Der Hauptmann von Cöpenick und die „Lügenpresse“

Im Jahre 1906 kaufte sich der mehrfach vorbestrafte Schuster Wilhelm Voigt beim Trödler eine gebrauchte Uniform. Als Hauptmann verkleidet  ließ er mehrere Soldaten, die ihm begegneten, nicht nur strammstehen. Er gab ihnen sogar den Befehl, sich seinem Kommando zu unterwerfen für eine sehr geheime Angelegenheit. Der 1849 geborene Wilhelm Vogt hatte aber nur eines im Sinn: Sich im damaligen Rathaus von Cöpenick, das sich noch mit C schrieb, einen Pass ausstellen zu lassen. Was der Halunke jedoch nicht bedacht hatte: Amtliche Papiere wurden damals in Teltow bei Berlin ausgestellt. Also nahm er im Cöpenicker Rathaus die Kasse mit. Das brachte dem Ganoven bald wieder viele Jahre Zuchthaus ein. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer schrieb das berühmte Werk „Der Hauptmann von Köpenick.“ In Berlin wurde es auf der Theaterbühne 1931 uraufgeführt. Auf der Theaterbühne im Köpenicker Restaurant Luise stand am 10. November der Kabarettist, Schauspieler, Sänger und Autor Jürgen Hilbecht. Dem Publikum hatte der Herr im Frack gleich am Anfang seines Auftritts zwei wichtige Meldungen zu verkünden. „Hochgeschätztes Publikum!  Ein Künstler steht noch im Berliner Stau. Dieser Hilbrecht nämlich. Bitte gedulden Sie sich noch etwas.“  Der Musiker Kurt Fritsche kam pünktlich mit seinem Akkordeon zur Vorstellung. Wo blieb aber nur dieser unzuverlässige andere Künstler?  Dann stellte der Herr im Frack  sich vor: „Mein Name ist übrigens Voigt. Wilhelm Voigt. „Ich bin nicht 1922 gestorben. Die Lügenpresse war das, die so etwas Falsches verbreitet hat. Ich, der Hauptmann, bin nämlich unsterblich!“ Natürlich durfte der auf der Bühne stehende Wilhelm Voigt, schon allein aus rechtlichen Gründen, sein Geheimnis nicht verkünden, wie es zu dieser Unsterblichkeit gekommen ist. Er sagte weise und leise: „Auf der Bühne ist alles möglich.“ Damit der Schuster nicht verhungert ist in all den Jahren, musste er auch arbeiten gehen. „Nicht immer blieb ich dem alten Spruch „Schuster bleib bei deinen Leisten“ treu.“ Der Ganove Wilhelm Voigt war als Aushilfskellner tätig. Nicht im Ratskeller von Cöpenick, da ist ja die Gefahr zu groß, er wird erkannt. Steckbriefe mit seinem Konterfei von ihm gab es an jeder Litfaßsäule  Er kellnerte doch tatsächlich in der Kantine des Deutschen Bundestages. Leider hielt dieser Job nicht lange. Bevor der Chef ihn fristlos kündigen würde,  warf der Kantinenmitarbeiter lieber selber das Handtuch. Hartz IV kann er nicht beantragen, einen Pass besitzt Voigt ja immer noch nicht! Wie kam es eigentlich zu der Kündigung nach so kurzer Zeit? Der Aushilfskellner und Beikoch zweiten Grades hatte sich zu intensiv um die Speisekarte gekümmert! Die CDU-Fraktion sollte „Essen wie bei Mutti. Die Herrschaften von der bayerischen CSU bekamen von mir vom Papst gesegneten Weihrauchschinken serviert. Den Sozis servierte ich Rote Radieschen, Rote Beete, Rote Grütze, Rote Fassbrause. Das alles schön vermengt auf einem roten Teller. Die GRÜNEN bekamen ihre Grünkernsuppe ab, die LINKEN Soljanka nach ostdeutscher Art.“ Auch gab es folgende Neuerungen dank Wilhelm Voigts Tätigkeit im Bundestag: Die Arbeitsministerin Andrea Nahles bekam ein Arbeitsgericht serviert, Innenminister Thomas de Maiziere ein Standgericht, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein Militärgericht, und der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der den Steuerzahlern sogar das letzte Hemd wegnehmen möchte, bekam das Jüngste Gericht serviert. „Meine persönliche K-Frage ist gelöst. Kellner, Kantine, Kanzleramt.“ Leider ist der unsterbliche Halunke Voigt aber immer noch ohne Pass und jetzt auch wieder ohne Einkommen. Beim Pass tun sich auch noch andere Probleme auf. „Im ostpreußischen Tilsit bin ich zur Welt gekommen. Heute sagt man Sowetsk.“ Dort regiert Herr Putin. Wenn nun der gute Voigt in deutschen Ämtern den Pass beantragen würde bei diesem Geburtsort: Was ist er heute eigentlich? Migrant? Asylant? Flüchtling? Umsiedler? Viele Fragen und keine Antworten, denn der Hauptmann meidet ja weiterhin Rathäuser und Meldestellen. Eines gab er dem Publikum noch mit auf den Weg: „Bei mir ist noch lange der Lack nicht ab. Ich mache nicht schlapp. Ich bin noch lange kein Wrack.“ Tosender Applaus und lang anhaltende Bravo-Rufe kamen Jürgen Hilbrecht, äh, Pardon, wir meinen natürlich Schuster Wilhelm Voigt, zu Ohren. www.hauptmann-von-coepenick.de

 

Foto: Jürgen Hilbrecht, der Hauptmann von Cöpenick, und Musiker Kurt Fritsche

Text/Foto: VTN