Nach dem Mittelalter kommt die Neuzeit - Bis 2030 verdoppeln sich die Hochbetagten und ihre Lebensstile ändern sich
Wie stellt ihr Euch das 21. Jahrhundert vor? Derartige Fragen waren keine Seltenheit, damals in meinem Zeichen- oder Deutschunterricht – Klasse 5 oder 6. Ich zeichnete futuristische Stadtlandschaften mit fliegenden Autos und schrieb Aufsätze, in denen Menschen mit weißen Kitteln durch helle Fabrikhallen spazierten und nur noch drei Stunden täglich arbeiten mussten. Die verbleibende Zeit stünde für persönliche Freizeitgestaltung und gesellschaftliches Engagement zur Verfügung. Der Kommunismus hatte unwiderruflich gesiegt, und uns stand eine lichte Zukunft bevor.
Meine Oma war damals 1980 eine etwas pummelige Mittsechzigerin mit grauem Dutt und Blümchenkittelschürze. Dass ich 2030 etwa in ihrem Alter sein würde – eine Idee jenseits des Vorstellungsvermögens. Tätowierte Omas mit blauen Haaren und Opas auf einer Harley Davidson – ein absurder Gedanke.
Altern mal populärsoziologisch
„Die kollektive Ausgangsbedingung einer Generation ist die schicksalsmäßig verwandte Lagerung eines Geburtsjahrgangs“, so der Soziologe Karl Mannheim bereits 1928. In der Folge entstanden aufgrund historisch-kultureller Besonderheiten Generationszuschreibungen: Flakhelfer-Generation für die Zwölf- bis 17-Jährigen, die zum Ende des letzten Krieges das 3. Reich retten sollten, bis zur Generation Praktikum für prekäre und unterbezahlte Arbeitsverhältnisse der Jugend. Seit jeher machen Klischees die Runde, über die unkultivierte „Jugend von heute“ bis zu den „spießigen Alten“. Doch das Seniorenbild hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Die nette Oma in der Kittelschürze, welche leicht klebrige Dropse an die Enkelschar verteilt, ist als Klischee kaum mehr tauglich. Stattdessen kommen sie zügigen Schrittes mit Nordic-Walking-Stöcken in der Teltowkanalaue daher. Ältere Damen „schwofen“ durch die Berliner und Kleinmachnower Jazz-Szene und schwärmen für die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot der Volksbühne. Gisela Kretzschmar aus Kleinmachnow ist seit ihrer Studienzeit in Leipzig Jazz-Liebhaberin. „Meine Enkeltochter spielt Contrabass. Die hat uns Karten besorgt für die Berliner Festspiele“, schwärmt sie. „Da haben wir gemerkt, wie sehr der Jazz sich verändert hat. Aber da geht ja jetzt die Post ab. Da muss ich mir jetzt schon mal die Haare färben, dass ich da nicht so alt aussehe, in der Jazz-Szene.“ Sie wäre schon mal 77 gewesen, erklärt sie, gefragt nach ihrem Alter.
Sie lernen Englisch in der Akademie 2. Lebenshälfte und lesen das Online-Abo des lokal.reports per Laptop. Heute ist es kaum jemandem noch ein müdes Kopfschütteln wert, wenn Pensionäre auf Antifluglärmdemos lautstark nach Straßenblockaden als Protestform rufen oder sich in jungen Parteien engagieren. „Bin ich denn schon alt?“, entgegnet Roni Jacobowitz, als er auf sein Engagement bei der Piratenpartei angesprochen wird. Seit einigen Wochen ist der 65-Jährige Teltower dort Mitglied. Er wünscht sich eine Veränderung der politischen Kultur. Man habe sich selbst bei den Grünen sehr von basisdemokratischen Idealen entfernt. Das Internet hingegen biete in dieser Hinsicht erstaunliche Möglichkeiten.
Niemand wird sich mehr umdrehen, wenn statt Hörgeräten iPod-Kopfhörer in Senioren-Ohren stecken, aus denen überlaut die Rolling Stones in den Fahrgastraum des Havelbusses dröhnen. Und ein Fotomodel wie jenes auf dem Titel dieser Ausgabe wird vermutlich auch kaum jemand ungewöhnlich finden. Helga Gobernatz trifft man dienstags zwischen 9 und 10 Uhr im Teltower Bürgerhaus. Ihre Kolleginnen vom Seniorentheater „Die Runzelrübchen“ tragen überdimensionierte Polizeimützen, als die Redaktion des lokal.reports in die Probe platzt und ein Tattoo-Fotomodel für die Titelseite des lokal.report sucht. Die 71-Jährige ist sofort mit von der Partie. An diesen Beispielen wird die Vielfalt kultureller Teilhabe im Alter deutlich.
Vor allem aber werden sie immer mehr. Laut der neuesten Prognose der Bertelsmann Stiftung ...
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