterung und Versöhnung endet. Die ideale Vorlage für ein actionreiches Bühnengeschehen und die passenden Arien aus bekannten Opern oder – in einigen Szenen – aus Operetten, denn genauso wie es geistreichen Humor gibt, erzählen manche Leute auch Flachwitze, und dementsprechend passt die „kleine Schwester der Oper“ besonders zu komödiantischen Szenen.

Die Kenner im Publikum freuten sich oft darüber, wenn in der Handlung genau die Musik vorkam, die sie selbst auch dafür gewählt hätten. Besonders witzig: Eine Arie aus Tschaikowskis „Eugen Onegin“, im Hawaiihemd gesungen, die „Torero-Arie“ aus „Carmen“ beim heftigen Flirt mit der jungen Geliebten. Immer präzise und dezent dazu die Klavierbegleitung (Markus Zugehör), bei der man das große Orchester zu keinem Zeitpunkt vermisste.

Ohne dabei auf das Niveau einer Daily Soap oder einer peinlichen Scripted Reality-Show abzurutschen: Die Handlung war aus dem Leben gegriffen, teils witzig, teils tragisch – und vor allen Dingen verständlich und nachvollziehbar dank deutscher Texte. Große Requisiten oder eine opulente Bühnendekoration hätten da nur abgelenkt. So kam der hervorragende Gesang bestens zur Geltung, und die Zuschauer war glücklich darüber, eine so professionell gestaltete Aufführung in Kleinmachnow geboten zu bekommen.

Gern hätte man sich ein zahlreicheres – und besonders auch mehr jüngeres – Publikum gewünscht, aber das sonnige Pfingstwochenende, eine königliche Hochzeit und ein Fußball-Pokalendspiel waren natürlich starke Konkurrenten. Umso schöner, dass weitere (wenn auch etwas verkürzte) Aufführungen folgen sollen: Am 30. Juni im Rahmen der „Italienischen Nacht“ auf dem Rathausmarkt und am 17. November beim geplanten „Ball mit Oper“ in den Kammerspielen, auf den man besonders gespannt sein darf. Darüber hinaus möchte das Team aber auch gezielt Jugendliche ansprechen, die mit klassischem Operngesang bisher wenig oder gar keine Erfahrungen gemacht haben. Dazu ist ein gemeinsames Projekt mit dem Bildungsministerium geplant, sicher ein lohnendes Vorhaben.

Der erste Opernabend in Kleinmachnow war auf jeden Fall ein gelungener Anfang und macht Lust auf mehr. Wieder einmal wurde gezeigt: Das Berliner Umland hat ein hochkarätiges künstlerisches Angebot zu bieten und ein enormes Potenzial, das jegliche Förderung verdient!

Text: KP/ Fotos: MK

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